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Fremdsprachen an Hamburger SchulenMehr Türkisch wagen

Der Türkische Lehrerverein und der Türkische Elternbund fordern, öfter Türkischunterricht an Hamburger Schulen anzubieten. Allerdings fehlen Lehrkräfte.

In Hamburg noch kein Standard: Türkischunterricht wie hier an der Katharina-Henoth Gesamtschule in Köln Foto: dpa / Oliver Berg

Hamburg taz | Türkisch soll als zweite Fremdsprache fest verankert werden. Das fordern der Türkische Elternbund und der Türkische Lehrerverein Hamburg vom Hamburger Senat. In Hamburg leben über 45.000 Menschen, die Türkisch sprechen. Bilge Yörenç, Vorsitzende des Türkischen Lehrerverbandes in Hamburg, begründet mit dieser Zahl den Bedarf, das Angebot auszuweiten.

Dass ein Wandel bei der Nachfrage nach Fremdsprachen stattfindet, zeigen Zahlen. Vor allem Latein schneidet nicht mehr gut ab. Im Schuljahr 2022/23 ist die Sprache mit 1.639 Sechstklässlern weit abgeschlagen, Spanisch wählten 3.917, Französisch wiederum 3.185 SchülerInnen. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren gab es noch mehr als 2.000 Schüler, die sich für Latein entschieden. Türkisch wäre möglicherweise attraktiver.

Es gibt verschiedene Formen, Türkisch zu unterrichten: Fremdsprachenunterricht, bilingualen Unterricht und den sogenannten Herkunftssprachlichen Unterricht (HSU). Der herkömmliche Fremdsprachenunterricht ist für alle Kinder ohne Vorkenntnisse an Schulen zugänglich. Meistens können sie zwischen Spanisch, Französisch und Latein ab der 6. Klasse wählen.

Den HSU bieten derzeit 39 Schulen in Hamburg an. Dieser ist nicht gleichzusetzen mit Fremdsprachenunterricht, sondern dient vor allem Kindern mit internationaler Familiengeschichte und entsprechenden Vorkenntnissen der jeweiligen Sprache.

Ausbaufähiges Angebot, dürftige Infor

Beim zweisprachigen Unterricht wird der Lehrstoff in mindestens einem Unterrichtsfach in einer anderen Sprache als in der gewöhnlichen Unterrichtssprache vermittelt. Das Louise-Weiss-Gymnasium im Stadtteil Hamm ist derzeit das einzige Gymnasium in Hamburg, das Türkisch für alle GymnasiastInnen anbietet.

Die Nelson-Mandela-Schule dagegen bietet zwar Türkischunterricht an, allerdings müssen SchülerInnen das Niveau B1 vorweisen und in dem entsprechenden Sprachprofil sein. Der Türkischunterricht ist also an Bedingungen geknüpft.

Die Mehrsprachigkeit wird nicht als Ressource thematisiert, sondern immer als eine Hürde beim Deutschen

Bilgin Yörenc, Vorsitzende des türkischen Lehrerverbandes Hamburg

Neben dem ausbaufähigen Angebot der Stadt sei der Zugang zu Informationen dürftig, sagt Yörenç. Hamburgs Schulen könnten jederzeit zusätzliche Kurse einrichten, wenn das Interesse da sei und jeweils mindestens 15 Anmeldungen vorliegen. Diese kämen jedoch häufig nicht zustande. Yörenç fordert deshalb mehr Aufklärung über bestehende Angebote.

„Es nehmen sehr wenig Menschen an den Angeboten teil“, sagt sie. „Wir sehen eine große Lücke, dass Eltern Informationen nicht weitergereicht werden.“ Viele türkische Eltern hätten Vorbehalte und fänden, ihre Kinder sollten Deutsch lernen und nicht Türkisch.

„Die Mehrsprachigkeit wird nicht als Ressource in der Schule thematisiert, sondern immer als eine Hürde beim Spracherwerb des Deutschen“, sagt Yörenç. Sie wünscht sich, dass Türkisch nicht nur vorrangig als begleitender bilingualer Unterricht angeboten wird, sondern als feste Fremdsprache neben eben Französisch, Spanisch oder Latein integriert wird.

Ein weiteres Problem, Türkisch als Fremdsprache zu etablieren und für alle SchülerInnen zugänglich zu machen, sei die fehlende Ausbildung der Lehrkräfte. „Viele KollegInnen von unserer Seite aus sind auch nicht bereit, Kinder aufzunehmen, die zu Hause nur Deutsch sprechen oder einen spanischen Hintergrund haben, weil sie das in ihrer Ausbildung nicht gelernt haben“, sagt Yörenç. Sie kenne viele SchülerInnen, die gerne Türkisch lernen würden, aber keine Sprachkenntnisse vorweisen könnten. Diese fallen dann aus dem System.

Erziehungswissenschaftlerin befürwortet Anliegen

Ingrid Gogolin ist Erziehungswissenschaftlerin und forschte zu sprachlicher Bildung und Mehrsprachigkeit. Sie befürwortet das Anliegen des Türkischen Lehrervereins. „Türkisch ist erstens eine Sprache, die sich lohnt, sie als Fremdsprache zu lernen, weil das Ziel von Fremdsprachen ist, dass man was über Sprache lernt“, sagt sie. Dafür sei Türkisch prädestiniert, weil es anders gebaut sei als das Deutsche. Abgesehen davon habe es auch einen riesigen Anwendungsbereich.

