taz.Berlin-Adventskalender (7): Freundlichkeit aus dem LKW-Fenster
Der Berliner Straßenverkehr überrascht einen selten mit gegenseitiger Rücksichtnahme. Schön, wenn einem da der Lkw-Fahrer einfach mal den Tag rettet.
Foto: picture alliance/dpa | Wolfgang Kumm
Vorweihnachtshektik, unter coronabedingten Masken noch anonymer, Begegnungen finden in Eile und mit Sicherheitsabstand statt. Und dann öffnet sich plötzlich doch manchmal eine Tür: eine freundliche Geste, eine Hilfeleistung, ein Gespräch. Die taz.berlin berichtet in ihrem Adventskalender 2021 von solchen Türchen, die die Anonymität einen Moment vergessen lassen.
Auf dem Weg in die Redaktion mit dem Rad, die Stadt ist voll, zu viele Autos, zu viele Radler auf der Schönhauser Allee, von allem zu viel – ich bin schon genervt, bevor der Tag so richtig losgeht. Die Tatsache nervt mich erst recht. Da, auch noch ein Lkw-Fahrer, der auf der Charlottenstraße irgendetwas anliefern will, frisch gewaschene Bettwäsche für ein Hotel? Ich schaue nicht so genau hin. Links vom Lkw stauen sich bereits die Autos, die auch vorbei wollen, genau wie ich. Der erste ist allerdings geradewegs in den Gegenverkehr geraten, jetzt hupen sich die Verkehrsteilnehmer gegenseitig an.
Ich manövriere mein Rad auf den Gehweg, nicht okay, ich weiß, aber ich hab’s eilig. Bin auch ganz vorsichtig, liebe FußgängerInnen. Ist es eigentlich okay, Schadenfreude zu empfinden, frage ich mich, als ich an dem ganzen Blech vorbeifahre, das sich da festgefahren hat?
Ist das meine Tasche?
Da hupt es hinter mir. Mist, bin ich irgendeinem Außenspiegel zu nahe gekommen? Innerlich schon bereit, aus Prinzip zurückzumotzen, auch wenn ich im Unrecht sein sollte (16 Jahre Verkehrsschule Berlin), gucke ich mich um. Ist das meine Tasche, die da auf dem Gehweg liegt? Ich habe gar nicht gemerkt, dass sich die Aufhängung vom Gepäckträger gelöst hat. Mein Portemonnaie ist da drin, mein Handy auch. Und in meinem Handy ist mein Kalender und ohne den weiß ich gar nichts – nicht, wann Kind 1 morgen beim Zahnarzt sein muss oder wann das Fußballspiel von Kind 2 anfängt oder wen ich wann anrufen muss heute.
Ich steige vom Fahrrad, schiebe zurück. Der Lkw-Fahrer beugt sich in aller Seelenruhe aus dem Fenster, grinst freundlich: „Ist doch Ihre, oder?“ Ich bin ein bisschen perplex, so viel Freundlichkeit aus einem Lkw-Fenster heraus wird meinem Fahrrad und mir sonst eher nicht entgegengebracht.
„Ja, ähm, danke“, sage ich. Und dass er mir gerade den Tag gerettet hat. Auf dem Gehweg schiebe ich mein Fahrrad um den kleinen Stau herum. Aus Rücksicht auf die Fußgänger. Die sollen auch einen schönen Tag haben.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert