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Für „Selbstbestimmungsrecht der Individuen“ mit einer klaren „europäischen Perspektive“: Gedenken am Hartwarder Friesen 2025 Foto: Friesisches Forum

Gedenken an die friesische FreiheitAls in der Wesermarsch das Blut der Bauern floss

Friesenverbände erinnern an die Butjadinger Bauernrepublik. Wer heute von „friesischer Freiheit“ spricht, muss auch von braunen Schatten erzählen.

M an muss sich die Schlacht in der Wesermarsch im Januar 1514 brutal vorstellen: Eiskalt war es im Winter damals, in der Kleinen Eiszeit. Der Boden war gefroren oder von eisigem Schlamm durchzogen. Überall mussten die Kämpfenden Gräben und Siele überwinden.

Zwischen der zugefrorenen Weser und der Jade rückten die Heere der Grafen von Oldenburg und der Herzöge von Braunschweig-Lüneburg vor. Ihr Ziel: eine der letzten autonomen Regionen der Nordseeküste unterwerfen.

Den hochgerüsteten Söldnerhaufen und der ritterlichen Kavallerie standen die nur mit Piken und Spießen bewaffneten Bauern von Butjadingen und Stadland gegenüber. Die Hartwarder Landwehr bei Rodenkirchen, ein künstlich aufgeworfener Wall mit Graben, war ihre letzte Verteidigungslinie.

Aber die militärische Übermacht der Fürsten, die mit Artillerie und professioneller Taktik operierten, war erdrückend. Die Entscheidung fiel am 21. Januar. Von denen, die nicht starben, flohen viele oder wurden in die Verbannung getrieben; das Land wurde geplündert, die Höfe mit schweren Abgaben belegt.

Eine Vorform realer Selbstbestimmung

An diesem Sonntag erinnert der Friesische Freundeskreis Rüstringen-Stedingen mit einer Gedenkveranstaltung am Denkmal „Hartwarder Friese“ an diese Schlacht und an das Ende der sogenannten Butjadinger Bauernrepublik vor 512 Jahren.

Der kulturpolitische Verein Friesisches Forum, der sich um die friesische Kultur in Ostfriesland und die Zusammenarbeit mit den Friesen in den Niederlanden und in Schleswig-Holstein kümmert, unterstützt die Veranstaltung. Man trifft sich um 10 Uhr am Friesenheim in Rodenkirchen-Hartwarden, legt Kränze nieder und der ehemalige niedersächsische Kultur- und Wissenschaftsminister Björn Thümler (CDU) hält eine Rede.

Die Vereine versuchen dabei die Geschichte als Vorform realer Selbstbestimmung zu lesen – ohne die nationalistischen Vereinnahmungen der Vergangenheit fortzuschreiben.

Ausdrücklich steht von diesen Vereinnahmungen in der Einladung nichts, aber „wir wissen um diese Problematik“, sagt Arno Ulrichs vom Friesischen Forum der taz. Im Rahmen einer knappen Mitteilung und einer Gedenkveranstaltung sei jedoch nicht genug Raum, dies tiefgehend zu beleuchten.

Eine komplexe Geschichte

„Wo wir die Gelegenheit haben, wollen wir die Geschichte auch differenzierter darstellen, da bringen wir das auch ein“, sagt er und verweist auf Veranstaltungen rund um den Upstalsboom bei Aurich, einen historischen Versammlungsort, an dem sich im Mittelalter die friesischen Landesgemeinden trafen, um Bündnisse und den Landfrieden zu besiegeln. Historiker wie Ubbo Emmius haben den Uptalsboom schon früh als „Altar der Freiheit“ bezeichnet.

Dort steht heute eine 1833 von der Ostfriesischen Landschaft errichtete Steinpyramide, die die friesische Eigenständigkeit und Freiheit symbolisiert. Die Nazis wollten an dieser Stelle eine Thingstätte errichten. Umgesetzt wurden die Pläne nicht.

Bei diesen Veranstaltungen rund um den Upstalsboom sei das Gedenken auch mit aktuellen Fragen verknüpft worden, erzählt Ulrichs. Der Tenor sei gewesen, „wenn wir etwas für die Friesen oder für andere Minderheiten erreichen wollen, dann machen wir das im europäischen Kontext“. Man müsse das Thema aus dem belasteten Kontext der Nazizeit lösen. Die Geschichte sei zu wichtig, um sie als „verbrannt“ den Rechten zu überlassen.

Aber das ist gar nicht so leicht. Denn die Schlacht an der Hartwarder Landwehr ist von Mythen umrankt. Erste Reaktivierungen der Geschichte gab es lange vor den Nazis im 19. Jahrhundert, als das alte Friesland romantisch-nationalistisch verklärt wurde. Ein Beispiel dafür ist der Spruch „Lever dod as Sklav“ – „lieber tot als ein Sklave“ –, der heute das Friesendenkmal ziert; er stammt nicht von 1514, sondern aus dieser späteren Epoche der Mythenbildung.

