Reaktion auf den Irankrieg: Die Umgehungsstraße von Hormus
Die Golfstaaten beginnen mit dem Aufbau von alternativen Häfen und Pipelines, um die Blockade der Straße von Hormus zu umgehen. Es geht um Öl und Düngemittel.
Foto: Berit Kessler/Zoonar/picture alliance
Ausgerechnet in einem ICE der Deutschen Bahn wurde der Traum für die Arabische Halbinsel besprochen. Als der damalige Kanzler Gerhard Schröder und der damalige Emir von Katar, Scheich Hamad bin Chalifa al-Thani, am 28. Mai 1999 im ICE 410 von Berlin nach Hannover fuhren, erörterten sie ein Eisenbahnnetzwerk, das alle sechs Staaten des arabischen Golfkooperationsrates umspannen sollte. Die DB bekam einen Consulting-Auftrag. Aber wegen politischer Spannungen zwischen Katar und seinen Nachbarn Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) verblasste der Traum und wurde nie Realität.
Scheich Hamad ist am Sonntag im Alter von 74 Jahren gestorben, aber seine einst wie eine Fata Morgana wirkende Idee wird heute realistischer denn je. Der Konflikt um die Straße von Hormus belastet erneut die Weltwirtschaft, nachdem ein vorläufiger Waffenstillstand zwischen den USA und Iran kollabiert ist. Durch die Meerenge werden mit 20 Millionen Barrel normalerweise täglich ein Fünftel der weltweiten Ölproduktion verschifft, mindestens ein Fünftel der Produktion von verflüssigtem Erdgas (LNG) und 30 Prozent der globalen Düngemittelproduktion.
Aus der akuten Krise, die die Weltwirtschaft bedroht, kann letztlich aber etwas Positives erwachsen: „Die Störung des weltweit wichtigsten maritimen Engpasses führt zu einer Welle der Unterstützung für neue Handels- und Energiekorridore über Land, die den Golf mit dem Mittelmeer verbinden sollen“, sagt Allison Minor, Direktorin für Kooperation im Mittleren Osten des Washingtoner Thinktanks „Atlantic Council“.
Neue Korridore
„Neue grenzüberschreitende Korridore haben das Potenzial, die Zusammenarbeit in einer Region zu stärken, die unter geringer wirtschaftlicher Integration und starker politischer Zersplitterung leidet“, so die frühere Managing-Direktorin der amerikanischen Entwicklungsagentur US Development Finance Corporation.
So sollen ein Eisenbahnnetz und Pipelines entstehen, die in den Häfen Omans östlich der Straße von Hormus enden oder in den saudi-arabischen Häfen am Roten Meer oder am Golf von Aqaba in Jordanien oder an Syriens Mittelmeerküste. Dadurch würde das vom Iran beanspruchte Nadelöhr im Persischen Golf umgangen. Laut Minor könnten so „dringend benötigte wirtschaftliche Chancen für Länder wie Jordanien und Syrien“ entstehen. Syriens Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg während der Zeit des 2024 gestürzten Diktators Bashar al-Assad könnte mit Transiteinnahmen finanziert werden.
Dabei bleibt viel zu tun: Bisher können durch die 406 Kilometer lange emiratische „Abu Dhabi Crude Oil“-Pipeline bis zu 1,8 Millionen Barrel (je 159 Liter) Rohöl von Abu Dhabis Riesenölfeld bei Habshan in den Hafen des ebenfalls zu den VAE gehörenden Emirats Fudschaira gepumpt werden. Fudschaira, am Golf von Oman und damit östlich von Hormus gelegen, ist schon jetzt der wichtigste Hafen der Region, wo Tanker Schiffsdiesel für ihre Fahrt bunkern.
Pipeline-Kapazitäten verdoppeln
Nun will der Kronprinz des VAE, Scheich Chaled bin Mohamed bin Zayed, die Pipeline-Kapazität verdoppeln: Um die Meerenge zu umgehen und ein „verlässlicher globaler Energielieferant zu sein“. Saudi-Arabien hat bereits 1982 die East-West-Pipeline eröffnet. Durch sie versorgt das Königreich den Westteil des Landes mit täglich zwei Millionen Barrel Rohöl aus dem ölreichen Osten. Von dort können weitere fünf Millionen Barrel pro Tag zum Hafen Yanbu gepumpt werden zur Verschiffung vom Roten Meer aus.
