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Kinder fragen, die taz antwortetWie können sich die Reichen durchsetzen, obwohl sie in der Minderheit sind?

Wir wollen von Kindern wissen, welche Fragen sie beschäftigen. Jede Woche beantworten wir eine. Diese Frage kommt von Theo, 12 Jahre alt.

Mit viel geld kann man nicht nur teuren Schmuck kaufen, sondern auch Berater zu beschäftigen, die dann die Politiker beeinflussen Foto: Schulz/imago

Viele Menschen glauben, dass sich die Reichen durchsetzen können, weil sie reich sind. Das ist nicht ganz falsch. Denn die Reichen haben genug Geld, um viele Berater zu beschäftigen, die dann die Politiker beeinflussen. Diese Berater heißen Lobbyisten. Sie versuchen die Gesetze so zu gestalten, dass die Reichen profitieren und möglichst wenig Steuern zahlen.

Trotzdem reicht es nicht, nur Lobbyisten zu beschäftigen, damit sich die Reichen durchsetzen können. Denn die Politiker wollen ja wiedergewählt werden. Die Abgeordneten im Parlament müssen daher tun, was die Mehrheit der Wähler will. Die meisten Wähler sind aber nicht reich, sondern gehören zur Mittelschicht oder sogar zu den Armen. Die Reichen können daher ihre Interessen nur durchbringen, wenn sie der Mittelschicht das Gefühl geben, dass sie ebenfalls reich ist – obwohl das gar nicht stimmt. Die Mehrheit der Wähler muss also zur Selbsttäuschung verleitet werden.

Dafür gibt es mindestens drei Tricks. Erstens: Die Reichen rechnen sich arm und erklären sich selbst zu einem Teil der Mittelschicht. Dieser Trick funktioniert, weil es keine genauen Zahlen gibt, wie viel Geld die Reichen wirklich haben.

Zweitens: Die Mittelschicht hofft auf den eigenen Aufstieg. Die meisten Menschen nehmen gar nicht wahr, wie groß der Abstand zu den Reichen wirklich ist. Umfragen zeigen, dass viele Menschen glauben, dass der Reichtum gleich oberhalb ihres eigenen Einkommens anfängt. Da liegt dann der Irrtum nahe, dass man sich nur ein bisschen anstrengen muss, um auch zu den Reichen zu gehören.

Drittens: Die Mittelschicht überschätzt das eigene Einkommen auch deshalb, weil sie sich unbedingt von den Armen abgrenzen will. In der Mittelschicht ist das Vorurteil verbreitet, dass die Armen gar nicht arbeiten wollen und eigentlich nur Schmarotzer sind. Menschen aus der Mittelschicht sehen sich an der Seite der Reichen, weil sie meinen, dass man gemeinsam von den angeblich faulen Armen ausgebeutet würde.

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Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.

Diese drei Mechanismen erklären, warum sich die Mittelschicht für reicher hält, als sie ist. Das Ergebnis ist schlimm. Immer wieder werden die Steuern gesenkt, wovon vor allem die Reichen etwas haben. Der Staat nimmt nicht mehr genug Geld ein, was jeder spürt. Auch du, lieber Theo, hast es sicherlich schon bemerkt: Viele Schulgebäude sind marode, es gibt zu wenig Kitas, Schwimmbäder schließen.

Die Menschen der Mittelschicht müssten ehrlicher mit sich selbst sein. Wenn sie einsehen würden, dass sie nicht reich sind, würde es weniger Politik für Reiche geben.

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