Iryna Fingerova und ihr Roman „Zugwind“: „Sie vermeidet negative Emotionen“
Die auf den Tresen springt: Iryna Fingerova, in Dresden lebende ukrainische Schriftstellerin, über Arztgeheimnisse und Perspektiven der Migration.
taz: Iryna Fingerova, Sie stellen dem zweiten Teil Ihres Buches „Zugwind“ ein Zitat von Mascha Kaléko voran: „Zur Heimat erkor ich mir die Liebe.“ Warum?
Iryna Fingerova: Sie war eine sehr gute Dichterin. Bekannt wurde sie im Berlin der 1920er Jahre. Als jüdische Schriftstellerin emigrierte sie nach New York und überlebte den Holocaust. Danach veröffentlichte sie weiter, kehrte sogar nach Deutschland (West) zurück. Mascha Kaléko gehörte zur Avantgarde und hatte auch eine Perspektive der Migration. Und dieser Satz …
Zur Person: Geboren und aufgewachsen in Odessa. Lebt heute in Deutschland. Sie arbeitet als Ärztin, Journalistin und Schriftstellerin. Gründerin des Theaters der Ohren in Odessa.
Zum Buch: Der Roman „Zugwind“ ist aktuell bei Rowohlt in Hamburg erschienen. Teilweise auf Deutsch verfasst, die ukrainischen Passagen hat Jakob Walosczyk übersetzt. Die gebundene Ausgabe mit 304 Seiten kostet 24 Euro.
taz: „Zur Heimat erkor ich mir die Liebe“ …
Fingerova: … den hatte ich beim Schreiben für „Zugwind“ plötzlich wieder im Kopf. Ich hatte ihre Gedichte in Odessa gelesen, als ich noch Studentin war. Etwa 2017. Dann habe ich in Dresden, wo ich seit einigen Jahren lebe, Texte von ihr bei einer Performance erneut gehört. Und mich wieder mit ihr beschäftigt. Und dieser Satz stand intuitiv wie ein Graffiti vor meinen Augen.
taz: Dem Zitat von Mascha Kaléko stellen Sie wiederum eines von Michajlo Semenko gegenüber: „Nicht der Tod bringt mich um, sondern das Leben.“ Wer war er?
Fingerova: Er gehörte zur ukrainischen Avantgarde, fast die gleiche Zeit wie Kaléko. Ein Revolutionär, der künstlerisch der Richtung des Futurismus zugerechnet wird. Wir bezeichnen es als Phase der entschlossenen ukrainischen Renaissance, die Unabhängigkeitsbewegung in den 1920er Jahren. Er wurde 1937 vom russisch-sowjetischen Geheimdienst ermordet, vernichtet wie so viele der prominenten ukrainischen Dichter und Schriftsteller. Später von den deutschen Nazis oder heute vom russischen Militär wie etwa Victoria Amelina und Wolodymyr Wakulenko.
taz: Die „ukrainische Renaissance“ in den 1920er und 1930er Jahren, wofür stand sie?
Fingerova: Es sollte eine Art kulturelle Wiedergeburt einer unabhängigen Ukraine werden. Doch die Träger dieser Renaissance wurden wie Semenko vernichtet. Ähnlich, wie das Russland heute wieder versucht.
taz: Sie sind in der Ukraine, in Odessa, geboren und aufgewachsen. Haben Sie sich damals schon mit den klassischen Avantgarden auseinandergesetzt? Welche Literaturen beeindruckten Sie in Ihrer Jugend in der postsowjetischen Phase der Ukraine?
Fingerova: Das ist schwer, knapp zu sagen. Wir haben viele russische Autorinnen und Autoren gelesen. Dissidenten und Avantgardisten etwa wie Daniil Charms. Natürlich auch Majakowski. Doch die imperialistische Russifizierung der Ukraine war ein großes Thema. Ab einer gewissen Ebene war man in der früheren Sowjetunion gezwungen, Russisch zu sprechen. Es gab große Unterschiede und permanent Konflikte.
taz: Wie drückte sich dies in der Literatur aus?
