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Ursprünge des Internationalen FrauentagsEine unbequeme Sozialistin bis heute

Clara Zetkin war eine Vorkämpferin für Frauenrechte. Wegen ihres Kampfes für eine sozialistische Gesellschaft tut man sich immer noch mit ihr schwer.

Clara Zetkin 1930 an ihrem Schreibtisch: „Ich will leben, das heißt so leben, dass es mir lebenswert erscheint“ Foto: picture-alliance/dpa

Was bleibt von Clara Zetkin? Zahlreiche Straßen, Wege oder Plätze sind nach der Initiatorin des Internationalen Frauentags benannt, vor allem in Ostdeutschland. In Stuttgart-Sillenbuch, wo sie lange gelebt hatte, gibt es eine von ihr einst mitbegründete und heute ihren Namen tragende linke Tagungs- und Begegnungsstätte. In Birkenwerder in der Nähe von Berlin, ihrem letzten Wohnort in Deutschland, existiert eine kleine Gedenkstätte. Im Bundestag hat die Linke ihren Fraktionsraum nach ihr benannt. Und die Partei vergibt jährlich einen Clara-Zetkin-Preis, mit dem „herausragende feministische Leistungen in Gesellschaft und Politik“ gewürdigt werden sollen.

Vergessen ist Clara Zetkin also nicht. Gleichwohl ist es kein leichtes Unterfangen, ihr gerecht zu werden. Sie hat gleich mehrfach Geschichte geschrieben, doch bis heute nicht den ihr gebührenden Platz in der Geschichte gefunden. In der DDR idealisiert, wurde sie in der alten BRD totgeschwiegen oder verfemt. Auch das wiedervereinigte Deutschland tut sich bis heute schwer mit ihr. Trotzdem gibt es an Klara Josephine Eißner, als die sie am 1857 im sächsischen Wiederau geboren wurde, kein Vorbeikommen. Schon gar nicht am 8. März.

Einerseits war sie ein Kind ihrer Zeit, andererseits dieser in ihrem eigenen Lebensentwurf weit voraus. Sie war eine Vorkämpferin für Frauenrechte, wetterte jedoch inbrünstig gegen die „Frauenrechtlerei“. Sich als Feministin zu bezeichnen, wäre ihr als bisweilen schroffe Gegnerin der bürgerlichen Frauenbewegung nie in den Sinn gekommen. „Eine rote Feministin“, wie die Journalistin Lou Zucker ihr 2021 erschienenes Buch über sie betitelt hat, war Zetkin trotzdem. Sie selbst zog die Bezeichnung „internationale Sozialistin“ vor. Obwohl aus einem bürgerlichen Elternhaus stammend und nie in einer Fabrik arbeitend, gilt sie als Begründerin der proletarischen Frauenbewegung.

Als auf der von ihr geleiteten Zweiten Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz am 27. August 1910 in Kopenhagen der Internationale Frauentag beschlossen wurde, war Zetkin 53 Jahre alt und hatte bereits ein bewegtes Leben hinter sich. Gerade volljährig und verliebt in den linken russischen Revolutionär Ossip Zetkin war die junge gelernte Volksschullehrerin 1878 in Leipzig in die Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) eingetreten, wie sich die SPD damals nannte. Das war im Jahr des Verbots der Partei im Zuge des Sozialistengesetzes Bismarcks und bedeutete den Bruch mit ihrem liberalen bürgerlichen Elternhaus.

Traum von einer sozialistischen Gesellschaft

Von 1882 an lebt Klara Eißner mit dem aus Sachsen als „lästigen Ausländer“ ausgewiesenen Ossip Zetkin in ärmlichsten Verhältnissen im Exil in Paris. Sowohl den bürgerlichen als auch den proletarischen Konventionen der damaligen Zeit fundamental widersprechend, ist sie mit ihm „aus Grundsatz“ ohne Trauschein in „freier Ehe“ zusammen. Gleichwohl nimmt sie seinen Nachnamen an. Sie bekommen zwei Söhne. 1886 erkranken Ossip und Clara Zetkin an Tuberkulose. Er stirbt daran Anfang 1889 mit nur 39 Jahren, sie wird sich von der Erkrankung nie wieder ganz erholen. Bis zu ihrem Lebensende wird sie immer wieder mit körperlichen Zusammenbrüchen zu kämpfen haben.

