Mainz in der Conference Legue: Schöne Schiffsreise
Für die Mainzer Fußballer könnte die Partie in Straßburg die Krönung einer heiklen Saison werden. Entsprechend zelebrieren die Fans die Anreise.
Wenn die gut 300 Mainzer Fans am frühen Donnerstagabend in Kehl anlegen, dürften sich viele von ihnen fragen, ob ihr unsicherer Gang an den Wellentätigkeiten auf dem Rhein lag – oder am eigenen Aktivismus am Tresen. Eine sechseinhalbstündige Schifffahrt („beim Einsatz von Bengalos oder Konfettikanonen kann die Fahrt abgebrochen werden“) ab Karlsruhe wird bereits hinter ihnen liegen, ehe es mit Bussen über den Rhein zum Meinau-Stadion geht.
Das Hinspiel hatten die Mainzer am vergangenen Donnerstag mit 2:0 gewonnen und vor allem im ersten Durchgang so deutlich dominiert, wie das zuvor kaum einer erwartet hatte. Dabei hätten die Elsässer gewarnt sein können: Seit Urs Fischer auf der Trainerbank sitzt, läuft es bei den Rheinhessen. Unter dem in Mainz menschlich nach wie vor hochgeschätzten dänischen Energetiker Bo Henriksen hatte sich zuvor Niederlage an Niederlage gereiht. Als Tabellenletzter ging es in die Winterpause – mit 8 Punkten. Seither kamen 21 dazu, in der Rückrundentabelle ist Mainz Fünfter. Und das trotz zahlreicher verletzter Leistungsträger wie Robin Zentner, Stefan Bell, Nadiem Amiri oder Benedict Hollerbach, die teils immer noch ausfallen.
Umso besser passten die drei Winterneuzugänge, die Sportdirektor Niko Bungert verpflichtete: Sheraldo Becker, Phillipp Tietz und Stefan Posch, der im Hinspiel überragte. Der Schweizer Stoiker Fischer ist natürlich dennoch zu routiniert, um nun in Jubelgeheul auszubrechen: „Geschafft ist noch gar nichts. Erst wenn wir rechnerisch durch sind, können wir feiern.“
Finale in Leipzig keine Utopie
Die Conference League, in der man bislang allerdings auch meist auf Mannschaften unter dem Straßburger Niveau traf, sieht man in Mainz dennoch nicht als Ablenkung vom Liga-Alltag. Tatsächlich ist selbst das Finale in Leipzig seit dem Hinspiel keine Utopie mehr. Am vergangenen Donnerstag lief Straßburg, das seit Sommer 2023 zur BlueCo-Gruppe von Chelsea-Boss Todd Boehly gehört, wie gewohnt mit der jüngsten Startelf der französischen Ligue 1 auf. In puncto Zweikampfführung und Cleverness machte sich das gegen die ausgebufften Rheinhessen bemerkbar. Doch der an sich sympathische Jugendkurs ist Teil des BlueCo-Konzeptes, bei dem Racing immer mehr zum Farmteam von Chelsea wird.
Die Londoner sollen sich künftig bei den Racingtalenten nach Belieben bedienen, so wie sie das bereits beim Trainer taten: Liam Rosenior wechselte Anfang Januar quasi über Nacht nach London. Die Straßburger Ultras, die auch am Donnerstag viele Hunderte Gäste aus den befreundeten Szenen von Hertha BSC und dem Karlsruher SC begrüßen werden, protestieren seit Monaten tapfer gegen die „multipropriété“ (auf deutsch: multi-club-ownership), auch beim Hinspiel in Mainz schwiegen sie deshalb eine Viertelstunde.
Sie geraten mit ihren Protesten aber auch im eigenen Stadion zunehmend in die Defensive. Der Mehrheit des Anhangs sind die Eigentumsverhältnisse gleichgültig, solange der Tabellenplatz (8.) halbwegs stimmt. Im Hinspiel zeigten die Mainzer-Fans ein Solidaritätstransparent. Zehntausend von ihnen wären gerne an der Meinau dabeigewesen.
Doch Racing hat das Gästekontingent auf 5 Prozent der Gesamtkapazität beschränkt – die 05er hatten den Racingfans derer 10 eingeräumt. Das hat allerdings weniger mit französischen Egoismen als damit zu tun, dass die dortigen Auswärtsblöcke deutlich kleiner sind als hierzulande – angesichts der weit größeren Entfernungen und des Umstands, dass die Spiele meist recht kurzfristig angesetzt werden, begleiten jenseits des Rheins weit weniger Fans ihr Team auf Auswärtsfahrten.
Den Fans an der Meinau wird sich also mit einem prall gefüllten Gästeblock ein seltener Anblick bieten, wenn sie ihr Protestplakat wie gewohnt hinterm Tor aufhängen. Die erlaubte Variante „Non à la multipropriété“, wird darauf zu lesen sein. Eine englische Version („no to multiownership“) hatte die Vereinsführung bei einem Hinrunden-Heimspiel am Eingang konfisziert.
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