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Zahnarzt über unversicherte Patienten„Die Probleme sind Karies und oft auch ganz zerstörte Zähne“

Peter Urbanowicz behandelt ehrenamtlich Menschen ohne Versicherung. Er hält nichts vom CDU-Vorschlag, die Zähne bei den Krankenkassen auszunehmen.

Nicht versichert? Ja auch in Deutschland ist das möglich Foto: Eckehard Schulz/AP Photo
Tobias Schulze

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Tobias Schulze

Der Vorschlag hat polarisiert, selbst innerhalb der Union: Der Wirtschaftsrat der CDU hat am vergangenen Wochenende vorgeschlagen, Zahnbehandlungen nicht mehr durch die Gesetzlichen Krankenversicherungen zahlen zu lassen. Widerspruch kam nicht nur aus der Opposition, sondern auch aus der Parteispitze, unter anderem von Kanzler Friedrich Merz und Gesundheitsministerin Nina Warken.

Was es bedeutet, wenn die Zahngesundheit nicht versichert ist, weiß Peter Urbanowicz aus eigener Anschauung: Der 77-jährige Zahnarzt arbeitet zwei Tage in der Woche ehrenamtlich in einer Praxis der Malteser in Köln. Diese richtet sich speziell an Menschen ohne Krankenversicherung und bietet ihnen kostenlose Behandlungen an.

taz: Herr Urbanowicz, wer sind die Menschen, die zu Ihnen in die Malteser-Praxis kommen?

Peter Urbanowicz: Es sind viele Osteuropäer darunter, die ohne Aufenthaltserlaubnis für drei Monate in Deutschland bleiben dürfen und dann zurück müssen. Die lassen sich lieber bei den Maltesern behandeln als in ihrer Heimat, weil es dort offensichtlich Geld kostet und die Qualität der Behandlungen nicht so hoch ist wie bei uns. Seit Corona kommen aber auch deutlich mehr deutsche Staatsbürger. In der Regel sind das Selbstständige, die mal privat versichert waren und irgendwann ihre Gebühren nicht mehr zahlen konnten. Man fliegt in solchen Fällen schnell raus aus der Versicherung und der Weg zurück ist kompliziert – also kommen die Leute zu uns.

Im Interview: Peter Urbanowicz

77, ist Zahnarzt. Seine Praxis in Wesseling verkaufte er Ende 2010. Seitdem arbeitet er unter anderem ehrenamtlich für die „Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung“, einer ärztlichen Einrichtung in Köln.

taz: Wenn Sie Ihren Patienten in den Mund schauen: Welche Probleme sehen Sie dort am häufigsten?

Urbanowicz: Die Probleme sind Karies und oft auch ganz zerstörte Zähne. Bei den Patienten aus dem Ausland liegt das oft an nicht vorhandener Mundhygiene. Viele sind starke Raucher und verlieren ihre Zähne über Raucher-Parodontitis, da können sie eigentlich nur noch chirurgisch eingreifen. Die Klientel der Deutschen, die die Krankenversicherung nicht zahlen können, pflegt ihre Zähne durchaus. Aber die kommen natürlich nicht zwei Mal im Jahr zur Kontrolle wie Patienten, bei denen über die Krankenkasse abgerechnet wird. Die kommen erst, wenn es zu spät ist und sie ein Problem haben. Meistens irgendwelche Schmerzen oder ein abgebrochener Zahn.

taz: Wenn die Patienten denn mal da sind: Können Sie Ihnen genauso helfen wie Versicherten?

Urbanowicz: Nein, ich kann Zahnlücken nicht schließen. Die Praxis lebt von Spenden und für Zahnersatz reichen die Mittel nicht. Es sei denn, der Patient sagt, er hat Geld. Dann kann ich mit dem Labor Rücksprache halten und das macht was. Das kommt hin und wieder vor.

taz: Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen schon heute nicht alle Zahnarztleistungen, oft müssen auch Versicherte zuzahlen. Soziale Unterschiede müssten Sie also auch bei Ihrer Arbeit in der regulären Praxis erkennen?

Urbanowicz: Nicht so sehr. Vieles hängt vom Patienten selbst ab. Wenn jemand wirtschaftlich nicht besonders gut dasteht, aber viel Wert auf Mundhygiene legt und regelmäßig zum Kontrollbesuch kommt, können wir viel machen. Natürlich gibt es aber auch unter den Versicherten starke Raucher. Da ist die Mundhöhle mangelhaft durchblutet, man ist dadurch sehr anfällig gegenüber Karies, Knochenabbau und so weiter. Der Zahnverlust ist dann hausgemacht, wenn man so will.

taz: Anlass für unser Gespräch ist die Forderung, Zahnbehandlungen aus den Gesetzlichen Krankenversicherungen auszunehmen. Was haben Sie gedacht, als Sie von diesem Vorschlag gehört haben?

Urbanowicz: Schnapsidee. Ich weiß ja nicht, wer sich das ausgedacht hat, aber da kann kein Mediziner dabei gewesen sein. Es gibt eine ganze Reihe von Krankheiten, die nur bei den Zähnen beginnen und sich noch in ganz anderen Organen manifestieren können, bis hin zu Gelenkbeschwerden oder sogar einem Herzinfarkt. Das heißt: Man muss den Menschen immer als Ganzes sehen und kann nicht die Mundhöhle separat ausschließen. Man könnte es vielleicht auf Schmerzbehandlung und Zahnerhalt beschränken und beim Zahnersatz weniger übernehmen. Aber die Zahnbehandlung ganz rauszunehmen, ist absoluter Blödsinn.

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