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Erfurt im Glücksatlas ganz obenDeprimiert, gerupft, zufrieden

Albrecht Kaiser

Kommentar von

Albrecht Kaiser

Erfurt macht seine Be­woh­ne­r*in­nen so glücklich wie keine andere Großstadt. Mit einem depressiven Brot und Weihnachtsbaum „Rupfi“.

I ch hasse mein Leben“, sagt ein deprimiertes Kastenbrot und schaut traurig in die Kamera – Tausende Kinder freuen sich. Ich war sechs, als ich Bernd das Brot begegnet bin, meinem ersten Erfurter. Dauerhaft schlecht gelaunt, genervt von seinen Mitmenschen, will einfach nur seine Ruhe. Trotzdem ein Sympathieträger, der schon dazu genötigt wurde, in einer amerikanischen Late-Night-Sendung aufzutreten, und dessen Beliebtheit dafür sorgte, dass seine Statue vor dem Erfurter Rathaus eine Entführung durchlebte.

Kurz vor der Pandemie zog ich in die Nähe von Erfurt, der Stadt mit dem chronisch unzufriedenen Maskottchen, deren Be­woh­ne­r*in­nen dennoch die glücklichsten Groß­städ­te­r*in­nen Deutschlands sind. So steht es im diesjährigen SKL-Glücksatlas: Erfurt belegt Platz eins von vierzig. Die Studie entsteht jedes Jahr in Zusammenarbeit mit der Universität Freiburg, Hauptsponsor und Namensgeber ist die „Süddeutsche Klassenlotterie“.

Als Vergleichsgröße zieht der Atlas die sogenannte „objektive Lebensqualität“ heran, ermittelt anhand von Daten zu Arbeitsmarkt, Familiengründung, Mietspiegel und Wohnsituation. Im Kontrast zur subjektiven Goldmedaille beim Empfinden der Bür­ge­r*in­nen landet Erfurt hier auf Platz 27 – im hinteren Drittel. Damit ist Erfurt das, was die Studie „Overperformer“ nennt: eine Stadt, deren Be­woh­ne­r*in­nen zufriedener sind, als sie trotz objektiver Kriterien vielleicht sein sollten.

Besonders auffällig bei den Gründen, warum die Stadt objektiv so schlecht abschneidet: Die Geburtenrate liegt fast 20 Prozent unter dem Schnitt der anderen untersuchten Städte. Dabei wird der Humor aber direkt mit in die Wiege gelegt, denn jedes Neugeborene in Erfurt bekommt automatisch den Status als „Puffbohne“ – samt dazugehörigem Plüschtier. Das Kuscheltier mit Smileygesicht soll an die Hülsenfrucht erinnern, die einst in der Region angebaut wurde. Als Zugezogener habe ich meine Puffbohne erst zu einem viel späteren Geburtstag bekommen. Trotz ihres Anblicks behalte ich sie, in einer Schublade.

Massentourismus und Künstlerkiez geben sich die Hand

Schön hingegen ist das Leben in Erfurt. An den Wasserärmchen der Gera durch das Grün von „Klein Venedig“ schlendern. In der Nachmittagssonne einen Kaffee trinken, gotischen Domblick inklusive. Auf der Krämerbrücke beobachten, wie Massentourismus und Künstlerkiez sich die Hand geben. Das Klischee-Programm für Wo­chen­end­tou­ris­t*in­nen überzeugt. Ich kann den Kopf darüber schütteln und mich dann trotzdem in die Schlange einreihen, um bei Goldhelm das beste Eis Deutschlands zu essen. Ich kann mich im Linkshänderladen an einer Tasse erfreuen, die dank kleiner, einseitiger Löcher Rechts­hän­de­r*in­nen zuverlässig einen nassen Schoß beschert, wenn sie sie zum Trinken kippen. Wer aber mit links den Henkel greift, bekommt die Seite ohne Löcher und behält sein Shirt ohne Kaffeeflecken. Die Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, die Buchhandlungen, Cafés und Ateliers betreiben, sie sind es, die mich immer wieder überraschen.

Es ist 2018. Ich wärme meine Hände an einer damals schon überteuerten Tasse Glühwein, die ich durch eine behäbige Masse an Vorweihnachtsbegeisterten balanciere, während ich meine Freunde suche. Über allem thront Rupfi – der wohl hässlichste Weihnachtsbaum Deutschlands. Die kahle Rotfichte gibt einen erbärmlichen Anblick ab. Die Erfurter*innen? Schließen den bedauernswerten Baum trotzdem ins Herz. Solidaritätsbekundungen häufen sich, eine eigene Facebookseite folgt. „Ich bin nicht perfekt, aber wer ist das schon?“, schreibt Rupfi seinen Follower*innen.

Erfurt ist nicht trotz deprimierter Brote, nicht trotz Touristenmassen, nicht trotz mäßiger objektiver Lebensqualität und gerupfter Weihnachtsbäume glücklich. Vielleicht sind Er­fur­te­r*in­nen einfach mit dem Unperfekten, dem Fehlerhaften zufrieden. Oder sogar: gerade deswegen.

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Albrecht Kaiser

Albrecht Kaiser Hospitant

Aus Thüringen in der Hauptstadt unterwegs. Volontär bei der Thüringer Allgemeinen. Im Juni 2026 darf ich in das Resort "Reportage und Recherche" der taz reinschnüffeln.
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1 Kommentar

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  • Ich habe eine Zeit lang in Erfurt gelebt und kann es bestätigen, wenn auch nicht in Worte fassen. Die Stadt hat was. Die Menschen, der Ort an sich....unkompliziert, herzlich, eine unperfekte Schönheit...ach Erfurt *seufz*