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Gisele Pelicot und die NachwirkungenWie sich Scham verwandeln lässt

Gisèle Pelicot hat einem Gefühl zu neuer Aufmerksamkeit verholfen – der Scham. Aber was ist Scham? Wann ist sie fehl am Platz? Worin liegt ihre Kraft?

Als Jugendliche lag ich bei einer Hausparty betrunken im Bett des Gastgebers. Plötzlich wurde ich wach, weil ich jemandes Hand in meiner Hose spürte. Ich sagte nichts, aber versteifte mich derart, dass diese Person – ein Klassenkamerad, den ich seit der Grundschule kannte – nicht weitermachen konnte. Es war die erste wirklich übergriffige Handlung eines Mannes, die mir widerfuhr. Ich schämte mich dafür, was passiert war, und ich schämte mich, nichts gesagt zu haben. Neulich habe ich den Typen wiedergesehen. Ich sagte immer noch nichts – und schämte mich erneut.

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

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Als sich Gisèle Pelicot dazu entschied, ihren Prozess öffentlich zu machen, sagte sie, dass die Scham die Seiten wechseln müsse. Nicht sie habe sich zu schämen dafür, dass ihr Mann sie über neun Jahre betäubte, vergewaltigte und von anderen Männern hatte vergewaltigen lassen, sondern die Täter. Diese 51 Männer sollten also nicht hinter verschlossenen Gerichtstüren sitzen, sondern im Licht der Öffentlichkeit. Indem Pelicot die Scham umkehrte, machte sie sichtbar, wie ambivalent Scham ist und dass sie unter Umständen nützlich sein kann.

Scham fühlt sich schlimm an, denn sie tritt auf, wenn wir denken, etwas falsch gemacht zu haben. Sie beweist, dass wir soziale Wesen sind. Wer sich schämt, erkennt, dass das eigene Handeln Auswirkungen auf andere hat. Die Person, die sich zu Recht schämt, kann Verantwortung übernehmen, die eigene Schuld anerkennen und um Verzeihung bitten. Danach kann sie die Scham loslassen. Wenn wir eine Grenze überschreiten, ist Scham ein soziales Korrektiv, das Beziehungen schützen kann. Der Unterschied zwischen Schuld und Scham? Schuld ist derjenige, der etwas falsch gemacht hat, es ist eine Zuweisung. Scham ist das Gefühl, das daraus entsteht.

Was gesellschaftlich als falsch betrachtet wird, ist jedoch nicht objektiv festgelegt, sondern kulturell bedingt. Wer weiß also schon so genau, ob die Scham auch wirklich immer berechtigt ist? Weil es massenhaft merkwürdige Regeln gibt, die bestimmen, wofür man sich schämen sollte und wofür nicht, ist sie häufig unnütz, in manchen Fällen sogar gefährlich. Auch in meinem Fall, das beurteile ich heute so. Denn meine Scham basierte auf patriarchalen Vorstellungen.

Der verwerfliche Blick

Es beginnt schon weit vor solchen Übergriffen. Schämt sich eine Frau etwa für ihre Freizügigkeit oder dafür, monatlich zu bluten, verliert Scham ihren korrigierenden Charakter. Dann zeigt sie keine reale Verfehlung an, für die die Frau Buße zu tun hat. Stattdessen sollte die Scham bei jenen liegen, die sie dafür verurteilen, wenn sie mit vielen Personen schläft oder knappe Röcke trägt. Ihr Blick auf diese Frau ist das Verwerfliche.

Destruktive Scham empfinden Opfer von sexualisierter Gewalt häufig. Sie entsteht etwa dann, wenn ihnen eine Mitschuld gegeben wird: Sie seien – wie ich bei der Hausparty – betrunken gewesen, hätten nicht „Nein“ gesagt, dem Täter vielleicht falsche Hoffnungen gemacht. Auch andere patriarchale Vorstellungen, die eine Frau von klein auf erlernt haben könnte, tragen zu der Scham bei. Etwa, dass sie sich dafür schämen solle, dass der Täter sie beschmutzt und sie dadurch ihre Würde verloren habe.

Neben der Gewalt selbst ist diese Scham eine zweite Strafe, die sich das Opfer selbst auferlegt. Und weil es keine reale Schuld gibt, die anerkannt und gesühnt werden könnte, kann die Scham nicht als Übergang wirken. Sie wird zum Zustand, der isoliert und zum Verstummen bringt.

