Uralter Sport für Männer und Frauen: Stark aus der Hüfte
In Guatemala gründen Frauen ein Team im Ballsport Pok-Ta-Pok. Sie beleben eine alte Tradition. Denn die Erzählung der Männersportart ist eine Mär.
V ielleicht ist es kein Zufall, dass am Ende der ersten WM 2023 die „Frauen mit dem Herzen aus Feuer“ oben stehen. Denn die I'x K'at, wie ihr Name in der Maya-Sprache Kaqchikel heißt, sind seit Jahren eingespielt – und wissen, wie man Grenzen einreißt. Sie gründeten 2018 in Guatemala das erste Frauenteam der traditionellen mesoamerikanischen Ballsportart Pok-Ta-Pok.
Die Idee kam von Francisca Elías, einer Lehrerin für die Maya-Sprache Kaqchikel, die auch Sport unterrichtet. Als sie mit ihren Studentinnen das Popol Vuh las, einen der wichtigsten erhaltenen Maya-Texte, in dem das Spiel vorkommt, fragten die Frauen fasziniert, ob Elías die Regeln kenne. Elías kannte sie nicht, aber war angefixt. Sie gründete nach Recherchen mit den Studentinnen ein Team, das 2018 zum historischen ersten nationalen Turnier reiste. Ansonsten gab es nur Männermannschaften.
Pok-Ta-Pok, auch als Ulama oder Juego de Pelota bekannt, ist eines der ältesten Ballspiele der Welt und wurde von Mayas, Azteken und anderen mesoamerikanischen Völkern gespielt. Weil es über Jahrtausende und Kulturräume hinweg existierte, gab es keine einheitliche Version, auch ist kein genaues Regelwerk überliefert.
Gemeinsam ist allen Varianten, dass mit einem harten Kautschukball gespielt wird, der nicht mit Händen oder Füßen berührt werden darf, oft mit ritueller Bedeutung. Bei den Azteken soll es sogar Profispieler gegeben haben. Und wie selbstverständlich nahm die Forschung an: Es haben nur Männer gespielt.
Rückkehr zu alten Wurzeln
Doch Statuen von Ballspielerinnen widerlegten diesen Sexismus. Laut der Forscherin Maria Isabel Ramos zeigen neuere Studien zudem, dass Frauen ab etwa 1900 wieder spielten. Die Studentinnen von I'x K'at aus Guatemala treten also in historische Fußstapfen. Für sie ist das nicht nur ein Teilhabekampf, sondern auch eine Rückkehr. Denn die Kolonialherren verboten das Ballspiel und löschten es damit beinahe aus. Pok-Ta-Pok existierte nur in der Nische weiter; erst jüngst gab es ein Revival. Heute wird der schwere Ball vor allem mit der Hüfte gespielt. Viel Athletik ist dafür nötig, die Spielerinnen müssen sich ständig auf den Boden werfen. Frauen spielen zwei Halbzeiten à zehn Minuten. Wer den Ball in die gegnerische Hälfte bringt, macht Punkte. Und wer ihn durch einen drei Meter hohen Ring befördert, hat sofort gewonnen.
I'x K'at gewinnen oft, aber belächelt werde das Team trotzdem. „Andere Studentinnen sagen: wie peinlich, ein Maya-Ballspiel“, sagt die Spielerin Jesica gegenüber der Nachrichtenagentur „Agencia Presentes“. „Das liegt an mangelndem Selbstbewusstsein oder mangelndem Wissen.“ Für die indigenen Frauen bedeutet Pok-Ta-Pok, sich ihrer Herkunft nicht länger zu schämen. Vor der Partie führen sie Zeremonien durch und rufen ihre Schutzgeister an.
„Das Maya-Spiel ist eine Form, ihre Identität wiederzuerkennen“, erzählte Francisca Elías der AFP. Heute, berichtet sie, würden ihre Studentinnen trotz gesellschaftlicher Vorurteile stolz sagen: Ich bin Maya.
Dieser Stolz wächst nicht nur in Guatemala. Im Jahr 2020 reisten die I'x K'at erstmals zu einem Turnier ins Ausland, ins mexikanische Chiapas. Im selben Jahr spielten sie gegen Männer in ihrem Heimatland – und siegten. Gegen die männlichen Landesmeister in Guatemala verloren sie, aber nur knapp. 2022 organisierten die Frauen selbst ein Turnier. Da war die erste Frauen-WM 2023 wohl eine logische Konsequenz. Drei weitere Teams aus Mexiko, El Salvador und Belize nahmen teil. Die Guatemaltekinnen entwickeln sich derweil zu einer dominierenden Kraft – den Titel gewannen sie auch 2025. Spielerin Lize, die zuvor 20 Jahre Fußball spielte, beschreibt Pok-Ta-Pok als Befreiung: Früher habe sie in Begrenzungen gelebt. „Jetzt ist alles weit.“
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