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Deepfake-Affäre in der CDU NiedersachsenCDU streitet darum, wer den Elefantenpimmel gesehen hat

Nadine Conti

Kommentar von

Nadine Conti

Die Affäre um das Deepfake-Video in der CDU geht weiter. Der freigestellte Mitarbeiter wehrt sich und will die Fraktionsspitze früh informiert haben.

Wer wusste was? Carina Hermann, parlamentarische Geschäftsführerin der CDU-Fraktion, und der Fraktionsvorsitzende Sebastian Lechner Foto: Julian Stratenschulte/dpa

D a ist sie also, die nächste Runde in der bizarren Affäre um ein Deepfake-Video in der CDU-Landtagsfraktion. Dabei hatte sie das doch eigentlich ganz clever gemacht: Am 1. April (ausgerechnet) machte die Fraktion öffentlich, dass ein leitender Mitarbeiter ein KI-Video von einer Kollegin erstellt und in einer Whatsapp-Gruppe mit anderen Mitarbeitern geteilt hatte. In dem Video soll sie lasziv im Bikini herumtanzen.

Und erst einmal setzt die Fraktion alles daran zu signalisieren: Wir nehmen das ernst, das hat Konsequenzen. Der Ersteller des Videos wurde gefeuert, die Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Und der Fraktionsgeschäftsführer suspendiert. Ihm wird vorgeworfen, die Fraktionsspitze nicht rechtzeitig und umfassend genug informiert zu haben.

Er hat zwar dafür gesorgt, dass das Video gelöscht wird und der Ersteller eine Abmahnung erhält – hat ihm also einmal auf die schmutzigen Finger geklopft. Er hat aber eben auch alle zum Stillschweigen verdonnert. Doch irgendwer in dieser Boygroup der besonderen Art hat das wohl nicht ausgehalten.

Mit zwei Monaten Verspätung wurde das Geschehen an die Fraktionsleitung herangetragen – hieß es zumindest bisher. Doch dem widerspricht nun der suspendierte Geschäftsführer. Er habe die parlamentarische Geschäftsführerin Carina Hermann schon am 19. Januar informiert, zwei Tage nach dem Vorfall, heißt es in einer Erklärung, die er über seinen Anwalt an verschiedene Medien verteilen ließ.

Wozu diente diese Whatsapp-Gruppe überhaupt?

Carina Hermann widerspricht dem: Sie sei nur oberflächlich informiert worden, sagt sie. Ihr sei nicht nur das Video vorenthalten worden, sondern auch der Name der Whatsapp-Gruppe und das Profilbild. Die hieß „MitGLIEDER“ und das Bild zeigte einen erigierten Elefantenpenis.

Der schwebt nun wie ein Damoklesschwert über dem Bürgermeisterwahlkampf des suspendierten Geschäftsführers, Adrian Mohr, der eigentlich das Rathaus in Dörverden erobern wollte.

Aber dieser ganze Hickhack darum, wer wann was gewusst hat, überdeckt natürlich einige der sehr viel spannenderen Fragen: Wozu diente diese Whatsapp-Gruppe überhaupt? Und wie lange bestand sie? Acht Fraktionsmitarbeiter sollen darin gewesen sein, natürlich nur Männer.

Haben die da ihre gemeinsamen Vatertagsausflüge, Golfturniere oder Puffbesuche koordiniert? Oder war das so eine Art Selbsthilfegruppe, in der man sich darüber ausweint, dass die 50er-Jahre vorbei sind? Dass man jetzt mit so Weibsbildern zusammenarbeiten muss? Oder noch schlimmer: Mit Carina Hermann eine Frau vor der Nase hat, die mehr verdient, einiges zu sagen hat und sich nicht scheut, das auch zu tun?

Für die Staatsanwaltschaft gibt es nicht viel zu ermitteln

Und was läuft da in der Personalauswahl der CDU eigentlich schief, wenn man so viele Männchen mit altbackenem Pennälerhumor und der Sozialkompetenz von 13-Jährigen auf einem Haufen versammelt? Machen die da so Assessment-Center, bei denen derjenige eingestellt wird, der am glaubwürdigsten „höhöhö“ macht, wenn der Chef schlechte Witze erzählt?

Das ist ja das eigentliche Ärgernis für den Fraktionschef Sebastian Lechner: Da hat er sich solche Mühe gegeben, die CDU zu modernisieren und zu digitalisieren – und dann fahren ihm diese peinlichen Dummdödel einfach in die Parade.

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Leider werden diese Fragen wohl nie geklärt werden. Die CDU-Fraktion möchte das jetzt erst einmal intern aufarbeiten. Und die eingeschaltete Staatsanwaltschaft wird auch nicht groß ermitteln müssen, in deren Augen ist der Fall ja klar: keine sexuelle Belästigung, keine Beleidigung, nur ein Verstoß gegen das Kunsturhebergesetz – sofern die Betroffene das anzeigen möchte.

Merke: In diesem Land kann es zwar als Beleidigung gewertet werden, wenn man Polizisten duzt. Aber nicht, wenn man Kolleginnen virtuell auszieht und mit dem Arsch wackeln lässt.

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Nadine Conti
Niedersachsen-Korrespondentin der taz in Hannover seit 2020
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