Sie hat mit einer Arbeitsgruppe ein Konzept erarbeitet, das sich durchgängige Sprachbildung nennt. Sprachbildung müsse anders betrachtet werden: „Es ist nirgends bewiesen, dass man, wenn man viele, viele Jahre eine Sprache lernt, diese sehr viel besser lernt, als wenn die in kurzer Zeit gut unterrichtet wird.“

Gogolin spricht sich aus diesem Grund für eine flexiblere Gestaltung des Fremdsprachenunterrichts aus. Die Qualität und nicht die Dauer des Unterrichts sei entscheidend. Die Grundlage sprachlichen Wissens seien nicht die Vokabeln, sondern das Wissen über die Konstruktionsprinzipien der jeweiligen Sprache.

Anders als im Türkischen fehle es im Lateinischen beispielsweise an SprachpartnerInnen. Deshalb wäre es eine gute Idee, den Fremdsprachenunterricht in Türkisch auszuweiten.

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6 Kommentare

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  • Ich war immer der Meinung, Fremdsparchen erlent man, um sich in der Welt besser bewegen zu können - sprich, mit anderen Kulturen Kontakt aufzunehmen?

    Weder Deutsch (130 Mio.) noch Türkisch (80 Mio.) eignen sich dazu, denn sie werden von zu wenigen Menschen auf der Welt gesprochen. Deutsch aufgrund seiner wirtschaftichen Bedeutung eher noch hilfreich.



    Wichtigste Sprachen: Englisch mit 1,4 Mrd. Menschen, Mandarin u. Hindi, danach Spanisch 558 Mio. und Französich mit 311 Mio. sowie Portugiesisch 266 Mio. Menschen. Mit Latein als Basis kann man sich die drei "Kolonialsprachen" einfacher aneignen.



    Türkisch hilft bei arabischen Sprachen eher wenig?



    Also

    Und, wenn die Kinder in Teilen die deutsche Sprache noch nicht beherrschen, wie sollen sie dann eine zweite Fremdsprache (nicht Türkisch, ist ja Muttersprache) auf dieser Basis erlernen?

    Wir müssen mal von den Kindern her denken und nicht von den vorhandenen Kapazitäten, weil wir sie noch einsetzten möchten?

  • Hallo Frau Gebhardt,

    da haben sie aber viele Versatzstücke zusammen montiert. Zufällig aufgegriffene Einzelaussagen. Da hätte man mehr machen können.

    Sie hätten Frau Prof. Gogolin mal fragen können, ob ihr nicht auch klar ist, dass der Satz: „Es ist nirgends bewiesen, dass man, wenn man viele, viele Jahre eine Sprache lernt, diese sehr viel besser lernt, als wenn die in kurzer Zeit gut unterrichtet wird.“ nur aussagt, dass da nichts bewiesen ist. Das Gegenteil aber eben auch nicht. Und das Gegenteil könnte auch lauten, dass viele, viele Jahre sehr guter Sprachunterricht besser dazu beitragen, eine Sprache zu lernen, als ein kurzer Unterricht.

    Und auch die Ansicht von Frau Gogolin, dass alle Menschen die Welt wie sie als Sprachwissenschaftlerin sehen: "weil das Ziel von Fremdsprachen ist, dass man was über Sprache lernt." könnte man hinterfragen. Die meisten Menschen, die ich kenne, wollen eine Sprache vorrangig deshalb lernen, um damit zu kommunizieren.

  • Warum? Da könnte man auch die Nachbarsprachen Polnisch, Dänisch, Flämisch oder Niederländisch oder Tschechisch nennen, für die es genau so gute "Anwendungsbereiche" gäbe.

    Und wenn die Türkischen Lehrkräfte nicht darauf vorbereitet sind, das von Anfang an zu unterrichten, wird ja niemand den türkischen Lehrerverband Hamburgs systematisch daran hindern, dieses Wissen bei seinen Mitgliedern zu erweitern. Und sicher verbietet Frau Bilgin Yörenc niemand, ihrer Rolle als Vorsitzende des türkischen Lehrerverbandes Hamburg gerecht zu werden, und Informationen für die Angebote öffentlich publik zu machen, die sie als fehlend ansieht. Muss das immer eine zentrale Schulverwaltung machen?

  • Klar, Frösche fordern einen Teich, Kegler eine Kegelbahn. Betrachten wir die Region, darf man mit Fug und Recht fragen, wie es denn um Dänisch bestellt ist oder Holländisch.



    Allein wirtschaftlich gesehen, dürften die Niederlande stechen.



    Die Türkei ist kein unwesentliches Land, aber mit gleichem Recht, wenn man nur Einwandererbiografien vergleicht, darf man fragen, warum das Italienische oder Griechische nicht gleichberechtigt gefördert sein sollte - oder jüngst das Arabische.

  • Der Vergleich "Türkisch" mit "Latein" hinkt ein wenig. Latein wird nicht gelernt, um die Sprache zu sprechen, sondern weil man es (zumindest früher) für ein Medizin oder Jura Studium benötigte.



    Mein Großes Latinum hat mir bei meinem beruflichen Werdegang nie geholfen. Ich habe es damals gewählt, weil ich es einfacher als Französisch fand. Das waren die einzigen zweiten Fremdsprachen die zur Auswahl standen.

  • "Sie wünscht sich, dass Türkisch nicht nur vorrangig als begleitender bilingualer Unterricht angeboten wird, sondern als feste Fremdsprache neben eben Französisch, Spanisch oder Latein integriert wird."

    Und ich dachte Fremdsprachenangebote an den Schulen richten sich an der Anzahl der Sprecher bzw. des Verbreitungsgebietes. Dann käme nach Englisch, Spanisch und Französisch als nächstes Mandarin an die Reihe.