Fingerova: In der ukrainischen Literatur geht es oft um die Geschichte, den Kampf für Freiheit. In der russischen häufiger um innere Reflexion, menschliche Beziehungen, Liebe und Moral. Ukrainisch war als Sprache nie wirklich anerkannt, teilweise verboten. Ukrainisch galt generell als rückständig. Es gab das Klischee, man komme vom Dorf. In sowjetische Filmen wurden ukrainischsprachige Protagonisten als einfältig dargestellt.
Als ich geboren wurde, nach dem Zerfall der Sowjetunion, hat man auch in Städten wie Odessa zumeist Russisch gesprochen. Ich selber bin bilingual aufgewachsen. In der Schule sprachen wir Ukrainisch. Das Fernsehen ist auf Ukrainisch. Und ich habe dann mein Staatsexamen in Medizin, ukrainischer Sprache und Literatur bestanden. Auch für Medizin muss man zusätzlich Ukrainisch und Literatur studieren.
taz: Medizin plus Literatur?
Fingerova: Cool, nicht? Das gilt auch für alle anderen Studiengänge, um die ukrainische Sprache und Literatur zu stärken. Neben Charms hat mich aber auch der magische Realismus von Borges oder Márquez sehr beeindruckt.
taz: Sie waren Gründerin des Theaters der Ohren in Odessa. Was hat es damit auf sich?
Fingerova: Open Mikes und Poetry-Slams in Bars waren atmosphärisch unbefriedigend. Ebenso die im Theater. Oft kamen nur Angehörige und enge Freunde. Und in den Pubs tranken sie Bier und hörten nicht zu. Einmal bin ich in einer Bar richtig wütend geworden und auf den Tresen gesprungen. Ich habe laut geschimpft und die Leute ausgelacht. Zufällig war die junge Programmdirektorin von einem Museum aus Odessa anwesend, und wir sprachen miteinander.
taz: Wie ging es weiter?
Fingerova: Ich war es leid, dass uns niemand zuhört. Und wir haben dann in ein jüdisches Zentrum in Odessa eingeladen, zum Theater der Ohren, und den Leuten die Augen verbunden. Da waren sofort 200 Leute im Publikum. Die Menschen fanden es aufregend, geheimnisvoll. Und hörten uns nun zu. So entwickelte es sich zu einer funktionierenden Plattform für moderne Autorinnen und Autoren in Odessa.
taz: Sie verließen schon vor dem jetzigen Krieg die Ukraine, um als Ärztin in Deutschland zu arbeiten. Warum gerade hier?
Fingerova: Es gibt eine Freundin hier. Und ich wollte einfach eine Weile in einem anderen Land leben, selbstständig sein, neue Erfahrungen machen. Mein Mann, damals mein Freund, lernte Deutsch und ließ sich darauf ein. Ich wollte entweder nach Israel oder Deutschland. Ich war 24 Jahre alt. Es war nicht einfach. Und dann wurde ich schwanger, wir bekamen eine Tochter. Inzwischen leben auch meine Eltern in Dresden.
taz: Ihre literarische Hauptfigur in „Zugwind“, Mira Zehmann, ist wie Sie Ärztin, eine jüdische Ukrainerin aus Odessa, die in einer deutschen Stadt in Deutschland lebt. Aus ihrer Perspektive schildern Sie Erlebnisse aus Deutschland und der Ukraine.