Freiheit war in der Butjadinger Bauernrepublik untrennbar mit dem Bodenrecht und der Deichlast verbunden. Das Prinzip: Wer nicht deichen will, muss weichen

In den 1930er Jahren wurde die „friesische Freiheit“ dann zu einer zentralen Projektionsfläche der Nazis, die nach einer „germanischen“ Tradition suchten, die sie ihrer Blut-und-Boden-Ideologie unterlegen konnten. Die Friesen, die sich gegen „fremde“ Fürsten wehrten, passten perfekt ins Narrativ.

Die Geschichte der Schlacht von 1514 wurde massiv instrumentalisiert. Die Nazis stilisierten die friesischen Bauern zu „rassischen Elite-Kriegern“. Der „nordische Widerstandswillen“ gegen die Oldenburger Grafen wurde nicht als politischer Kampf um Selbstbestimmung gedeutet, sondern als Ausdruck einer biologisch begründeten Überlegenheit.

Gedenkfeiern wurden von den Nazis zu Inszenierungen der Volksgemeinschaft umgedeutet. Man wollte den Bauern der Wesermarsch suggerieren, dass ihre vermeintlich „ahnenstolze“ Freiheit nun in der bedingungslosen Gefolgschaft gegenüber dem „Führer“ gipfelte.

Tatsächlich gibt es gute Gründe, der Schlacht und des Endes der friesischen Freiheit heute zu gedenken. Denn das Blutbad an diesem Tag markierte das Ende eines genossenschaftlichen Systems der Selbstverwaltung im feudalen Europa, das untrennbar mit dem Bodenrecht und der Deichlast oder Deichpflicht verbunden war. Dabei galt das Prinzip: „Wer nicht deichen will, muss weichen.“

Lässt reichlich Raum für politische Vereinnahmung: friesische Freiheit Foto: Lars Penning/dpa

Die Friesen wählten ihre eigenen Richter und trafen Entscheidungen in Thing-Versammlungen: eine frühe, pragmatische Form von Autonomie. Die galt den umliegenden Fürsten als gefährlicher Herd der Unruhe – und als entgangene Steuerquelle.

Doch zur Remythologisierung besteht kein Anlass. So betonen Historiker wie Gerd Steinwascher, dass die friesische Freiheit oft nur eine Autonomie für wenige reiche Bauernfamilien bedeutete. Die duldeten keine adligen Herrn, um sich selbst wie kleine Adlige aufzuführen. Dem Großteil der Bevölkerung ging es unter der späteren Oldenburger Herrschaft nicht schlechter.

Kein naturwüchsiger Freiheitsdrang

Auch dass die Friesen damals „keine Landesherren“ kannten, hatte vielmehr mit einem Machtvakuum zu tun. Dieses löste die Streitigkeiten zwischen der ostfriesischen Häuptlingsfamilie der Cirksena, den Sachsen und den Oldenburgern aus.

Denn die Cirksena aus Greetsiel hatten sich 1464 von Kaiser Friedrich III. mit allen friesischen Landen belehnen lassen. Dessen Sohn, Maximilian I., vergab das gleiche Lehen 1498 aber einfach nochmal an Herzog Albrecht von Sachsen. Und während die großen Player um die Vorherrschaft stritten, nutzten die Oldenburger Grafen die Gunst der Stunde: Sie versuchten sich das Land gewaltsam unter den Nagel zu reißen – mit Erfolg.

Auch das Bild eines „naturwüchsigen Freiheitsdrangs“ haben aktuelle historische Forschungen zur friesischen Freiheit längst korrigiert und durch eine Analyse rechtshistorischer und ökonomischer Bedingungen ersetzt.

Hochkomplexe Interessenverbände

Die Bauernrepubliken werden heute als hochkomplexe Interessenverbände verstanden. Ihre Autonomie konnten sie vor allem deshalb behaupten, weil sie die komplexe Infrastruktur des Küstenschutzes effizienter organisierten als jeder feudale Staat.

Arno Ulrichs vom Friesischen Forum will das Gedenken deshalb heute ausdrücklich mit dem „Selbstbestimmungsrecht der Individuen“ und einer klaren „europäischen Perspektive“ verknüpfen. Das Forum wolle Minderheitenrechte im modernen Europa stärken. Wo die Nazis eine plumpe Herrenideologie übergestülpt hatten, betone das Forum die „Singularität“ einer Geschichte ohne Leibeigenschaft.

Die friesische Freiheit sei deshalb eine „Grundlage, die auch heute nach wie vor Aktualität hat“, findet Ulrichs. Gerade weil sie als Vorform realer Selbstbestimmung gelesen werden kann, bevor sie vor hundert Jahren ideologisch verdreht wurde.

So wird die Geschichte der Schlacht an der Landwehr zu einem Lehrstück über die Bedingungen und Grenzen lokaler Selbstverwaltung – jenseits von Pathos und falscher Heldenverehrung.

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