Die Bauwende und die Kirchenfrage: Was tun mit obsoleten Sakralbauten?
Das Kunstfestival „Manifesta“ will im Ruhrgebiet verwaiste Kirchen bespielen. Das könnte ein Schritt in Richtung Bauwende sein.
Kirchen sind mit einer Abriss-Realität konfrontiert. Von den 45.000 deutschen Kirchenbauten werden in den nächsten Jahren bis zu 50 Prozent infrage gestellt werden, vermuten Experten. Vor jedem Abriss, der nur die Ultima Ratio sein sollte, müsste jedoch Erhalt und Weiternutzung der aufgegebenen Sakralbauten diskutiert werden. Denn dass Sakralräume nicht mehr in der gleichen Weise genutzt werden, wie einmal bei ihrem Bau vorgesehen, könnte der Institution Kirche sogar weitere Perspektiven verschaffen.
Obsolete Kirchenbauten sind ein gesellschaftliches, öffentliches Thema. Wohl deshalb widmet sich ihnen auch im kommenden Sommer die „Manifesta 16 Ruhr“. Diese wandernde europäische Kunstbiennale wird von Juni bis Oktober 2026 in den Ruhrgebietsstädten Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum zwölf profanierte oder entwidmete Kirchen bespielen. Man wolle erfahren, „welches Potenzial in den architektonischen und sozialen Räumen“ steckt, bekunden die Manifesta-Kuratoren.
Sakralbauten zu erhalten, stellt einen vor kirchenräumliche und institutionelle Herausforderungen. Und die sind eng miteinander verknüpft, auch wenn das noch nicht in allen theologischen Köpfen angekommen ist. Eine „Bauwende in der Sakralarchitektur“ wird auch angesichts des Klimawandels dringender.
Der Architekt Olaf Grawert sagte kürzlich: „Der Bausektor ist der größte CO₂-Emittent der Welt.“ Er steht für 60 Prozent des weltweiten Ressourcenverbrauchs. Aber Gebäude haben auch „ein großes ökologisches Potenzial“, so Grawert, der sich als Mitbegründer der Initiative House Europe! für nachhaltige EU-Normen im Bausektor einsetzt, „sie sind Hebel für Veränderungen.“
Unorte zu Oasen
Anlässlich der Ausstellung „We transform“ in der Bonner Kunsthalle empfahl Grawert ein Beispiel aus Salzburg zur Nachahmung. Dort sei es nämlich gelungen, ein Parkhaus mit 400 Stellplätzen in ein Quartier mit Wohnung und Gewerbe zu transformieren, inklusive Entsiegelung, Begrünung und Wassermanagement.
Auch Unorte in städtische Oasen umzugestalten, ist in der jüngeren Architekturgeschichte immer wieder gelungen. Bereits in den 1970er Jahren verwandelte der Architekt Ricardo Bofill im kleinen katalanischen Sant Just Desvern eine riesige, menschenabweisende Zementfabrik, eine Betonwüste aus Rotoren, zahllosen Silos und Schornsteinen, in eine einzigartige Wohn- und Arbeitswelt. In den acht Silos nistete Bofill Büros ein. Die Maschinenhalle wurde zu einem Kunstsalon. Außen ließ er Oliven- und Eukalyptusbäume, Zypressen und Palmen pflanzen.
Auch das Ruhrmuseum der Essener Zeche Zollverein entstand Anfang der 2000er Jahre aus einem Transformationsprozess. Rem Koolhaas und sein Rotterdamer Architekturbüro OMA bauten das Kohlenwäsche-Ungetüm zu einem abenteuerlichen Ausstellungshaus inmitten stillgelegter Maschinen um und ließen in einer industriellen Naturlandschaft ein außergewöhnliches Weltkulturerbe entstehen.
Koolhaas realisierte damals, was für seinen Londoner Lehrer Cedric Price, dem Erfinder des London Eye, mit dem Umbau einer verfallenen Industrieanlage in eine mobile, teils auf Bahngleisen angelegte Hochschule noch Vision blieb. Koolhaas’ Umbau fällt in die Phase einer Neubewertung von Bestandsbauten, man rückte von der heute wieder so wild um sich greifenden Abrisswut ab.
Keine „Cowboy Economy“
Der aktuelle Ruf nach einer „Bauwende“ angesichts des Klimawandels, in den auch Oliver Grawert mit House Europe! einstimmt, geht eigentlich auf alte Forderungen zurück, auf 1972 und den Bericht „Grenzen des Wachstums“ vom Club of Rome oder, noch früher, auf 1966 und den US-amerikanischen Ökonomen Kenneth Boulding. Der John-F.-Kennedy-Berater Boulding hatte auf dem Höhepunkt des Vietnamkriegs vorausschauend ein „zyklisches ökologisches System“ gefordert, das die vorherrschende „Cowboy Economy“ mit ihrer grenzenlosen Ausbeutung natürlicher Ressourcen hätte ersetzen sollen.
Ihm schwebte eine „Architecture of Change“ als Katalysator des Wandels vor. Die in den letzten Jahren entstandenen europaweiten Initiativen für ein Umdenken in der Baubranche, der Green Deal der Europäischen Kommission, das New European Bauhaus oder Bauhaus der Erde knüpfen an Bouldings „Architecture of Change“ an.
