Obdachlosigkeit in Berlin: Ein Nachleben in Würde
Sozialarbeiter haben am Alex eine Gedenktafel für verstorbene Obdachlose installiert, um gegen die Unsichtbarkeit eines strukturellen Versagens anzukämpfen.
Foto: Nathan Pulver
Angekettet an einen Pfeiler der Hochbahn am Alexanderplatz steht seit Dienstagnachmittag eine Gedenktafel für gestorbene Obdachlose. In der Unterführung bei der Rathausgasse halten Passant:innen an und lesen die Inschrift: „Zum Gedenken an die verstorbenen obdachlosen Menschen, die hier lebten, diesen Ort mitprägten und für immer Teil dieser Stadt bleiben.“
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine typische „Platte“: Zelte, Karton gegen den eisigen Boden, in Decken und Schlafsäcke eingewickelte Menschen – mitten im Schneegestöber dieses unbarmherzigen Berliner Winters. Ihr Anblick macht schnell klar, dass das Leben auf der Straße eine Sache von Leben und Tod ist.
„Alles an Obdachlosigkeit ist lebensverkürzend“, sagt Tino Kretschmann. Er arbeitet für den Verein Gangway als Teil des Teams Drop Out Mitte, welches die Gedenktafel aufgestellt hat. Die Gruppe ist zuständig für das Gebiet um den Alexanderplatz, wo sich – trotz ständiger Platzverweise durch das Ordnungsamt – viele Obdachlose aufhalten, weil durch das rege Treiben auf dem zentralen Platz häufiger mal etwas Geld oder Essen für sie abfällt. Dennoch gebe es hier kaum soziale Infrastruktur zur Versorgung von Hilfesuchenden, ärgert sich der Straßensozialarbeiter.
„Für Obdachlose ist der öffentliche Raum ein Unsicherheitsraum“, sagt er. Die Zahl der Gewalttaten gegen Obdachlose steige, von seinen Betreuten hätten alle schon Gewalterfahrungen gemacht, ob von rassistischen Passanten oder direkt vom Ordnungsamt. Das ständige Vertreiben der Obdachlosen würde Hilfsprozesse ins Kippen bringen, da auch die Beziehungsarbeit der lokalen Einsatzteams verloren gehe, erklärt der Sozialarbeiter.
Eigentlich sieht das Allgemeine Sicherheits- und Ordnungsgesetz (Asog) vor, unfreiwillig Obdachlosen temporäre Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Aber „Asog-Unterkünfte sind Geldfresser“, kritisiert Kretschmann. Diese mehrheitlich privatwirtschaftlich geführten Betriebe, teils ohne Sozialarbeiter:innen, sähen die Unterbringung vor allem als lukratives Geschäft. Laut Schätzungen leben zwischen 4.000 und 8.000 Menschen auf den Straßen Berlin.
Für Tode auf der Straße gibt es in Berlin keine systematische Erfassung. Die Gedenktafel sei ein erster Schritt, doch Tino Kretschmann wünscht sich „langfristig einen zentralen Ort für das Gedenken“. Denn Obdach- und Wohnungslose erhalten üblicherweise eine „soziale Bestattung“ auf Kosten des Sozialamtes – ein anonymes Grab kann man nicht mehr wiederfinden.
Die erste Stele, die Gangway e. V. im Herbst 2025 in der Nähe des Ostbahnhofs aufgestellt hatte, steht noch. Zu den Kerzen und Blumen legten Hinterbliebene seither immer mehr Bilder von Verstorbenen dazu, erzählt Kretschmann. Den Standort für das Denkmal am Alex habe das Team in Absprache mit seinen Klient:innen ausgewählt, erklärt Gangway-Koordinatorin Hanna Lauter. Sie weist auf die Säule neben der Tafel, auf der kleine Kritzeleien zeigen, dass hier schon lange der Toten gedacht wird: „R.I.P. Daniel“, „✝ Richard“, „The memory remains“.
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