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Zwangsabstieg von 1860 MünchenEs ist schon wieder Untergang

Die Löwen haben ausgebrüllt: Der Traditionsklub aus München-Obergiesing wird zur nächsten Saison einen neuen Anlauf in der Regionalliga nehmen müssen.

Aus München

Thomas Becker

Wenn der Wind wie gewohnt aus Westen kommt, dann höre ich sie, die Sechzger. Ihren Torjubel aus dem gut zwei Kilometer entfernten Grünwalder Stadion – und ich wundere mich kein bisschen, wenn die anderen am Schluss doch wieder eine Bude mehr gemacht haben. Fan-Sein heißt halt immer auch leiden. Das haben die Löwen beileibe nicht exklusiv, aber so dramatisch wie beim TSV 1860 München wird deutschlandweit wohl nirgends gelitten. Insofern galt wieder „Aus dem Westen nichts Neues“, als nun die nächste Hiobsbotschaft aus Obergiesing herüberwehte: Zwangsabstieg in Liga vier.

Zum zweiten Mal innerhalb von neun Jahren muss der Traditionsklub runter in die Regionalliga Bayern. Erneut fehlte ein Millionenbetrag (2,7 Millionen Euro) zur Lizenz für die dritte Liga. Erneut wurde bis zur Deadline des Deutschen Fußball-Bundes zwischen den Vertretern der beiden Gesellschafter um eine Einigung gerungen. Am Ende standen wie schon 2017 maximal spektakulär geplatzte Verhandlungen zwischen dem e. V. und Investor Hasan Ismaik, sodass die Vereinsführung um Präsident Gernot Mang vor versammelter Fan-Mannschaft vor der Geschäftsstelle an der Grünwalder Straße verkünden musste: „Es gab leider keine Einigung.“

Wenig später verabschiedete sich der Hauptsponsor unter Nutzung seines Sonderkündigungsrechtes, und ob die Stadt München die Pläne für den gefühlt seit Jahrhunderten diskutierten Ausbau des „Grünwalders“ für einen Regionalligisten, der längst Zweitligist sein wollte, vorantreiben wird, ist angesichts leerer Kassen sehr fraglich. Zumal nun auch das Schreckgespenst namens Insolvenz durch Giesing geistert.

Ein Drama, klar. Eine Überraschung? Nullkommanull. Im Oktober vergangenen Jahres wurden dem weitgehend neutralen Betrachter mal wieder die Augen geöffnet, neben was für einem chaotischen Nachbarn er da lebt. Der Bayerische Rundfunk stellte in einem Kino seine fünfteilige Doku-Reihe „Rise & Fall“ über das ewige Auf-und-ab-Perpetuum-Mobile namens TSV 1860 vor.

Vorsehung im Fernsehen

Liest man heute noch mal den begleitenden Pressetext nach, kann man nur den Hut ziehen vor so viel seherischer Gabe: „Eine der verrücktesten Vereinsgeschichten im deutschen Fußball: spektakulär, überraschend und emotional. Zwar stehen die Löwen sportlich längst im Schatten des großen FC Bayern, dennoch sind es die Sechzger, bei denen sich in den letzten Jahrzehnten die wahnwitzigeren Episoden abspielen, geprägt von Männer-Egos, Machtspielchen und sportlichen Achterbahnfahrten“.

Kein Widerspruch, nirgends. Allein der mehrere Jahrzehnte umfassende Plot: unfassbar, aber alles genau so passiert. Großartig auch der Cast: Charaktere wie Carsten Wettberg, Werner Lorant, Karl-Heinz Wildmoser oder Hasan Ismaik kann sich kein Drehbuchautor dieser Fußballwelt ausdenken, auch nicht Sätze wie den von Wildmoser selig: „Freilich komm ich in den Himmel, weil ich als Löwen-Präsident schon durch die Hölle gegangen bin.“

Wie hält man es als Fan bloß aus in einem Klub, der an einem Tag den Ausstieg des schwerreichen Sponsors per Straßenfeuerwerk feiert wie eine Meisterschaft, um wenig später wieder in Sack und Asche zu gehen, weil es sich der Geldgeber aus dem Morgenland doch noch mal anders überlegt hat? In der sehr sehenswerten Doku gibt ein Fan die Antwort: „Ich bin Löwe geworden, weil’s nicht anders ging.“ Nicht umsonst trägt die Reihe den Untertitel „Löwen. Lieben. Leiden.“

Radiomoderator Achim Bogdahn, der als Künstlername allen Ernstes Achim Sechzig im Pass stehen hat, erklärt das Phänomen Sechzig in Anekdotenform: „Ein Fan hat mir mal erzählt, dass er immer erst dann sein Leergut zurückgibt, wenn er sechs Träger beisammenhat. Warum? Für einen Träger samt Pfand bekommt er 3,10 Euro. Mal 6? Macht 18,60 Euro. Das ist die Essenz. Sechzig wird immer ein Mysterium bleiben.“

Als unlängst der Trauergottesdienst für Carsten Wettberg, den „König von Giesing“, gefeiert wurde, hatte Pfarrer Rainer Maria Schießler, der auch beim Gottesdienst noch Fan-Schal trägt, seine liebe Müh und Not, die Kirche in der richtigen Farbe auszuleuchten: „In der Osternacht war die Beleuchtung noch rot – aber ich wusste, dass das heute zu Randalen geführt hätte.“

Was der Dompteur sagt

Und was sagt eigentlich Löwen-Investor Hasan Ismaik zu dem Desaster? „Sad day“, schrieb der Jordanier in den sozialen Medien, was dann doch ein wenig untertrieben war. Am 21. Mai hatte er einen bestehenden Darlehensvertrag gekündigt und mitgeteilt, dass er seine Anteile am Klub weiterhin gern verkaufen würde. Grundsätzlich sei er zu einer weiteren Unterstützung bereit, wenn gewisse Bedingungen erfüllt seien – was offenbar nicht der Fall ist.

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Und nun? Wird die Regionalliga wohl aufgestockt und Sechzig springt ins nächste Hamsterrad. „Ich kann nur sagen, dass wir jetzt einen Weg gehen werden, den Verein aufstellen und wirklich nach vorne schauen“, sagte Präsident Gernot Mang, „ich glaube, es kann eine Chance für den gesamten Verein sein.“

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