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Debatte um Social-Media-PlattformenJenseits der Altersgrenze

Es muss nicht unbedingt ein Mindestalter sein: Sollen junge und nicht junge Menschen besser geschützt werden, gibt es diverse Möglichkeiten.

Für Jugendliche bis 16 Jahre soll es nach Willen der EU eine Jugendversion der Plattformen geben Foto: Matt Cardy/getty images

Ob eine Altersgrenze für die Nutzung von Social-Media-Plattformen hilfreich ist in Sachen Jugendschutz, ist in Politik und Wissenschaft umstritten. Kri­ti­ke­r:in­nen argumentieren, dass ein Mindestalter zwar Kinder und Jugendliche vordergründig aussperrt – die Plattformen aber ihre problematischen Geschäftsmodelle und manipulativen Designs behalten dürfen.

„Verbote sind fast nie die richtige Lösung – vor allem dann nicht, wenn es, wie in Europa, ein sehr gutes Mittel gegen eine Gefährdung von Kindern und Jugendlichen durch Social Media gibt“, sagte der Juraprofessor Matthias Kettemann, der am Leibniz-Institut für Medienforschung in Hamburg zu digitalen Kommunikationsräumen forscht, im Januar der taz.

Kettemann bezieht sich dabei auf den Digital Services Act (DSA). Das EU-Gesetz soll in allen Mitgliedsstaaten für eine „sichere, vorhersehbare und vertrauenswürdige Online-Umgebung“ für die Nut­ze­r:in­nen sorgen. Der DSA sieht für die großen Anbieter mit monatlich mindestens 45 Millionen Nutzenden innerhalb der EU schon jetzt eine Reihe von Vorgaben für den Jugendschutz vor.

So formulieren die entsprechenden Leitlinien der EU-Kommission unter anderem, dass Funktionen wie Autoplay und Pushnachrichten, die zu übermäßiger Nutzung beitragen, bei Konten, die mutmaßlich Jugendlichen gehören, standardmäßig deaktiviert sein sollen. Ebenso sollen solche Profile standardmäßig auf privat gestellt sein. Die Algorithmen sollen bei Jugendkonten außerdem so gestaltet sein, dass Minderjährige nicht auf Inhalte geleitet werden, die für sie schädlich sein können.

Verfahren noch im Gange

Allerdings: Streng durchgesetzt werden die Leitlinien bislang nicht. Und bei der Durchsetzung von Regeln, von denen alle Nutzenden profitieren – etwa Vorgaben zur Moderation, um illegale Inhalte zu bekämpfen, zur Zusammenarbeit mit Wis­sen­schaft­le­r:in­nen oder Transparenz bei Werbung, sind erste Verfahren noch im Gange. Zuletzt kündigte die EU-Kommission an, nach der massenhaften Veröffentlichung sexualisierter Deepfakes von Frauen und Kindern mit dem Chatbot Grok von US-Milliardär Elon Musk gegen den Anbieter vorzugehen.

Manche Ak­teu­r:in­nen fordern noch mehr: „Wir sollten darüber sprechen, wie wir die Macht dieser Konzerne begrenzen und alle davon profitieren“, sagte Tom Sulston von der australischen NGO Digital Rights Watch bei einer Diskussion über die Effekte des dortigen Verbots. Als zentrales Element nennt er eine strenge Regulierung der Algorithmen. Die entscheiden darüber, welche Inhalte Nut­ze­r:in­nen zu sehen bekommen.

Sulston fordert: Nicht die Plattformen, sondern die Nutzenden selbst sollten darüber bestimmen dürfen – und die würden mehrheitlich Hass und Hetze, KI-Müll, Werbung und Propaganda nicht wollen. Auch das Tracking und das Bilden von nut­ze­r:in­nen­be­zo­ge­nen Profilen ließe sich verbieten. Und: Die Plattformen sollten verantwortlich sein für die Inhalte, die sie verbreiten – genau wie das bei Medienunternehmen bereits der Fall ist. Das würde sie deutlich stärker in die Haftung nehmen.

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3 Kommentare

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  • Ich sehe die Logik hier kein bisschen. Ja es gibt den DSA aber offensichtlich bringt der nichts. Und auch alle anderen "Lösungen" die vielleicht irgendwann in vielen Jahren möglicherweise eine Besserung herbeiführen könnten beeinflussen doch kein bisschen eine Altersgrenze. Ganz im Gegenteil, erst wenn gezeigt werden kann, dass es Systeme gibt um die Kinder zu schützen sollten wir überhaupt darüber nachdenken solche Begrenzungen abzubauen.

    Es geht hier auch in tausenden Fällen darum, dass sich Kinder das Leben nehmen, Opfer von sexueller Gewalt werden, etc. Ja das passiert auch ohne Social Media aber wie einfach wir es Tätern machen sucht seines gleichen außerhalb des Internets.

    Es ist das eine wenn Kinder vielleicht weniger raus gehen oder "zuviel" auf den Bildschirm schauen, das Gerede gibt es schon ewig und da ist vielleicht auch nicht soviel dran wie es zunächst scheint. Aber ich bin sehr froh, dass ich früher nicht in meinem Kinderzimmer durch den Bildschirm gemobt wurde oder mir jemand an die Wäsche wollte.

  • Wir führen das wieder ein, das jeder sich anschnallen kann, wie jeder lustig ist. Was Medienkonsum und Medienkompetenz anbetrifft, das es nicht so gut darum bestellt ist und der Schaden der dabei entsteht bei den übersteigerten Konsum, das zeigen die Studien allzu deutlich. Wieso wurde wohl eine Anschnallpflicht eingeführt, genau weil alle Menschen ja so vernünftig sind, und dann liest man daß zum Thema Leitlinien beim Jugendschutz:

    "Allerdings: Streng durchgesetzt werden die Leitlinien bislang nicht. Und bei der Durchsetzung von Regeln, von denen alle Nutzenden profitieren – etwa Vorgaben zur Moderation, um illegale Inhalte zu bekämpfen, zur Zusammenarbeit mit Wis­sen­schaft­le­r:in­nen oder Transparenz bei Werbung, sind erste Verfahren noch im Gange"

    Der größte Hohn wäre noch, die freiwillige Selbstkontrolle einzuführen!!!!! Das sind gewinnorientierte Konzerne, falls es noch keiner verstanden hat, die einzige Aufgabe der Algorithmen ist es, uns süchtig nach Medienkonsum zu machen, das ist deren einziges Geschäftsmodell! Wir verbieten Drogen, also wieso nicht diese Droge verbieten, den die Gehirnareale die angesprochen werden bei Konsum, sind die selben wie bei Drogensüchtigen

  • Allein die Tatsache, dass Tag für Tag zigtausende erfolgreiche Phisingmails die Runde machen und es doch wirklich einfach wäre dem Herr zu werden, zeugt doch von einem bitterbösen Unwillen der Politik.

    Die Telefonanbieter haben es ja hinbekommen dolose Anrufe als "möglicherweise betrügerisch" zu klassifizieren - und das wäre bei digitalen Inhalten und auch bei Emails kein Problem.

    Aber es ist nicht gewünscht.



    Es ist ja auch viel einfacher ein Verbot auszusprechen, dessen Einhaltung kaum durchzusetzen ist, als die Wurzel des Übels auszureissen.