Wenige Monate nach dem Tod ihres Lebenspartners nimmt Clara Zetkin im Juli 1889 am Gründungskongress der Zweiten Internationale in Paris teil – als eine von fünf Frauen unter 400 Teilnehmenden. Die 32-Jährige, die über englische, französische, italienische und russische Sprachkenntnisse verfügt, hält eine vielbeachtete Rede. „Wie der Arbeiter vom Kapitalisten unterjocht wird, so die Frau vom Manne; und sie wird unterjocht bleiben, solange sie nicht wirtschaftlich unabhängig dasteht“, lautet einer ihrer Kernsätze.

„Nur in der sozialistischen Gesellschaft werden die Frauen wie die Arbeiter in den Vollbesitz ihrer Rechte gelangen“ – das ist die zentrale Botschaft ihrer Rede, die Zetkin bis zu ihrem Lebensende unermüdlich in zahlreichen Artikeln und unzähligen Reden im in- und Ausland weiter propagieren wird. Aber was bedeutet das? Bevor sich um die Befreiung der Frau gekümmert werden kann, muss also erst der Kapitalismus beseitigt sein, wie sich links dünkende Ver­tre­te­r:in­nen der Theorie vom Haupt- und Nebenwiderspruch behaupten?

Zetkin taugt dafür als Kronzeugin nicht so richtig. Obwohl ihr immer wieder unterstellt, war die eschatologische Vertröstung der Frauen auf den Tag des Jüngsten Gerichts über den Kapitalismus nicht ihre Sache. In ihren Schriften warnte sie vielmehr ausdrücklich vor „der irrigen Schlussfolgerung, die Forderung der Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts auf den Zukunftsstaat zu vertagen“.

Vielmehr sah sie „den Kampf für die volle Gleichberechtigung als Sache des Proletariats und eine Aufgabe der Gegenwart“, wie sie 1928 schrieb. Die Frauen hätten „in den organisierten Reihen der Arbeiterklasse im Ringen um den Sozialismus zugleich um ihre eigene Emanzipation zu kämpfen“. Dazu gehörte für sie das entschiedene Eintreten für das Wahlrecht für Frauen, das in Deutschland erst 1918 durchgesetzt werden konnte, in Frankreich dauerte es sogar bis 1944 und in der Schweiz bis 1971. Auch der Internationale Frauentag sollte ursprünglich „in erster Linie der Agitation für das Frauenwahlrecht“ dienen.

Kritik an der bürgerlichen Frauenbewegung

„Wir weisen die bürgerlichen Frauenrechtlerinnen nicht etwa deswegen zurück, weil wir das Bisschen nicht wollen, sondern weil sie das Mehr nicht wollen“, stellte Zetkin auf dem SPD-Parteitag 1896 in Gotha klar. An der bürgerlichen Frauenbewegung kritisierte Zetkin deren Beschränkung auf den Kampf für die rechtliche Gleichstellung, was nur ein privilegierter Kampf „gegen den Mann ihrer Klasse“ sei. Die Not und das Elend des Proletariats würden für die bürgerlichen Frauen hingegen keine relevante Rolle spielen. Deswegen spottete sie über „die ‚Liebessabbeleien‘ von der einen großen ‚Schwesternschaft‘, die vorgeblich ein einigendes Band um Bourgeoisdamen und Proletarierinnen schlingt“.

Auch Zetkin trat selbstverständlich für das Frauen damals noch bestrittene Recht ein, sich zu organisieren und öffentlich zu versammeln, für Ämter zu kandidieren oder zu studieren und jeden Beruf zu ergreifen, den sie ergreifen wollen. Sie sah darin aber kein Endziel, sondern nur eine Etappe auf dem Weg zur Befreiung von „Klassenausbeutung und Klassenherrschaft“. Der Kampf gegen die „rechtlose Sonderstellung des weiblichen Geschlechts“ war für sie aufs Engste mit der materiellen Emanzipation der Arbeiterinnen verbunden.

