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Organisierte Kriminalität in SüdamerikaWer den Kokainhandel bekämpfen will, muss global denken

Deutschland braucht eine außen- und entwicklungspolitische Strategie gegen organisierte Kriminalität. Die Zivilgesellschaft ist dabei entscheidend.

K okain ist ein globales Geschäftsmodell mit lokalen Folgen an beiden Enden der Lieferkette. Das Bundeskriminalamt bestätigt, dass Deutschland aktuell eine Kokainschwemme erlebt, Drogenkriminalität weiterhin das zentrale Betätigungsfeld organisierter Kriminalität in Deutschland ist und über 70 Prozent der einschlägigen Verfahren eine transnationale Dimension aufweisen. Wer Kriminalität wirksam bekämpfen will, muss daher global denken.

Das in Deutschland dominierende Rauschgift Kokain wird in Lateinamerika produziert. Kaum eine Region verdeutlicht die enge Verflechtung von organisierter Kriminalität, sozialer Ungleichheit und Konsumverhalten im globalen Norden stärker. In den vergangenen Jahren haben sich diese kriminellen Geschäftsbeziehungen grundlegend verändert: Aus einer reinen Lieferantenbeziehung ist eine strukturelle Verflechtung mit europäischen Netzwerken entstanden.

Die hohe Nachfrage in Europa macht den Handel extrem profitabel, schafft Anreize für den Ausbau krimineller Strukturen und stellt für viele arme Menschen eine der wenigen verfügbaren Einkommensquellen dar. Um ihre Profite abzusichern, korrumpieren Kartelle Polizei, Justiz und Politik und setzen in ganzen Regionen eigene Gewalt- und Ordnungssysteme durch. In Ländern wie Mexiko pflegen einige Bürgermeister und Gouverneure enge Beziehungen mit kriminellen Netzwerken.

Ingrid Wehr und Helena Raspe

Ingrid Wehr ist promovierte Politikwissenschaftlerin. Sie forschte und lehrte am Arnold-Bergstraesser-Institut/Universität Freiburg, der Freien Universität Berlin und der Universidad de Chile. Von 2014 bis 2020 leitete sie das Regionalbüro Cono Sur der Heinrich-Böll-Stiftung in Santiago de Chile, von 2021 bis 2025 das Regionalbüro Zentralamerika der Stiftung in El Salvador. Seit März 2026 ist Ingrid Wehr als Referentin für Demokratie/Lateinamerika ans Büro der Böll-Stiftung nach Mexiko-Stadt entsandt.

Helena Raspe ist Referentin für Lateinamerika, Menschenrechte und Sicherheit bei Misereor und ehrenamtlich stv. Vorsitzende von mafianeindanke e. V. Sie ist Lateinamerikanistin, in Italien aufgewachsen und arbeitet seit 2019 aktivistisch, journalistisch und seit 2024 in der Entwicklungszusammenarbeit zum Thema zivilgesellschaftliche Strategien gegen transnationale organisierte Kriminalität mit den Schwerpunkten Deutschland, Italien und Lateinamerika.

Die sozialen, ökonomischen und politischen Folgekosten dieser Verflechtungen bleiben jedoch weitgehend unsichtbar. Zwar zeigte der erste deutsche Mafia-Untersuchungsausschuss 2024 in Erfurt, dass organisierte Kriminalität auch in Deutschland längst legale Sektoren wie die Gastronomie, Bauwesen, Logistik oder Sicherheitsdienste durchdrungen hat. Das Bundeslagebild Organisierte Kriminalität 2024 belegt zudem die zunehmende Rekrutierung deutscher Jugendlicher für kriminelle Online-Aktivitäten.

Milliardenverluste für den Staat

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Die taz ist eine unabhängige, linke und meinungsstarke Tageszeitung. In unseren Kommentaren, Essays und Debattentexten streiten wir seit der Gründung der taz im Jahr 1979. Oft können und wollen wir uns nicht auf eine Meinung einigen. Deshalb finden sich hier teils komplett gegenläufige Positionen – allesamt Teil des sehr breiten linken Meinungsspektrums.

Die offiziell erfassten Schäden von 2,7 Milliarden Euro und die festgestellte gewaschene Geldsumme von 230,5 Millionen Euro bilden jedoch nur einen Bruchteil der Realität ab. Bereits 2016 schätzte eine Dunkelfeldstudie des Bundesfinanzministeriums das jährliche Geldwäschevolumen auf 100 Milliarden Euro.

