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Berlin zwischen Geschichte und GegenwartBackstein für Backstein gegen die Kälte

Winfried Ripp zeichnet in seinem Buch die Geschichte des Berliner Asylvereins nach und zeigt, wie sich das Problem der Obdachlosigkeit bis heute hält.

Speisesaal des Männerasyls „Wiesenburg“ (1897) Foto: Archiv Berliner Asyl-Verein
Stefan Hunglinger

Aus Berlin

Stefan Hunglinger

Wenn ein Mensch erfriert, gibt es nicht den einen dramatischen Moment. Der Kältetod kommt schleichend. Zuerst zittern die Muskeln, weil sie Reserven verbrennen. Dann zieht sich das Blut zurück, dorthin, wo Herz, Lunge und Gehirn um Priorität ringen. Die Gedanken werden langsam, Entscheidungen schwer. Wer erfriert, merkt oft gar nicht, wie nah der Tod schon ist.

Es ist eiskalt an diesem Abend, an dem der Historiker Winfried Ripp durch die einst modernste Obdachloseneinrichtung der Welt führt. „Berliner Asyl Verein“ steht auf dem Giebel des Haupthauses aus roten Klinker, darüber das Baujahr: 1896. Die Schornsteine der früheren Wäscherei ragen noch in den kalten Himmel, andere Teile der Anlage an der Wiesenstraße im Wedding liegen nur noch als Ruinen da. Backstein. Neben Backstein.

Die Rettung vorm Erfrieren war eine der Aufgaben der sogenannten Wiesenburg, im 19. Jahrhundert berichteten selbst in New York und Rom die Zeitungen über das Weddinger Obdachlosenasyl, auf der Pariser Weltausstellung wurde es als Vorbild gezeigt.

Winfried Ripp hat gerade ein Buch mit 400 Seiten veröffentlicht zum „Berliner Asylverein für Obdachlose“ und seiner Wiesenburg. In einem der früheren Männerschlafsäle sagt Ripp: „Je mehr man sich damit beschäftigt, desto öfter tauchen heutige Momente wie Déjà-vus auf.“

Zwischen 6.000 und 10.000 Menschen leben derzeit in Berlin auf der Straße

Gerade geht in Berlin der kälteste Winter seit 16 Jahren zu Ende – für Obdachlose war er eine Frage des Überlebens. Zwischen 6.000 und 10.000 Menschen leben derzeit in Berlin auf der Straße, mehr als 53.000 sind Schätzungen zufolge wohnungslos. Tendenz steigend. Es ist eine Krise mit Geschichte. Denn wie im 19. Jahrhundert sind es auch heute private Initiativen, die Nothilfe leisten – und die Politik stößt weiterhin an ihre Grenzen, wenn es um adäquate Lösungen geht.

Winfried Ripp berichtet, dass es in Berlin seit den 1860er Jahren einen permanenten Mangel an bezahlbaren Klein- und Kleinstwohnungen gab. Der preußische „Nachtwächterstaat“ lieferte einen großen Teil der Bevölkerung schutzlos der grassierenden Mietspekulation aus, Zehntausende landeten auf der Straße. Gleichzeitig war Obdachlosigkeit eine Straftat. „Offenkundig“, schreibt Ripp in seinem Buch, waren Kommune und Staat „weder in der Lage noch willens, die Lebensbedingungen dieser immer größer werdenden Gruppe von heimatlosen und wohnungssuchenden Menschen zu verbessern“.

Idealisierte Ansicht der „Wiesenburg“ von der Ringbahnseite (1896) Foto: Archiv Berliner Asyl-Verein

Der evangelische Pastor und Abgeordnete Friedrich von Bodelschwingh stieß in diese Lücke und erklärte: „Ich möchte, dass Berlin einen heiligen Krieg gegen seine Obdachlosen führt, dadurch, dass er sie arbeiten lässt.“ Bodelschwingh gründete Kolonien außerhalb der Stadt, etwa in Lobetal bei Bernau, um „Wanderarme“ von der Straße zu holen. Arbeit, Gebet, Disziplin – im Gegenzug zu Unterkunft und Brot verlangte Bodelschwingh Frömmigkeit und absolute Unterordnung. Er verstand Obdachlosigkeit weniger als strukturelles Versagen denn als sittliche Krise des Einzelnen. Der Leiter der „Berliner Stadtmission“ und flammende Antisemit Adolf Stoecker sah das ähnlich.

Ganz anders der Berliner Asylverein für Obdachlose, gegründet 1868. „Der Verein mache sich nicht zum Richter über Schuld und Unschuld der in sein Haus kommenden Unglücklichen“, heißt es in einem internen Bericht von damals.

Die gescheiterte Revolution von 1848 wehte noch nach, als demokratisch gesinnte Bankiers, Kaufleute und Industrielle sich zum Asylverein zusammengeschlossen – Leute, die an bürgerlichen Fortschritt glaubten und ihn praktisch umsetzen wollten. Darunter der Maschinenbaupionier August Borsig sowie der Unternehmer und spätere Vorsitzende der deutschen Sozialdemokratie Paul Singer, der als Kurator der Wiesenburg auftrat. Ein Drittel der aktiven Vereinsmitglieder war – wie Singer selbst – jüdisch.

Missionierung war tabu in den Asylen des Vereins, bis 1910 hatte die Polizei keinen Zutritt

Zuerst errichtete der Verein ein Frauenasyl in der Wilhelmstraße, 1896 dann die Wiesenburg. Hier galt Anonymität statt Bloßstellung, Hygiene statt Verwahrlosung – nicht zuletzt der Einfluss des berühmten Arztes Rudolf Virchow war in dieser Programmatik zu erkennen. Missionierung war tabu in den Asylen des Vereins, bis 1910 hatte die Polizei keinen Zutritt. Bis jetzt, schrieb Paul Singer, habe er „den Kampf mit der Polizei immer siegreich geführt; man will durchaus die Anonymität der Besucher beseitigen“.

Bald wurde es in der Hauptstadt geradezu en vogue, sich der Armen anzunehmen. Selbst der Hof zeigte Interesse: Königin Augusta erschien zum Besuch und spendete, Karl von Preussen ließ anfragen, ob sie nicht die „Protektorin“ des Asylvereins werden könne. Doch der Vorsitzende Gustav Thoelde wies die Offerte mit bemerkenswerter Chuzpe zurück. „Unsere Protektorin ist die Bevölkerung von Berlin“, ließ er ausrichten.

Geld brauchte es trotzdem, um die zu Hochzeiten 1.100 Obdachlosen pro Nacht zu versorgen.

Im Lausoleum konnte man sich reinigen, die Kleidung konnte man im Nachtasyl desinfizieren

In der Wiesenburg gab es – keine Selbstverständlichkeit damals – elektrisches Licht und eine Belüftung in jedem Raum. Im „Lausoleum“, dem Waschraum mit Duschen und Badewannen, konnten die Be­su­che­r:in­nen sich reinigen, die Kleidung konnte man im Nachtasyl desinfizieren und ausbessern.

Paul Singer lehnte es ab, den Wiesenburg-Kaffee mit Getreide zu strecken. Echte Bohne sollte es sein. Eine Spende von 4.900 Suppenwürfeln der Firma Maggi begutachtete er persönlich und schrieb dem Vereinsvorsitzenden, dass er „1) vor Annahme des Geschenks die gekochte Suppe probirt (sic!) und sehr kräftig und schmackhaft gefunden habe und 2) der Gesellschaft für die Zuwendung bereits für den Verein (…) gedankt habe“.

Das Buch Winfried Ripp: Der Berliner Asyl-Verein für Obdachlose. Die Auseinandersetzung um die Obdachlosigkeit im Kaiserreich. Metropol Verlag, Berlin 2026, 424 Seiten, 26 Euro

Paul Singer ging es nicht um die bloße Notversorgung, er wollte die Dinge grundsätzlich verändern. Trotz antisemitischer Kampagnen wurde er 1884 erstmals zum Berliner Stadtverordneten gewählt, später zog er in den Reichstags ein. Die Reformen, die er, Hugo Heimann und weitere Ge­nos­s:in­nen praktisch umsetzten, war für sie kein Ersatz für die Revolution. Doch leider sollte sich die SPD bald in eine andere Richtung entwickeln.

1911 starb Paul Singer, im Ersten Weltkrieg wurde die Wiesenburg militärisch requiriert, in der NS-Zeit zur Rüstungsproduktion umfunktioniert. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Obdachlosenpalast fast zerstört und in der Nachkriegszeit dem Verfall preisgegeben. Industriebetriebe, Kleingewerbe, ausgebombte Familien und schließlich Künst­le­r:in­nen fanden hier Unterschlupf. Seit 2014 gehört das Gelände der städtischen Degewo, seit 2017 wird es gemischt genutzt: Ateliers, Veranstaltungen und nicht zuletzt: Wohnungen.

„Auch heute, über 150 Jahre nach der Gründung des Berliner Asyl-Vereins, ist Obdachlosigkeit ein im Berliner Stadtbild sichtbares Problem“, schreibt Winfried Ripp in seinem Buch. Die Zahl der Betroffenen steigt. „Darum muss die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum an erster Stelle einer neuen Koalition nach den Wahlen im September stehen“, sagte Ulrike Kostka, Direktorin der Caritas Berlin kürzlich der taz.

Auf mehr als 1.000 Schlafplätze sollten kirchliche und andere Träger die Kältehilfe gar nicht ausdehnen, findet sie. „Unser Ziel ist nicht, lauter Notunterkünfte zu bekommen, das würde das Land zu sehr aus der Verantwortung nehmen. Es müssen ja die Ursachen der Wohnungslosigkeit und Obdachlosigkeit bearbeitet werden.“ Notunterkünfte seien ein Erfrierungsschutz. Nicht weniger. Aber auch nicht mehr.

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