Fingerova: Ich finde, man sollte über das schreiben, was man gut kennt. Und ob ich nun eine 30-jährige Ukrainerin oder einen 50-jähriger Mann zum Ausgangspunkt der Erzählung mache, es bleibt immer ein Spiel mit Perspektiven. Vieles bei „Zugwind“ ist ausgedacht. Und auch wenn ich mit dem Autobiografischen spiele, natürlich ist darin neben Spaß auch eine Metaebene von Ideen und Literaturgeschichte enthalten.
taz: Sie verbinden in Ihrer Prosa Alltagsbetrachtungen einer Medizinerin aus ihrem Privat- mit dem Berufsleben. Eine ukrainische Frau Anfang 30, im Ausland, während sich die alte Heimat gegen den russischen Aggressor wehrt. Wo ist Ihre Figur eigentlich mehr zu Hause, in der Ukraine oder in der Bundesrepublik? Die deutsche Stadt bleibt namenlos, wird nicht genannt.
Fingerova: Es kann jede deutsche Stadt sein. Ein bisschen wie bei Gogol, der übrigens auch ein ukrainischer Schriftsteller war. Die Figur ist für sich selber eine Art Zuhause. In dem metaphorischen Sinne des Zitats von Mascha Kaléko, über das wir eingangs sprachen.
taz: In „Zugwind“ thematisieren Sie den Zwiespalt von Menschen, die in Sicherheit sind, während es die anderen in der Ukraine nicht sind. An einer Stelle schreiben Sie, man lebe mit einer „Kraft auf Kredit“. Und die eigene Existenz verpflichte, das Leben zu feiern. Also nicht alles negativ auf sich zu beziehen oder in Selbstmitleid zu ergehen.
Fingerova: Der Krieg zerstört so vieles. Er darf uns nicht noch die Freude am Leben nehmen. Er dauert schon so lange und wird noch länger andauern. Selbstfürsorge ist sehr wichtig. Und wenn man etwas für andere tun will, dann sollte man auf jeden Fall handeln wie bei einem Notfall im Flugzeug: zuerst die Sauerstoffmaske sich selber aufsetzen, um dann anderen helfen zu können. Einfach dasitzen und leiden, es hilft niemanden.
taz: Da spricht neben der Schriftstellerin die Medizinerin.
Fingerova: Viele Ärzte haben ein Helfersyndrom. Und ignorieren sehr gerne die eigenen Probleme. Das macht meine Figur der Mira auch. Und sie vermeidet negative Emotionen, weil sie einfach keine Zeit dafür hat. Doch irgendwann bemerkt sie diesen Zugwind. Die fragile Welt und die vergängliche Weltordnung. Die Gefühle, die sie weggeschoben hat, treten nun umso intensiver hervor.
taz: Sie haben als Medizinerin in der Allgemeinmedizin, aber auch in der Psychiatrie gearbeitet. Die Geschichten, die Sie aus der Perspektive von Miras Arbeitsalltag erzählen, wie dokumentarisch sind sie?
Fingerova: Ich habe sie nicht erfunden, aber verfremdet und fiktionalisiert. Viele Ukrainerinnen kamen zu mir als Ärztin wegen medizinischer Probleme, aber in Wirklichkeit hatten fast alle seelische. Sie haben schlechtes Gewissen, Sorgen über die Zukunft, um ihre Freunde und Verwandten, zu wenig Austausch, typische Probleme der Migration oder des Exils. Viele schämen sich, weil sie hier in Deutschland sind und nicht in der Ukraine.
taz: Wenn Sie schreiben, „eine Frau saß erschöpft auf dem Boden. Die Frau war ich“, könnte man meinen: Da betrachtet das lyrische Ich sich selbst. Einige Passagen in „Zugwind“ haben mich an die Lyrics von Popsongs erinnert. So beginnen Sie vier fast gleich lange Absätze nacheinander jeweils mit „Kaputte Erwachsene“. Eine Assoziation führt rhythmisch zur nächsten?
Fingerova: Also, ich verstehe selber nicht, wie das funktioniert. Ich höre, wie die Poesie des Alltags flüstert. Wir leben in einer sehr absurden, komischen und traurigen Welt – sie hat ganz bestimmt ihre eigene Melodie.
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