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Zum Tod von Peter SempelLiebe und Zeitlupe

Jahrzehntelang hat der Hamburger Indie-Filmemacher Peter Sempel eigenwillige Psychogramme über den Musikunderground gedreht. Nun ist er gestorben.

Peter Sempel: geboren 1954 in Hamburg und aufgewachsen im australischen Outback Foto: Futurimage/imago

Post von Peter! Es war immer eine dieser kleinen Freuden, die das Leben doch lohnenswert machen: eine bunte, selbst gebastelte Postkarte im Briefkasten in der Redaktion der taz nord. Dann war der Hamburger Filmemacher Peter Sempel gerade da. Oft kam er auch persönlich vorbei und einen Schnack gab es dazu. Vorher rief er kurz an: Seid ihr gerade da? Peter liebte Freundschaften.

Die Handschrift auf den Karten war so rastlos wie der Mann selbst, die Zeilen voller Ausrufezeichen, kleiner Zeichnungen und überbordender Herzlichkeit: „liebe Grüße!!! tazfan Peter!!!!“ Meistens kündigten die Notizen ein neues Projekt an, ein spontanes Screening im Metropolis-Kino, manchmal schickte Sempel einfach nur eine poetische Beobachtung. Nun wird keine Karte mehr reinflattern. Peter Sempel, dieser nimmermüde Dokumentarist des Abseitigen und der Schönheit, ist wenige Tage vor seinem 72. Geburtstag gestorben.

Wer mit ihm sprach oder seine Filme sah, tauchte ein in ein eigenes assoziatives Universum. Sempel war ein Erzähler des Moments. Er porträtierte Künst­le­r:in­nen wie Jonas Mekas, Nick Cave oder Nina Hagen nicht einfach, sondern webte sie voller Hingabe in seinen collagenartigen Bildteppichen ein. Aus den Filmprojekten entwickelten sich Freundschaften, etwa mit Nick Cave. „Es erfüllt mich mit Trauer, vom Ableben dieses einzigartigen, obsessiven und unendlich neugierigen Liebhabers der Welt zu erfahren. Mach’s gut Peter Sempel!“, teilt der australische Rockstar der taz mit.

Der Regisseur suchte nicht die harten Fakten von Biografien, Peter Sempel suchte den Rhythmus der Seele von Menschen, ihren Klang – und Freunde in ihnen.

Grenzgänger aus dem Outback

Geboren 1954 in Hamburg und aufgewachsen im australischen Outback, blieb er zeitlebens ein Außenseiter und Grenzgänger. In der Hamburger Filmszene war Sempel eine Institution, die sich jeder Kategorisierung entzog. Musikfilmer? Experimentalregisseur? Fan? Unikum? Wahrscheinlich alles zusammen.

Sempel Werke wie „Dandy“, „Just Visiting this Planet“ oder seine Hommagen an Jonas Mekas waren keine herkömmlichen Dokumentationen, sie waren immer „eine Abenteuerfahrt in ein Thema, das ich faszinierend finde, von dem ich aber nicht viel weiß“, sagte er der taz einmal: Audiovisuelle Gedichte, oft ohne lineare Erzählung, dafür mit einem untrüglichen Gespür für den magischen Augenblick und einer tiefen Sehnsucht, sich mit den Menschen, den Dingen, der Kunst zu verbinden: „Meine Filme tragen viel Unbewusstes mit sich.“ Geschnitten hat er sie tief in der Nacht.

Peter arbeitete mit dem, was andere übersehen würden. Seine Kamera war kein Werkzeug der Distanz, sie war Teil seines Körpers. Wenn er filmte, tanzte er mit. Das Ergebnis war eine Ästhetik des Flirrens: Zeitlupen, die den Atem anhielten, Überblendungen, die Träume imitierten, und ein Soundtrack, der immer genau dort wehtat oder glücklich machte, wo es nötig war. Peter Sempel machte den Underground lebendig, ohne ihn je zu verraten.

Kampf um Fördergelder

Bei unseren Begegnungen in Hamburg habe ich Peter immer als jemanden erlebt, der sich eine fast kindliche Begeisterungsfähigkeit bewahrt hatte. Trotz der ständigen Kämpfe um Fördergelder und der prekären Natur des freien Kunstschaffens kannte Peter Sempel keinen Zynismus. Wenn er von einem neuen Tanzprojekt in Japan oder einer Begegnung mit Patti Smith erzählte, konnte man die Augen hinter der Sonnenbrille – die er selten abnahm – funkeln sehen. Es war diese unbedingte Begeisterung, die er mit seinen Filmen und per Postkarte mit der ganzen Welt teilen wollte.

Sein Tod hinterlässt eine Lücke, die wohl niemand füllen kann. Wer traut sich, Filme zu machen, die so radikal subjektiv und gleichzeitig so universell liebevoll sind? Peter Sempel war ein Philanthrop mit der Kamera, ein Sammler von Momenten, die zu kostbar waren, um sie dem Vergessen zu überlassen.

Wir werden uns an ihn erinnern wie an einen seiner Filme: in einer sanften Zeitlupe, untermalt von einer kratzigen Opernarie oder einem wummernden Basslauf der Einstürzenden Neubauten. Peter Sempel wird uns nie wieder Postkarten schreiben, seine Filme bleiben uns als lange, bunte, laute Briefe voller Liebe an das Leben selbst erhalten. Danke dafür, Peter, alter Punk.

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