Puppenspielerin übers Strippenziehen: „Eine Hierarchie der Manipulation“
Sara Angius will mit ihrem Puppentheaterstück „Sabotage“ in Braunschweig Abhängigkeiten offen legen. Dahinter steht die Frage nach dem freien Willen.
taz: Frau Angius, entscheidet der Mensch frei?
Sara Angius: Ich glaube nicht. Wir sind alle Teil eines Systems. Und selbst wenn wir denken, wir wären frei: Es gibt immer jemanden, der die Fäden zieht. Nehmen wir zum Beispiel das Internet: Wenn wir irgendwo ein „Like“ gesetzt haben, bekommen wir immer weitere Information oder Werbung, die wir angeblich gleichfalls mögen. Und von denen wir irgendwann glauben, dass wir sie wirklich mögen. Das ist ein riesiges Manipulationsspiel. Auch das Erkennen von Fake News in Social Media wird so immer schwerer.
taz: Und wer zieht in der physischen Welt die Fäden?
Angius: Das kann in allen Lebensbereichen passieren. Ein Kind, das sich auf den Boden wirft, um ein Eis zu bekommen, manipuliert seine Mutter, indem es sie öffentlich bloßstellt. Auch in Partnerschaften kann es solche Machtspiele geben. Echte Interaktion dagegen wäre eine Beziehung auf Augenhöhe. Aus vielen Gesprächen habe ich allerdings den Eindruck gewonnen, dass sich die manipulierte Person oft recht wohlfühlt in ihrer Rolle. Das von mir und Johanna Ehlert konzipierte Stück „Sabotage“ versucht, diese Haltung bewusst zu machen.
taz: Was genau hat Sie zu Ihrem Stück inspiriert?
Angius: Das „Höhlengleichnis“ des antiken griechischen Philosophen Platon. Darin sitzen Leute mit dem Gesicht zur Wand in einer Höhle und sehen von den draußen Vorübergehenden nur die Schatten im Feuerschein. Als einer von ihnen rausgeht und bei der Rückkehr sagt „Das sind nur die Schatten, ihr verpasst die Realität“: Da wollen sie es nicht hören, nicht sehen, sondern lieber in der gewohnten Höhle bleiben. In meinen Augen ist das „Höhlengleichnis“ eine Metapher dafür, dass Menschen gern manipuliert werden. Diese Mechanismen wollen wir mit unserem Stück offenlegen.
taz: Wie setzen Sie das um?
Angius: Wir präsentieren eine sehr komplexe Struktur aus Fäden und Zügen. Sie umspannen Objekte, die PerformerInnen und eine Puppe. Zu Beginn manipulieren wir Objekte, dann die Puppe und schließlich auch einander, indem wir Fäden ziehen. Im zweiten Teil erklärt dann ein weiterer Performer, dass alle Aktionen des ersten Teils durch ihn manipuliert waren. Aber auch er hängt an Fäden, die jemand hinter ihm zieht. So schichtet sich Ebene für Ebene hintereinander.
„Sabotage“ (Puppentheater- und Tanzstück von Sara Angius und Johanna Ehlert):
12. + 13. Juni, jeweils 20 Uhr beim Braunschweiger Festival „Hammer! – Die Baustellen-Bespielung in der Kaffeetwete“. Kaffeetwete 4A, 38100 Braunschweig
taz: Das klingt nach einer antisemitischen Verschwörungserzählung, nach dem großen, unbekannten Strippenzieher.
Angius: So meine ich es nicht. Es gibt nicht den einen Gott oder eine graue Eminenz, die alle manipuliert. Aber ich sage, dass es immer jemanden oben drüber gibt, der manipuliert.
taz: Gibt es keinen Ausweg?
Angius: Doch. Am Ende werfen wir eine – natürlich nicht scharfe – Schere ins Publikum, um zu zeigen: Auch ihr seid Teil des Spiels. Wenn ihr wollt, versucht die Fäden zu durchtrennen. Das ist natürlich nur eine Idee, ein kurzes Aufblitzen in den letzten Spielminuten. Aber es regt die Reflexion an.
taz: Ihre Performance ist Teil der Baustellenbespielung des einstigen Braunschweiger LOT-Theaters. Was bedeutet Ihnen der Spielort?
Angius: Wir spielen im Rahmen des „Hammer!“-Festivals, bevor das insolvente, inzwischen von einer Stiftung betriebene Theater saniert wird. Ich bin sehr dankbar für diese Auftrittsmöglichkeit. Es gibt ja eine ganze Szene freier KünstlerInnen, die früher im LOT gespielt haben. Dieser Ort ist existenziell wichtig für uns, und das nicht nur aus künstlerischen Gründen. Denn auch Zuschüsse der Stadt bekommen wir nur, wenn wir sowohl einen Proben- als auch einen Auftrittsort haben. Wenn eins dieser Elemente fehlt, bricht die ganze Kette.
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