Forscherin über Rassismus und Krankheit: „Rassismus ist chronischer Stress“
Mahssa Behdjatpour forscht darüber, wie Rassismus krank macht. Sie kann das an ihrer Familiengeschichte festmachen.
taz: Ihr Buch heißt „Du lachst ja gar nicht mehr“. Woher stammt das Zitat, Frau Behdjatpour?
Mahssa Behdjatpour: Das sind die Worte meiner Oma. Sie hat das zu meiner Mutter gesagt hat, als sie uns das erste Mal in Deutschland besucht hat. Meine Eltern sind vor meiner Geburt aus Iran nach Deutschland gekommen. Bei dem Besuch ist ihr aufgefallen, dass meine Mutter nicht mehr lacht.
taz: Wissen Sie noch, wie das für Sie war?
Behdjatpour: Ich war verwirrt. Meine Oma meinte, dass meine Mutter immer so laut gelacht hat, dass man das sieben Häuser weiter gehört hat. Deswegen ist ihr die Veränderung auch so aufgefallen. Mir ist in dem Moment klar geworden: Ich habe meine Mutter nie so lachen gehört.
Du lachst ja gar nicht mehr – Wie Rassismus krank macht. 28. Mai, 19 Uhr, belladonna, Sonnenstraße 8, Bremen, 8/15 Euro Eintritt; 30. Mai, 17 Uhr, Dialog – Verein für gleiche Rechte, Hansastraße 2A, Bremerhaven, Eintritt frei
taz: Wie steht es derzeit um Ihr Lachen?
Behdjatpour: Eigentlich ganz gut.
taz: Gibt es bereits Forschung dazu, dass Rassismus krank macht?
Behdjatpour: Ja. Es gibt Untersuchungen dazu, dass Rassismus psychische und physische Auswirkungen hat. Rassismus ist chronischer Stress. Das beeinträchtigt direkt das Immunsystem und fördert so Krankheiten. Der Cortisolspiegel steigt. Eine Forschung aus den USA zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, an Asthma zu sterben, für ein Schwarzes Kind sechsmal höher ist als für ein weißes Kind. Aber auch psychische Krankheiten wie Angststörungen und Depressionen kann Rassismus befördern.
taz: Wie sind Sie auf Ihr Forschungsthema gekommen?
Behdjatpour: Ich habe Public Health studiert und mir ist dabei aufgefallen, dass das Thema gar nicht vorkommt. Zu Ableismus oder queerer Gesundheit gab es ein ganz bisschen, zu Rassismus gar nichts. Also habe ich mich entschieden, das selber anzuschauen. Ich verknüpfe persönliche Erlebnisse mit der Forschung.
taz: Hat sich der Studiengang dadurch verändert?
Behdjatpour: Während des Studiums, als ich auf die Lücke aufmerksam gemacht habe, gab es viel Widerstand von Kommiliton:innen. Das Thema gebe es nicht, oder ich sei nicht objektiv genug, haben sie gesagt. Nach meiner Masterarbeit wurde das Thema aber aufgenommen.
taz: Welche Erlebnisse haben Ihr Leben denn in der Hinsicht geprägt?
Behdjatpour: Ich habe bei meiner Forschung schon vor meiner Geburt angefangen und mich mit transgenerationalem Trauma befasst. Ich bin Tochter von politisch Geflüchteten. Geboren 1992, im Jahr der Pogrome, in dem Flüchtlingsheime gebrannt haben und Angst geschürt wurde. Dann über Kindergarten, Schule, Uni bis heute. Auch Menschen in meinem Umfeld kommen in den Untersuchungen vor. Beim Vergleich mit der vorliegenden Forschung habe ich gemerkt: Das sind keine Einzelfälle. Tatsächlich haben sich inzwischen viele Menschen gemeldet und gesagt: Wir erkennen uns in dem Buch wieder.
taz: Hat Sie Rassismus krank gemacht?
Behdjatpour: Rassismus ist ein großer Stressfaktor für mich. Man erlebt Abwertung, das schürt Angst. Das beschreibe ich auch in dem Buch. Aber es gibt auch Bewältigungsmethoden! Empowerment, Kunst – alles, was sich positiv auf die Gesundheit auswirkt. Wie auch das Schreiben. Das kann sehr heilsam sein.
taz: Über Ihre Mutter haben Sie schon berichtet. Wie erging es Ihrem Vater?
Behdjatpour: Er hat jahrelang aufgrund von Schmerzen verschiedene Ärzt:innen aufgesucht. Er wurde nicht ernst genommen. Ihm wurde gesagt, dass er Heimweh habe oder wehleidig sei. Das Phänomen gibt es öfter: Morbus Mediterraneus ist ein rassistischer und abwertender Ausdruck dafür, dass migrantisch gelesene Menschen angeblich sehr wehleidig seien. Ein Vorurteil. Das hat dazu geführt, dass der Nierenkrebs meines Vaters erst in einem späten Stadium entdeckt wurde.
taz: Rassismus in der Medizin also.
Behdjatpour: Genau, das ist dann die indirekte Wirkung von Rassismus, eher schwer greifbar. Deswegen ist Rassismus so eine Doppelbelastung: Er macht krank, indem man ihn erfährt – und dann wird er auch noch strukturell fortgeführt.
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