Nun soll Yanbu ausgebaut werden und unweit der neue Hafen Neom entstehen – um die Pipeline-Kapazität erweitern zu können. Iran hat vor fünf Jahren mit der Pipeline von Goreh am Persischen Golf nach Jask am Golf von Oman eine Land-Umgehung des Meerweges von Hormus gebaut. Aber dadurch gelangen nur eine Million Barrel täglich um das Nadelöhr herum.
Der Irak kann im Prinzip 1,6 Millionen Barrel am Tag aus Kirkuk im kurdischen Landesteil nach Ceyhan an der türkischen Mittelmeerküste pumpen – aber es kommt immer wieder zu technischen Störungen. Die USA haben am Dienstag angekündigt, beim Wiederaufbau der teilweise zerstörte Pipeline vom irakischen Kirkuk ins syrische Baniyas mitzuhelfen. Zudem plant der Irak eine neue Leitung ins jordanische Aqaba am Roten Meer.
Vollständig auf die Hormus-Passage angewiesen
Dies alles nützt Katar, Bahrain und Kuwait nichts, sie sind bisher vollständig auf die Hormus-Passage angewiesen. Katar ist der weltgrößte LNG-Exporteur und Produzent von einem Drittel der für die Halbleiterfertigung extrem wichtigen Helium-Gases.
Die Hormus-Friktionen haben aber weit größere Auswirkungen auf die Weltwirtschaft als nur bei Öl, Gas und Helium. Ein Drittel der globalen Düngermenge wird laut UN World Food Program (WFP) normalerweise durch das Nadelöhr verschifft. Das WFP warnt bereits vor einem deutlichen Rückgang der Mais- und Weizenproduktion und einer möglichen Hungerkrise. Und auch der Löwenanteil des zum Kochen, zum Kühlen und als Treibstoff benötigten LPG – eine Mischung aus Propan, Butan und anderen Gasen – passiert gewöhnlich die Meerenge. Indien bezieht 90 Prozent des in Stahlflaschen gelieferten Koch-Gases aus den Golfstaaten.
Hinzu kommt, dass die binnen ein, zwei Jahrzehnten wie Pilze aus dem Wüstenboden der Golfanrainer gewachsenen riesigen Stahl- und Aluminiumschmelzen mit Rohstoffen wie Eisenerz und Bauxit durch die Straße von Hormus versorgt werden und ihre Produktion hierdurch auch abtransportiert werden muss.
China und Indien streben nach Unabhängigkeit
Die Golfstaaten – sowohl Iran als auch Saudi-Arabien – sind bisher Großlieferanten von Öl und Gas nach Indien und China. Peking will sich inzwischen unabhängiger machen und treibt den „Mittleren Korridor“ genannten Landweg durch Zentralasien und den Kaukasus nach Europa voran. Zudem investiert China massiv in Kasachstan, einem ölreichen zentralasiatischen Land und zugleich der mit 40 Prozent Weltmarktanteil größte Uran-Produzent.
Indien plant mit arabischen Staaten das IMEC-Projekt: ein Korridor, bei dem Container von und nach Indien in Häfen am Golf von Oman angelandet und von dort per Bahn durch VAE und Saudi-Arabien nach Jordanien gebracht werden sollen, um vom Roten Meer aus nach Europa verschifft zu werden. Deshalb der Name: India – Middle East – Europe Economic Corridor.
Das alles braucht Zeit und Vertrauen: „Regierungen müssen ihre klare und dauerhafte politische Unterstützung signalisieren, um Investitionen des Privatsektors in diese alternativen Korridore zu mobilisieren“, so Minor.
Der Druck auf die Märkte steigt zudem, da die Ukraine erfolgreich russische Öl- und Gastanker sowie mit Getreide beladene Schiffe mit Drohnen attackiert im Schwarzen Meer, um Aggressor Russland um Einnahmen für seine Kriegskasse zu bringen. Erfolgreich: Moskau rechnet mit einem Minus von 20 Prozent bei den Getreideexporten.
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