Theater Bremen mit „Die Trasse“: Raus aus dem Theater (um mal unter sich zu bleiben)
In einem fahrenden Truck besichtigen Besucher:innen des Bremer Theaters Schauplätze gescheiterten Stadtplanungswahnsinns. Es ist allemal eine Erfahrung.
T heater ist schon eine sonderbare Angelegenheit. Man sitzt da rum, guckt hin, hört zu und versucht, nichts falsch zu machen. Schließlich soll es hier um was gehen – politische Fragen in Zeiten gesellschaftlicher Zerrüttung, die Bühne als Bastion demokratischen Austauschs und solche Sachen. Nur eins will Theater auf keinen Fall: ein selbstgefälliges Stück Kunst sein, von Theaterleuten für Theaterleute, über Theaterthemen und in Theaterräumen, in die nur äußerst selten jemand Neues hineinstolpert.
Es lag jedenfalls nicht allein an Corona und der Belüftungssituation der Schauspielhäuser, dass sich Theater in letzter Zeit mit gewisser Regelmäßigkeit in den sogenannten öffentlichen Raum hinauswagt. Man „audiowalkt“, stellt Bühnen auf den Hof oder macht was an besonderen Orten. Im Leerstand oder so.
In diesem Sinne neu ist also erst mal nicht, was Regisseur und Schauspieler Daniel Fries dem Bremer Theaterpublikum mit „Die Trasse. Eine Erfahrung“ zumutet. Hier befindet sich der Zuschauerraum in einem Truck mit durchsichtiger Seitenwand, man guckt von der Tribüne zur Seite raus und sieht die Welt an sich vorbeiziehen – oder immerhin die Altbauten im alternativen Bremer Ostertorviertel.
Das Theater Bremen
liegt mitten drin im für den Abriss vorgesehenen Viertel und gönnt sich mit „Die Trasse“ eine kleine Siegesfeier. Aufführungen bis 28. Juni. Der Truck gehört der deutsch-schweizerischen Künstlergruppe Rimini Protokoll. Das nicht gerade fabrikneue Theatergefährt hat es schon bis nach Moskau und zurück geschafft.
Und darum geht es dann auch inhaltlich: um die zumindest in Bremen sattsam bekannte Geschichte vom geplanten Abriss des Quartiers Anfang der 1970er Jahre und um den letztlich erfolgreichen Kampf dagegen, der so was wie den Gründungsmythos linksbremer Zusammenhänge darstellt.
Animierte Einblicke in Fieberträume
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
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Deshalb gibt es hier in der Nachbarschaft des Theaters heute keine Hochhäuser und keine Schnellstraßen, sondern maßvoll angeschmuddelte Altbauten für gut vernetzte Szene-Menschen auf alten Mietverträgen und zunehmend reichere Zuzügler:innen.
Weil am linken Mythos von der Ermächtigung der Anwohnenden gegen Staat und Kapital auch das Theater nicht rütteln mag, erzählt es in eingespielten Bild- und Tonschnipseln erst ganz lang, wie schlimm damals alles war. Und danach noch etwas länger, was es heute so alles über Stadtplanung und Mitbestimmung zu sagen gäbe. Arg bemüht sind die Zeitmarker von „Hossa“ bis „Hornbrille“ und fahrig die Versuche, den alten Kampf in krummen Analogien für Debatten von heute fruchtbar zu machen.
Viel lustiger ist es, wenn plötzlich eine Leinwand vors Fenster fährt und den Ausblick ins Stadtbild gegen animierte Einblicke in die Fieberträume des autogerechten Städtebaus tauscht. Während die Perspektive der Animation langsam kippt, scheint sich der ganze Truck in die Luft zu erheben und einen Rundflug über die nie gebaute Schnellstraße zu starten. Till Botterweck von Urbanscreen hat diesen Zaubertrick konstruiert und damit die einzig wirklich interessante Passage dieser Produktion zu verantworten.
Oder auch nicht, womit wir wieder bei diesen theatralen Eingriffen ins öffentliche Leben vom Anfang wären. Denn dieser „mobile Zuschauerraum“ (übrigens eine Leihgabe der freien Theatergruppe Rimini Protokoll) fühlt sich auf seine Weise hermetischer an als jeder Kunstbunker.
Fremdkörper in der eigenen Stadt
Vielleicht zum ersten Mal ist man Fremdkörper in der eigenen Stadt, Beobachter:in und Ausstellungsstück zugleich. Denn schon das Arrangement der Sitzreihen macht klar, dass es sich hier nicht um irgendeinen Stadtrundfahrtsquatsch für Touris handelt, sondern eben … Theater.
Zur Premiere Mitte Mai ist im Viertel schon was los, vor den Cafés sitzen Menschen, viele sind auf Fahrrädern unterwegs. Weil der Truck auf der Holperpiste anfangs nur langsam vorankommt, hat man Zeit, sich die Gesichter anzusehen und über die Geschichten der Menschen zu spekulieren. Vor allem wartet man darauf, endlich mal selbst entdeckt zu werden. Denn tatsächlich gucken viele gar nicht vom Handy hoch, während sich 40 Menschen auf einer Tribüne mit wenigen Metern Abstand an ihnen vorbei durch den Straßenverkehr schieben.
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Wer dann doch was mitbekommt, schiebt ungläubig die Sonnenbrille hoch und lässt vor den freundlich lächelnden Aliens die Kinnlade fallen. Man ist hier im Theater unter sich wie noch nie. Gerade, weil der Rest der Welt auch da ist.
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