Außerdem stabilisiert diese Form der Scham bereits existierende Machtverhältnisse. Wenn die Scham beim Opfer liegt, muss der Täter nicht an sich zweifeln. Es ist das Resultat einer misogynen Gesellschaft: Die meisten Opfer von sexualisierter Gewalt sind Frauen, aber selbst für Männer ist sexualisierte Gewalt ‚entmännlichend‘. Egal, ob sie nun von anderen Männern begangen wird, wie es meistens der Fall ist, oder von Frauen – Opfer zu sein, ist feminin.

Fehlende Anerkennung von Schuld

Auch Gisèle Pelicot bezeichnete die Scham, die sie verspürte, nach dem, was ihr Mann ihr angetan hatte, als zweite Strafe. Da sie den Mut hatte, das, wofür sie sich schämte, öffentlich zu machen, wies sie die Scham zurück: Sie sagte, dass sie die Seiten wechseln muss. Wenn sie bei den Tätern tatsächlich ankommt, könnte die Funktion von Scham wieder greifen. Denn dort, wo Täter ihre Schuld anerkennen, entsteht zumindest die Möglichkeit der Veränderung.

In Gisèle Pelicots Fall ließ sich bei einem Großteil der Angeklagten bis zuletzt aber keine Scham erkennen. Schamgefühle lassen sich schließlich nicht verordnen. Wenige baten um Verzeihung oder erkannten die eigene Schuld an. Ganz anders als die Frau eines Täters, die sich verantwortlich machte: Als ihre Mutter krank wurde, habe sie ihrem Mann den Sex verweigert. Dass er das Haus der Pelicots aufsuchte, sei also ihre Schuld.

Angenommen, die Scham wird nie vollständig die Seiten wechseln, liegt in der Scham, die Opfer von sexualisierter Gewalt verspüren, doch ein gewisses Potenzial: nämlich, wenn sie in Anerkennung durch andere umgewandelt wird. Auch die berechtigte Scham wird ja dadurch am einfachsten geheilt, wenn derjenige, der sich schämt, verlorene Anerkennung zurückgewinnt, indem er um Entschuldigung bittet.

Sophie Fichtner und Stefan Hunglinger blicken in die Kamera, daneben steht: Reingehen – Die Geschichten der Woche
Foto: taz
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Wenn man sich aber ohne jegliche Schuld schämt, wie es bei Opfern von sexualisierter Gewalt der Fall ist, braucht es einen anderen Weg. Hier sind es der Austausch und die Identifikation mit anderen Betroffenen, die Heilung bringen können. Personen, die verstehen, warum man zum gewalttätigen Partner zurückgekehrt ist, oder die Tat nicht zur Anzeige gebracht hat. Gemeinsam kann man die Scham überwinden.

Geteilte Gefühle

Die Epstein-Überlebende Lisa Phillips sagte in einem Interview mit der taz, dass sie immer wieder zurückgekehrt sei und deshalb eine Mitschuld darüber verspürt habe, was ihr angetan wurde: „Das hat sich geändert, als ich in Kontakt mit anderen Epstein-Überlebenden gekommen war. Da wusste ich: Sie verurteilen mich nicht, wir können auf einer tieferen Ebene sprechen, weil wir die gleichen Erfahrungen teilen.“ Aus dem stummen Gefühl wird ein geteiltes.

Laut einer Schätzung von UN Women soll fast jede dritte Frau ab 15 Jahren mindestens einmal in ihrem Leben körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren haben. Sexuelle Belästigung ist da noch nicht mal inbegriffen. So grausam es ist, dass so viele Frauen sexualisierte Gewalt erleben und dieses Schamgefühl kennen könnten, bietet es doch ein Potenzial dafür, sich zu identifizieren, zu vernetzen und eine öffentliche Debatte zu führen, die sich in Protest verwandeln kann. In einer Utopie könnte diese Scham vollständig abgelegt werden. Auch wenn es natürlich am besten wäre, wenn es ihre Ursache gar nicht erst gäbe.

Patriarchal bedingte Scham verliert einen Teil ihrer Macht, sobald sie ausgesprochen und von anderen anerkannt wird. Auch in Gisèle Pelicots Fall: Frauen weltweit verstanden sie, verwandelten die Scham in Wut und gingen in Solidarität auf die Straße. Das hatte ganz konkrete Folgen. Etwa ein Jahr nach dem historischen Pelicot-Prozess beschloss Frankreich das Ja-heißt-Ja-Gesetz, das es in Deutschland bis heute nicht gibt. Es besagt, dass alle sexuellen Handlungen die explizite Zustimmung des Gegenübers erfordern.

Öffentlich zu machen, was Gisèle Pelicot passiert ist, kostet Mut, den man nicht jeder Betroffenen von sexualisierter Gewalt abverlangen kann. Auch ich habe über meine viel weniger schlimme Erfahrung geschwiegen und mich im Stillen geschämt. Bis heute.

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