Dass sich die ökologischen Lasten bei Umbaumaßnahmen drastisch verringern, CO₂-Emissionen bei der Materialherstellung etwa um 69 und bei der Bauausführung um weitere 38 Prozent reduzieren könnten, ergab 2022 der Bericht „Neue Umbaukultur“ der Bundesstiftung Baukultur. In der Gesamtbetrachtung liefe dies auf eine Emissionssenkung von 31 Prozent hinaus. „Die ganze Gesellschaft muss den Wert unserer gebauten Umwelt stärker erkennen und Visionen für eine neue Umbaukultur entwickeln“, fordert der Stiftungsbericht.
Zurück zu den Kirchen: Dieser Mehrwert könnte also auch für sie ein beträchtliches Plus darstellen. Im Bistum Essen, wo zwischen 2006 und 2022 bereits 36 Kirchen planiert wurden, beherzigt man den Umbaudiskurs mittlerweile. Erst kürzlich wurde die expressiv-moderne Heilig-Geist-Kirche, entworfen vom Pritzker-Prize-Träger und Kölner Nachkriegsarchitekten Gottfried Böhm, zu einem Kunstraum umgewandelt, sie ist auch eine der zwölf Kirchen auf der Liste der diesjährigen Manifesta.
Gemeinwohlorientiert?
Solch eine Umwidmung ist nicht nur Teil einer ökologischen, sondern auch einer sozialen und stadtpolitischen Bauwende. Im Ruhrgebiet mit seiner hohen Bevölkerungsdichte steigt nämlich der Druck, für die profanierten Sakralbauten, angepasst an die jeweilige lokale Situation, neue soziale und kulturelle Programme zu entwickeln.
Die heute durch die soziale Kirchenkrise entstandene Möglichkeit von Umbau und Umnutzung von Sakralräumen sollte nicht als Krisensymptom, sondern als Herausforderung angenommen werden. Bestenfalls als eine Chance zur gemeinwohlorientierten Weiternutzung.
Aus diesem Grunde entstand 2024 die initiative kirchenmanifest.de. Unter dem Motto „Kirchen sind Gemeingüter! Manifest für eine neue Verantwortungsgemeinschaft“ wurden bis Ende 2024 ca. 21.000 Unterschriften gesammelt. Deren Gründerinnen erinnern daran, dass die Kirche mal ein Kulturraum war, den es heute wiederzugewinnen gelte.
Denn historisch wurden in Kirchenbauten neben Gottesdiensten auch kulturelle Veranstaltungen, Versammlungen und Märkte abgehalten. Sie wurden wörtlich als ekklesia (griechisch: „Versammlung“, „Versammlungsplatz“, „Gemeinde“; lateinisch ecclesia: „Volksversammlung“) wahrgenommen.
Als solche tauchen Kirchenräume etwa in der flämisch-niederländischen Malerei der Alten Meister auf, etwa bei Pieter Neefs dem Älteren (1578–ca. 1659), einem Malerkollegen Peter Paul Rubens’ im gegenreformatorischen Antwerpen. Oder bei Pieter Saenredam (1597–1665). Der malte den Kirchenraum von Haarlems Nieuwe Kerk, als handelte es sich um einen überdachten Marktplatz, wo sich die Menschen zum Plausch treffen.
Neue Lage, neue Formen
„Wer diese Bauten heute allein privatwirtschaftlich als Immobilien betrachtet, beraubt die Communitas. Staat und Gesellschaft können und dürfen sich ihrer historisch begründeten Verantwortung für dieses kulturelle Erbe nicht entziehen“, heißt es im Kirchenmanifest. Der „neuen Lage“ müsse man daher „mit neuen Formen der Trägerschaft begegnen: mit einer Stiftung oder Stiftungslandschaft für Kirchenbauten und deren Ausstattungen“.
Ob die „Manifesta 16 Ruhr“ solch längerfristige, institutionelle Veränderungen anschieben kann, wird sich noch zeigen. Zunächst wollen die Kuratoren die obsolet gewordenen Sakralräume – laut Programm – „mithilfe von künstlerischen Interventionen in gemeinschaftsfördernde, partizipative Handlungsräume“ verwandeln.
Wie man einen Kirchenraum als Versammlungsort neu denken und gleichzeitig der Bauwende folgen kann, erprobt gerade der Architekt Jaume Mayol von Ted’A Arquitectes aus Palma de Mallorca. Er baut jetzt im flämischen Herentals eine Kapelle aus den Abbruchziegeln einer benachbarten Kirche und wiederbelebt dabei die Bedeutung von ekklesia. Mayol hatte dabei den Versammlungsraum einer Höhle aus dem antiken Syrakus vor Augen, in der sich die erste Christengemeinde getroffen hatte.
„Das ist für mich ein starkes Bild: Eine große Höhle. Eine Halle, die nicht geschlossen, sondern offen ist, die keine Glasfenster hat. Dieser Schutzraum ist ein Ort, der Menschen dazu einlädt, sich zu versammeln, im religiösen oder nicht-religiösen Sinne. Das bedeutet ‚iglesia‘: ‚Öffnen‘ heißt ‚Türen öffnen.‘“ Und, so der an der Düsseldorfer Kunstakademie lehrende Mayol, „was die neue Sakralarchitektur betrifft: Es kommt auf Öffnung und Einbeziehung an. Die architektonische Umgestaltung sollte die Kirchen durchlässiger machen“.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert