Bundeswehr macht Geländegewinne: Klecker-Grundstücke statt „Perle“ an der Förde
Die Bundeswehr kehrt auf das von ihr einst aufgegebene Marinegelände MFG 5 in Kiel zurück. Damit sind ambitionierte Stadtentwicklungsziele Makulatur.
Die Bundeswehr kommt zurück auf das Gelände des ehemaligen Marinefliegergeschwaders 5 (MFG 5) in Kiel. Dort, wo die Stadt unter dem Namen Holtenau-Ost ein neues Wohn- und Geschäftsviertel am Wasser errichten wollte, wird in wenigen Jahren das Seebataillon einziehen, ein Verband, der zu Wasser und an Land eingesetzt werden kann und den die Marine als „notwendige Antwort auf die veränderte Bedrohungslage“ bezeichnet. Ein Teil des Geländes bleibt aber bei der Stadt. Insgesamt sollen rund 2.275 neue Wohnungen entstehen – wie und wo regelt ein Abkommen, das Stadt und Bundeswehr in den vergangenen Monaten verhandelt haben.
Er habe schon geschluckt, als die Bundeswehr im Sommer 2025 darum bat, das Gelände zurückkaufen zu können, berichtet Kiels Noch-Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD). „Holtenau-Ost war das wichtigste Entwicklungsprojekt in Kiel, ein hochattraktives Wohnviertel am Wasser.“ Aber die Anfrage schlicht abzulehnen sei keine Lösung gewesen, erklärte Kämpfer. Erstens gehe die Weltlage auch an der Kommunalpolitik nicht vorbei, zweitens habe die Bundeswehr im Extremfall die Möglichkeit, die Rückgabe von Flächen zu erzwingen.
Verhandlungen seien daher für beide Seiten die beste Möglichkeit gewesen. Das bestätigte Marineinspekteur Vizeadmiral Jan Christian Kaack, der Kämpfer bescheinigte: „Sie haben es uns nicht leicht gemacht.“
Zu den Erfolgen der Stadt gehört, dass die Bundeswehr im Tausch zum Großteil des MFG-5-Geländes mehrere Flächen in anderen Vierteln abtrat. Darunter sind „drei Hektar mit Blick auf die Gorch Fock“, wie Kämpfer es nennt, sowie ein Gebäude am zentral gelegenen Schützenwall. 700 Wohnungen sollen auf einem Zipfel auf dem MFG-5-Gelände entstehen.
Über 2.000 Wohnungen sollen trotzdem entstehen
Auch über Gewerbeflächen hat die Stadt verhandelt und unter anderem die Genehmigung des Landes für den Ausbau eines gemeinsamen Gebietes mit der Nachbargemeinde Heikendorf erhalten. „Sehr konservativ gerechnet“ könne die Stadt insgesamt 2.275 Wohnungen bauen, etwas mehr als ursprünglich für Holtenau-Ost geplant.
Auch die Gewerbeflächen würden sich auf mehr als die vorgesehen 20 Hektar summieren. Erhalten bleiben soll auch eine Trasse für Rad- und Fußverkehr, die durch das Gelände führt und es mit ferneren, fördeauswärts gelegenen Stadtvierteln wie Friedrichsort oder dem designierten Olympia-Standort Schilksee verbindet.
Unklar ist noch, ob und in welcher Höhe die Stadt finanziell entschädigt wird. „Das war ein Knackpunkt und wird noch eine harte Nuss“, sagte Kämpfer. Weder er noch Vizeadmiral Kaack wollten sich zur Höhe der möglichen Summe äußern. Dennoch glaube er, „dass wir rausgeholt haben, was möglich war“, sagte Kämpfer. Für ihn sei es eine „Herzensangelegenheit“ gewesen, die Verhandlungen noch vor Ende seiner Amtszeit abzuschließen. Der designierte SPD-Spitzenkandidat für die Landtagswahl im kommenden Jahr war nach zwei Amtsperioden nicht mehr angetreten und verlässt seinen Posten im Kieler Rathaus in der kommenden Woche.
Die Reaktionen auf die jetzige Vorlage fallen gemischt aus. Während Knud Hansen, Präsident der Industrie- und Handelskammer zu Kiel, von einem „Sechser im Lotto für Kiel und Schleswig-Holstein“ spricht, lehnen die Linken im Kieler Rathaus die Ergebnisse als „Kapitulation gegenüber der Bundeswehr“ klar ab und kündigen Widerstand an.
Die Grünen stellen zwar die Rückkehr der Bundeswehr auf das Gelände nicht infrage, sprechen aber von einem „bitteren Beigeschmack“. Bis zum endgültigen Abschluss der Verhandlungen liege noch ein guter Teil Arbeit vor Kämpfers Nachfolger Samet Yilmaz (Grüne) und der Ratsversammlung, die im Sommer dem Vertrag zustimmen soll.
Kieler bei der Infoveranstaltung
Kritische Nachfragen, aber kaum lauten Protest gab es bei einer öffentlichen Versammlung am Mittwochabend. In der gut gefüllten Halle 400 saßen auch die direkt Betroffenen, darunter Mitglieder des Wagengruppe „Schlagloch“, die seit 2024 auf dem Gelände leben, und die „Schwentineflotte“ – Wohnboote, die zurzeit in einem Hafen liegen, den später die Marine nutzen will. „Ist ja schön, dass Sie so einen tollen Dialog geführt haben, aber die Kommunikation mit uns war grottenschlecht“, sagte einer der Bewohner. Weder für die Schwentineflotte noch für Schlagloch oder die rund 600 Geflüchteten, die zurzeit in den alten Kasernen wohnen, gibt es bisher neue Standorte, nur die Zusage, dass nach Lösungen gesucht werde.
Andreas Meyer vom Bündnis für bezahlbaren Wohnraum ist unzufrieden mit der Lösung: „Holtenau-Ost war eine Perle – nur gibt es über die Stadt verkleckerte Flächen.“ In der Ostsee hätten die Nato-Staaten eine so deutliche Überlegenheit, dass die Bedrohung durch einen möglichen russischen Angriff unwahrscheinlich erscheine.
Das sah ein anderer Kieler bei der Infoveranstaltung anders: „Durch Bundeswehr mitten in der Stadt fühle ich mich bedroht – die Bevölkerung wird als Schutzschild missbraucht.“ Den Vorwurf wies Admiral Christian Walter Meyer, Kommandeur der in Kiel stationierten Flottille, zurück und ergänzte: „So schlimm das ist: Heute nimmt keiner mehr Rücksicht auf zivile Ziele, im Gegenteil, sie werden direkt angegriffen.“
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