Ihr Blick konzentrierte sich dabei auf die Fabrikarbeiterinnen, also auf jene Frauen, bei denen es nicht darum ging, „die freie Konkurrenz mit dem Mann“ zu erkämpfen, sondern die von den Arbeitgebern unter schlimmsten Bedingungen als billige Arbeitskräfte zum Beispiel in der Textilindustrie eingesetzt wurden – als „Schmutzkonkurrentinnen“ und „Lohndrückerinnen der Männer“, wie es Zetkin formulierte. Ihnen galt ihre volle Solidarität.

Einen zentralen Grund für die im Vergleich zur industriellen Männerarbeit noch wesentlich schlechtere Entlohnung der Fabrikarbeiterinnen sah Zetkin in derem geringen gewerkschaftlichen Organisationsgrad: „Je größer die Zahl der organisierten Arbeiterinnen ist, die Schulter an Schulter mit ihren Kameraden aus Fabrik und Werkstatt für bessere Arbeitsbedingungen kämpfen, umso eher und mehr werden sich die Frauenlöhne heben, umso eher kann der Grundsatz verwirklicht werden: gleicher Lohn für gleiche Arbeit ohne Unterschied des Geschlechts“, konstatierte sie 1893 in der sozialdemokratischen Frauenzeitung Die Gleichheit, deren Leitung sie nach ihrer Rückkehr aus dem Pariser Exil ein Jahr zuvor übernommen hatte.

Gegen den Sexismus der Arbeiter

Voraussetzung dafür, dass die Organisierung der Arbeiterinnen in den Gewerkschaften gelingen kann, sei jedoch, dass die Arbeiter ihr sexistischen Verhalten ablegen müssten, war Zetkin überzeugt: „Die Arbeiter müssen aufhören, in der Arbeiterin in erster Linie eine Frau zu sehen, der man, je nachdem sie jung, hübsch, sympathisch, heiter oder es nicht ist, den Hof macht und der gegenüber man sich eventuell je nach dem Grade der eigenen Bildung oder Unbildung Rohheiten und Zudringlichkeiten erlaubt.“

Auch wenn Zetkin propagierte, dass die proletarische Frau „Hand in Hand mit dem Manne ihrer Klasse“ gegen die kapitalistische Gesellschaft zu kämpfen habe, ignorierte sie nicht patriarchale Verhältnisse. Noch in ihrer letzten Reichstagsrede prangerte sie die „Ketten der Geschlechtssklaverei“ an, denen Millionen Frauen ausgeliefert seien.

Zu dem großen Problem, dass der Großteil der lohnarbeitenden Frauen einer doppelten Ausbeutung ausgesetzt waren und sind, hatte Zetkin allerdings „wenig Praxistaugliches anzubieten“, macht der Politikwissenschaftler Ingar Solty in seiner 2025 im Rahmen der „Edition Marxismen“ erschienenen Zetkin-Monographie eine Leerstelle bei ihr aus.

Dass auch ein Mann „regelmäßig kochen, putzen, einkaufen, waschen könnte und daran denken, dass das Pausenbrot geschmiert, das Geld für den Schulausflug mitgegeben und die Musikstunde gebucht ist, da klafft bei Zetkin tatsächlich eine Lücke“, so Solty. „Diese kann auch eine radikale Arbeitszeitverkürzung, die ökonomische Gleichheit der Geschlechter und die Seit’ an Seit’ vollzogene Lenkung des öffentlichen Lebens nicht schließen.“

Schwächer werdende körperliche Kräfte

Als erste Frau wird Zetkin 1895 in ein leitendes Organ der SPD gewählt, die Kontrollkommission. Ab 1900 gehört sie dem Parteivorstand an. Lange Jahre zählt die enge Freundin Rosa Luxemburgs zu den führenden So­zi­al­de­mo­kra­t:in­nen in Europa. Sie korrespondiert mit Genossinnen in der ganzen Welt.

Nachdem ihr konsequenter Antimilitarismus 1917 zum unvermeidlichen Bruch mit der SPD führt, hält sie als Abgeordnete der USPD am 29. Januar 1919 in der württembergischen verfassungsgebenden Landesversammlung die erste Rede einer Frau in einem deutschen Parlament. 1920 hält sie die erste Rede der KPD im Reichstag.

Obgleich ihre körperlichen Kräfte immer schwächer werden, übernimmt sie in den Folgejahren eine Funktion nach der anderen, ist unter anderem Vorsitzende der Internationalen Arbeiterhilfe, Vorsitzende der Internationalen Roten Hilfe und Mitglied des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationalen.

Legendär wird ihre Rede als Alterspräsidentin des letzten Reichstags vor der Machtübernahme Hitlers. „Das Gebot der Stunde ist die Einheitsfront aller Werktätigen, um den Faschismus zurückzuwerfen“, appelliert sie am 30. August 1932 bereits todkrank und fast erblindet. „Vor dieser zwingenden geschichtlichen Notwendigkeit müssen alle fesselnden und trennenden politischen, gewerkschaftlichen, religiösen und weltanschaulichen Einstellungen zurücktreten.“

Ihr Aufruf ist vergebens. Im Alter von 75 Jahren stirbt Zetkin am 20. Juni 1933 in einem Sanatorium in der Nähe Moskaus. Seit Anfang der 1920er-Jahre hatte sie überwiegend in der Sowjetunion gelebt. Ihre Urne wird an der Kremlmauer beigesetzt. Mehrere Hunderttausend Menschen nehmen an der Beerdigung teil.

Eiserne Parteidisziplin

Clara Zetkin war Produkt wie Repräsentantin erst der sozialdemokratischen, dann der kommunistischen Bewegung in Deutschland, die beide an Idealen, aber auch an Irrungen und Wirrungen nicht arm waren. Ihre große Zeit hatte Zetkin im Kaiserreich, in der Weimarer Republik verkörperte sie krankheitsbedingt eigentlich nur noch eine „lebendige Vergangenheit“, wie es der französische Schriftsteller Louis Aragon formuliert hat.

Dass sie im Gegensatz zur SPD ihren antimilitaristischen Prinzipien treu geblieben und nicht mit wehenden Fahnen Wilhelm II. in den Ersten Weltkrieg hinterhergezogen ist, hat ihre alte Partei ihr nie vergeben. „Als sie die SPD verließ, blieb sie Sozialdemokratin, so wie sie die Sozialdemokratie verstanden hatte“, schreibt Tânia Puschnerat in ihrer 2003 erschienenen Zetkin-Biografie.

Dazu gehörte, dass ihr die Geschlossenheit nach außen heilig war. In ihrer aus der sozialdemokratischen Tradition stammenden eisernen Parteidisziplin liegt begründet, dass sie der KPD – trotz massiv intern von ihr geäußerter Kritik – bis zum Schluss treu blieb.

Dem großen Traum von einer befreiten Gesellschaft ordnete Zetkin alles unter, auch sich selbst – bei allen Zweifeln an der konkreten Politik der kommunistischen Partei. „Sie schwieg wider besseres Wissen“, hat ihr der Historiker Heinrich August Winkler vorgeworfen. „Sie ist benutzt worden, sie hat sich ausnutzen lassen, manipulierbar war sie nie“, schreibt der französische Zetkin-Biograf Gilbert Badia.

Zetkin war eine zutiefst überzeugte und selbstlose Kämpferin an der Seite der Erniedrigten, Ausgebeuteten und Unterdrückten. Mit großer Verve trat sie für die politischen und die sozialen Rechte der Frauen ein. Dass sie sich öffentlich nie kritisch zur Stalinisierung der KPD und erst recht nicht der Sowjetunion geäußert hat, hat jedoch das Bild von ihr getrübt. Trotzdem verdankt nicht nur die Frauenbewegung Clara Zetkin viel.

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