Zugfahren in der EU: Nachtzug nach Nirgendwo
Bahnfahren in Europa heißt Planung, Geduld und gelegentlich ein Taxi über die Grenze. Dafür schenkt es Erinnerungen, die kein Flug liefern kann.
Es ist schon gegen 23 Uhr, aber die Kinder wollen immer noch nicht auf ihren Liegen schlafen. Denn jetzt schiebt eine Rangierlok die Waggons des Nachtzugs Berlin–Malmö im Hafen Sassnitz auf Rügen in den Bauch einer Fähre. Ein Ruck geht durch den Zug, Räder und Schienen quietschen, dann hören wir die mächtigen Schiffsmotoren wummern. Eisenbahnschienen in einer Fähre – Bahnfans und Kinder sind fasziniert.
Die Bahnverbindung gibt es leider nicht mehr, aber meine Kinder und ich haben dieses Abenteuer auch nach zehn Jahren nicht vergessen. So etwas erlebt man halt nur, wenn man mit dem Zug unterwegs ist.
Ich fahre seit Jahren gern gemeinsam mit meinen Kindern mit der Bahn in den Urlaub – auch zu so weit entfernten Zielen wie Spanien. Aus Überzeugung. Denn Flugreisen sind nun einmal sehr klimaschädlich und für einen Urlaub halte ich sie für kaum zu rechtfertigen.
Und wenn man beispielsweise Hochgeschwindigkeitszüge mit Nachtzügen kombiniert und ausreichend interessante Zwischenstopps einplant, lassen sich auch sehr weite Reisen gut gestalten. Aber die Bahngesellschaften haben es uns oft schwerer gemacht, als es sein müsste.
Dieser Text stammt aus der wochentaz. Unserer Wochenzeitung von links! In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Früher existierten solche Verbindungen
Das dachte ich zum Beispiel, als ich mit meinen Kindern mit dem Nachtzug aus Paris in dem Ort Cerbère an der Grenze zu Spanien ankam. Der Regionalzug, der uns von dort nach Barcelona bringen sollte, fuhr einfach nicht. Wegen Bauarbeiten auf der Strecke.
In der Fahrplandatenbank war das aber nicht vermerkt gewesen, zumindest nicht wenige Tage vor unserer Abfahrt in Berlin. Es gab auch keinen Ersatzverkehr. Am Ende mussten wir mit einem Taxi über die spanische Grenze fahren. So einen Pfusch gibt es immer wieder – und offenbar auch überall.
Leichter wären solche Reisen, wenn es durchgehende Nachtzüge von Deutschland nach Spanien gäbe. Oder zumindest von Paris. Dass das technisch möglich wäre, beweist die Vergangenheit. Früher existierten solche Verbindungen. Heutzutage enden die Nachtzüge zum Beispiel in dem Pyrenäen-Dorf Latour de Carol, wo ungefähr gar nichts los ist.
Eine Zumutung sind auch immer wieder die Toiletten der französischen Nachtzüge. Ein Fallrohr leitet alles, was ins Klo kommt, direkt aufs Gleisbett. Ja, auch Kot! Am Morgen waren die Toiletten in unserem Waggon mit Papier verstopft, das Wasser alle. Würde eine Fluggesellschaft ihre Kunden so behandeln? Warum ist so etwas bei der Bahn möglich?
Auch die Buchung von Zugreisen durch mehrere Länder sollte einfacher werden. Um eine Reise nach Spanien zu buchen, habe ich jedes Mal unzählige Stunden benötigt. Auf bahn.de lassen sich zwar grundsätzlich auch Tickets von Staatsbahnen im Ausland kaufen, aber eben nur grundsätzlich.
In der Praxis sind die günstigsten Tarife dort oft erst spät oder gar nicht erhältlich, manche Züge sind dort nie buchbar. Deshalb habe ich immer zum Beispiel auf der Seite der französischen SNCF oder spanischen Renfe gebucht. Dafür musste ich mich bei allen separat registrieren. Und mich mit den Eigenheiten jeder Internetseite vertraut machen. Das dauert.
Du liest einen Text aus unserem Zukunfts-Ressort. Wenn Du Lust auf mehr positive Perspektiven hast, abonniere TEAM ZUKUNFT, den konstruktiven Newsletter zu Klima, Wissen, Utopien. Jeden Donnerstag bekommst du von uns eine Mail mit starken Gedanken für dich und den Planeten.
Kommerzielle Internetseiten verlangen Provision
Es gibt zwar kommerzielle Internetseiten, die das grenzüberschreitende Buchen erleichtern wollen. Aber sie verlangen eine Provision und manchmal haben auch sie nicht alle tatsächlich existierenden Angebote.
Geradezu geheimnisvoll ist, dass die spanischen Regionalzüge von Frankreich nach Barcelona weder im Fahrplan von Renfe noch von der SNCF auftauchen. Die Daten lassen sich nur auf der Internetseite der katalanischen Renfe-Tochter abrufen. Davon erfahren habe ich lediglich durch den Blog seat61.com des britischen Bahnnerds Mark Smith.
Diese Seite übernimmt in weiten Teilen das, was die nationalen Bahngesellschaften sträflich vernachlässigen: Sie zeigt für viele Langstrecken in Europa die besten Optionen und Zugkombinationen. Inklusive Tipps, wie man sich im Tarifdschungel der verschiedenen Bahngesellschaften zurechtfindet.
Verwirrend ist auch, dass jedes Zugunternehmen unterschiedliche Vorausbuchungsfristen hat. In Spanien und Frankreich ist völlig intransparent, wann welche Verbindung buchbar wird. Aber auch dort gilt: Wer später bucht, zahlt mehr. Deshalb lohnt es sich zu recherchieren, wann der gewünschte Tarif online geht. Auch dabei geht viel Zeit verloren.
Empfohlener externer Inhalt
Es gibt keinen Nachtzug nach Lissabon
Gern wären wir schon mal nach Portugal mit der Bahn gefahren. Aber dorthin gibt es weder eine Hochgeschwindigkeitsstrecke noch einen Nachtzug. Solche Lücken gibt es anderswo ebenfalls, besonders in Osteuropa.
Hält mich all das von Super-Fernreisen mit der Bahn ab? Natürlich nicht. Die aufwendige Vorbereitung und Planung weckt bei mir Neugierde und einen Jagdinstinkt. Am Ende bin ich immer stolz darauf, wie clever ich das alles geplant habe.
Die langen Fahrzeiten wirken gar nicht mehr so lang, weil meine Kinder und ich es als Abenteuer empfinden, Bahnsysteme und Züge anderer Länder kennenzulernen. Wir haben viel mehr Gefühl für die Weite und Vielfalt Europas entwickelt, weil wir eben nicht in zwei Stunden Tausende von Kilometern abreißen, sondern in humanerer Geschwindigkeit reisen.
Auch die Zwischenstopps – wie zum Beispiel das Galette-Essen in einem Pariser Restaurant vor der Abfahrt mit dem Nachtzug – machen Spaß. Außerdem ist es schön, zumindest in puncto Reisen ein einigermaßen gutes Klimagewissen zu haben. Und wenn dann noch Abenteuer wie die Nachtzugfahrt auf die Fähre nach Schweden dazukommen, hat man am Ende mehr zu erzählen als jeder Jetsetter.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert