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Schauspieler über Kunstfigur„Lilo Wanders hat eine Schutzfunktion für mich übernommen“

Ernie Reinhardt spielt seit 37 Jahren Lilo Wanders. Wie aus einer Theaterfigur ein Seelentröster wurde und warum er lieber als Lilo auftritt.

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Ernie Reinhardt, warum kennt alle Welt Sie nur als Frau Lilo Wanders?

Ernie Reinhardt: Ende der 1950er Jahre bin ich als schwuler Junge in der niedersächsischen Provinz aufgewachsen und als lebhaftes, aber eingeschüchtertes Kind habe ich mich in der Welt fremd gefühlt. Irgendwann habe ich entdeckt, dass ich alles kann, wenn ich vorgebe, jemand anderes zu sein. Daraus ist der Wunsch entstanden, Schauspieler zu werden.

taz: Und wann wurde Lilo Wanders geboren?

Reinhardt: Lilo habe ich 1989 als eine Figur in einem Theaterstück für das Schmidt-Theater auf der Reeperbahn erfunden. Sie hat sich dann verselbstständigt und gleichzeitig eine Schutzfunktion für mich gegen meine Schüchternheit übernommen. Deswegen trete ich als Privatperson nur äußerst ungern vor ein Publikum, spiele aber auch manchmal Männerrollen.

taz: Sie haben also immer noch ein gutes Verhältnis zu Ihrer Kunstfigur?

Reinhardt: Ja, denn wir sind im Laufe der Jahre deckungsgleich geworden, was zum Beispiel Lebensanschauung und Ethik angeht. Und es ist natürlich auch der Bekanntheit der Person geschuldet, dass ich überall als Lilo aufkreuze.

Im Interview: Ernie Reinhardt

1955 in Celle geboren, ist Schauspieler. 1989 erfand er die Kunstfigur Lilo Wanders und tritt seitdem vor allem in dieser Rolle öffentlich auf. Im Jahr 2025 veröffentlichte er seine Lebenserinnerungen unter dem Titel „Waren Sie nicht mal Lilo Wanders?“ (Goldman Verlag, 272 S., 20 Euro, E-Book 17,99 Euro).

taz: Wie hat Lilo Wanders sich mit der Zeit verändert?

Reinhardt: Als ich mit der Fernsehsendung „Wa(h)re Liebe“ angefangen habe, durfte Lilo Wanders nicht länger nur die Parodie einer älteren Schauspielerin sein. Stattdessen musste sie zum Menschen werden. Denn da führte ich ja Gespräche mit Leuten über Liebe und Sex, aber auch über Pornodrehs, Swingerclubs, Partnertausch und Penisgrößen. Da konnte ich nicht weiter nur Quatsch machen.

Ich wollte nie die Übertreibung. Die Karikatur war nur ganz am Anfang, aber im Grunde habe ich immer versucht, eine wahrhaftige Frau darzustellen

taz: Man kann mit einer Kunstfigur bis zum Äußersten gehen, wie es mit der sehr komisch-provokanten Dame Edna aus Australien passierte. Warum sind Sie in die andere Richtung gegangen?

Reinhardt: Bin ich eigentlich gar nicht, denn Lilo ist wie die Genannte mehr ein „female impersonator“ als eine Dragqueen.

taz: Was ist der Unterschied?

Reinhardt: Ich wollte nie die Übertreibung. Die Karikatur war nur ganz am Anfang, aber im Grunde habe ich immer versucht, eine wahrhaftige Frau darzustellen. Und das ist bei den Drags etwas anders. Die haben oft auch ein persönliches Bedürfnis, auf eine übertriebene Art gesellschaftliche Rollen infrage zu stellen und Aufsehen zu erregen. Für mich ist Lilo-sein mein Beruf. Ich hätte allerdings gern mehr Männerrollen gespielt und mein schauspielerisches Talent gezeigt.

taz: Was haben Sie als Lilo Wanders denn in den 37 Jahre ihres Lebens so getrieben?

Reinhardt: Mit „Wa(h)re Liebe“ war ja Ende 2004 nach zehneinhalb Jahren Schluss, aber ich habe immer Theater gespielt und viel Unterschiedliches gemacht. Ich war in zwei verschiedenen Inszenierungen Marlene Dietrich, an der Oper in Bremen die Göttermutter Juno in „Orpheus in der Unterwelt“ und in Bad Hersfeld die Spelunken-Jenny in der „Dreigroschenoper“.

Erzählabend

„Waren Sie nicht mal Lilo Wanders?“: Sa, 25. Juli, 19.30 Uhr, Dorfgemeinschaftshaus Ammersbeck, Am Gutshof 1

taz: Aber meistens stehen Sie doch alleine auf der Bühne.

Reinhardt: Ja. Ich bin auch immer mit Soloprogrammen unterwegs, die sich aber über die Jahre verändert haben. Sie waren zuerst noch kabarettistischer angelegt, aber jetzt würde ich eher sagen, dass ich den Menschen Zuversicht gebe.

taz: Spielen Sie nun die Rolle einer Trosttante?

Reinhardt: Nein! Ich thematisiere das, was die Menschen bewegt. Das Programm, mit dem ich jetzt auftrete, ist zweigeteilt. Zuerst erzähle ich aus meinem Leben. Und in der Pause können die Zu­schaue­r*in­nen Fragen auf Zettel schreiben, die ich dann im zweiten Teil beantworte.

taz: Mögen Sie ein Beispiel nennen?

Reinhardt: Ich bekam irgendwo in Süddeutschland einen Zettel: „Ist es in Ordnung, wenn man dreimal oder noch öfter am Tag Sex hat?“ Ich habe geantwortet: „Nur zu! Das ist völlig okay und ich gratuliere, wenn ihr die Zeit und die Kraft dafür habt.“ Nach der Veranstaltung kam eine ältere Dame auf mich zu und sagte: „Der Zettel war von mir! Ich bin 89, nach 60 Jahren verwitwet, habe jetzt einen neuen Partner und wir können die Finger nicht voneinander lassen.“ Sie wollte es jemandem mitteilen, weil Kinder und Enkel kein Verständnis dafür haben. Toll!

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