Da große Teile der Wirtschafts- und Finanzkriminalität nicht erfasst werden, bleiben die umfassenden gesellschaftlichen Schäden – vom Vertrauensverlust in den Rechtsstaat über steigende Immobilienpreise bis hin zu Gesundheitsrisiken durch Medikamentenfälschung – weitgehend ausgeblendet. Besonders problematisch ist zudem, dass laut Europol rund 98 Prozent der kriminell erzielten Vermögenswerte in Europa im Besitz der Täter verbleiben.

Erschwerend kommt die politische Instrumentalisierung der Sicherheitsagenda hinzu. Rechte und rechtsextreme Akteure stilisieren organisierte Kriminalität häufig zum „Ausländerproblem“ und propagieren Abschiebungen oder eine Politik der „harten Hand“ als vermeintliche Lösungen. Solche Ansätze verfehlen jedoch die Ursachen des Problems.

Die Einstufung krimineller Organisationen als militärischen Gegner beruht auf der irrigen Annahme, man könne Netzwerke zerschlagen, indem man geografische Knotenpunkte zerstört und ihre Anführer tötet. Man kann jedoch, wie die brasilianischen Experten Matias Spektor und Oto Montagner in der New York Times treffend schreiben, „keine Drogenlieferkette bombardieren, die sich von Kalifornien bis Guangdong erstreckt“.

Nach russischem Vorbild

Auch das Beispiel El Salvador zeigt die Schattenseiten repressiver Hardliner-Politik: Dort regiert der Freund des US-Präsidenten Nayib Bukele, der seine politische Karriere Deals mit den Köpfen krimineller Banden verdankt. Zwar ging die sichtbare Straßengewalt durch Bukeles Masseninhaftierungen zurück, doch nur zum Preis von Menschenrechtsverletzungen, die juristische Ex­per­t*in­nen inzwischen als „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ einstufen.

Nicht nur dort, sondern weltweit werden nach dem Vorbild Russlands und unter dem Vorwand der Geldwäsche- und Terrorismusbekämpfung Gesetze verabschiedet, die die Zivilgesellschaft und unabhängigen Journalismus kriminalisieren – also genau jene Akteure, die für die Verhinderung und Verfolgung von Geldwäsche unverzichtbar sind.

Die Prävention gegen organisierte Kriminalität und deren Bekämpfung darf nicht als Vorwand dafür dienen, demokratische Prozesse und Garantien auszuhebeln, sondern muss Menschenrechte ausdrücklich stärken. Orientierung bieten neben der Palermo-Konvention auch die kürzlich verabschiedete Resolution der Interamerikanischen Menschenrechtskommission zu organisierter Kriminalität und Menschenrechten.

Trotz wachsender Kosten verfügt das Geldwäscheparadies Deutschland bislang über keine ressortübergreifende Strategie zur Prävention gegen organisierte Kriminalität und deren Bekämpfung, die Außen-, Innen-, Entwicklungs- und Finanzpolitik zusammendenkt und Zivilgesellschaft systematisch in Sicherheitskooperationen und Strategien einbezieht.

Das Wissen liegt bei den NGOs

Dabei verfügen Basisorganisationen und spezialisierte NGOs über fundiertes Wissen zu kriminellen Strukturen und haben innovative Lösungsansätze entwickelt. Das argentinische Projekt „Bien Restituido“ etwa setzt sich nach dem Vorbild Italiens für die soziale Wiederverwendung beschlagnahmter Vermögenswerte ein – ein Ansatz, der auch in Deutschland ein starkes Signal für gesellschaftliche Resilienz setzen könnte.

Innere Sicherheit ist nicht allein Aufgabe der Polizei. Sie wächst dort, wo Korruption eingedämmt wird, soziale und ökonomische Perspektiven entstehen und eine handlungsfähige Zivilgesellschaft gestärkt wird. Entwicklungszusammenarbeit leistet hierzu einen zentralen präventiven Beitrag, indem sie Alternativen zu illegalen Märkten schafft. Der gegenwärtige Frontalangriff auf die deutsche Entwicklungszusammenarbeit ist deshalb ebenso kurzsichtig wie gefährlich: Diese Investitionen im Ausland sind kein Luxus, sondern eine notwendige Investition in die eigene Sicherheit.

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