Winter-Desaster in Texas: Die Rechnung für den Stromausfall

Flexible Stromtarife könnten bei der Energiewende helfen. Es sei denn, man reguliert den Strommarkt so schlecht wie der US-Bundesstaat Texas.

Das Bild zeigt einen Menschen in Sicherheitskleidung, der nachts an einem Strommast schraubt.

Schlecht vernetztes Texas: Reparaturarbeiten nach der Kältewelle im Februar Foto: Eli Hartman/Odessa American/ap

FREIBURG taz | Bisher ist es in Deutschland eher Theorie: dass Strom für normale Verbraucher wie im Großhandel unterschiedlich viel kostet – je nachdem, wie viel Strom es gerade gibt. Der Druck, das in die Praxis zu überführen, wird mit der Energie- und Verkehrswende zunehmen.

Die Idee: Wer sein E-Auto lädt oder die Waschmaschine anstellt, während der Strom gerade reichlich ist, spart Geld. So könnte vermieden werden, dass die Nachfrage nach Strom ausgerechnet am größten ist, wenn gerade weder die Sonne scheint noch der Wind weht.

Nun schürt ein Ereignis in den USA aber Ängste. Läuft man dadurch Gefahr, bei Stromknappheit astronomische Stromrechnungen zu bekommen, wie gerade in Texas geschehen? Dort hatte eine extreme Kältewelle im Februar zahlreiche Stromkunden hart getroffen – und nicht nur, weil mehr als 4 Millionen Haushalte teils tagelang gar keinen Strom hatten.

Tausende erhielten für das bisschen Strom, das es doch gab, Rechnungen über mitunter 10.000 US-Dollar. Es sind diejenigen, die einen Stromtarif gebucht hatten, der eins zu eins an die Großhandelspreise gekoppelt war – wohl in der Hoffnung, die niedrigen Preise bei großem Stromangebot ausnutzen zu können.

In Deutschland wäre das unwahrscheinlich

Während des Stromausfall-Desasters war aber natürlich das Gegenteil der Fall. Strom war knapp und die Preise explodierten. Der Stromversorger Griddy, der 29.000 Kunden so versorgte, hat infolgedessen Insolvenz angemeldet.

Dass eine solche Situation in Deutschland eintritt, ist eher unwahrscheinlich. Erstens sind derartige Preisspitzen hier derzeit gar nicht möglich. An der europäischen Strombörse Epex Spot sind im vortägigen Handel die Preise für eine Kilowattstunde auf 3 Euro pro Kilowattstunde gedeckelt. An der texanischen Strombörse Ercot North Hub lag der Preis fünf Tage lang auf dem zulässigen Höchstwert von 9 Dollar – das Dreihundertfache des Normalwertes.

Zweitens ist das deutsche Stromsystem in einiger Hinsicht besser aufgestellt, sodass eine solche Stromknappheit von vornherein unwahrscheinlicher ist. Die Stromversorgung in Texas hat Besonderheiten. Dazu zählt vor allem die Netzstruktur der eigenwilligen Texaner: Sie haben ihr Stromsystem weitgehend separiert; Texas kann nur wenige Gigawatt über Gleichstromverbindungen aus anderen Staaten beziehen.

Das ist in Europa anders. Auch die 3 Euro Höchstpreis sind deshalb bisher eher ein theoretischer Wert, weil im europäischen Verbundsystem regionale Preisspitzen unwahrscheinlicher sind als in einem weitgehend autonomen Netz texanischer Art.

Entsprechend moderat waren in den letzten Jahren in Deutschland die Börsenhöchstwerte: 2020 lag die teuerste Stunde des Jahres gerade bei 20 Cent pro Kilowattstunde, nur eine weitere bei 18,9 Cent. Alle anderen blieben unter 15 Cent.

Texanische Eigenbrötelei

Auf einen Schulterschluss mit anderen Regionen hat Texas aber bewusst verzichtet, als in der Geschichte der Stromwirtschaft überall die Netze zusammenwuchsen. Grund der Eigenbrötelei: Die Stromwirtschaft unterliegt damit nicht der Bundesaufsicht. Stattdessen darf Texas in Eigenregie handeln.

Dies geschieht aber offenbar eher schlecht als recht; der seit dem Jahr 2002 deregulierte Strommarkt ist eine Art Wildwest-Ökonomie.

Der Houston Chronicle, die größte Tageszeitung in Texas, erinnerte bereits 2019 daran, dass „Transparenz ein Schlüssel zu gut funktionierenden und effizienten freien Märkten“ sei. In Texas jedoch seien „die Strommärkte eher Milchglas als klare Scheiben“. Entsprechend sei der texanische Markt anfällig für Manipulationen.

Hinzu kommt, dass der Preiskampf dort unerbittlich ist, weshalb die Unternehmen vermeintlich unnötige Investitionen oft unterlassen. Das Stromsystem ist daher auch für niedrige Temperaturen schlecht gerüstet.

Die Anlagen der Gaswirtschaft – Gas ist mit Abstand der wichtigste Energieträger im texanischen Strommix – konnten zum Teil ebenso wenig mit der jüngsten Kältewelle umgehen wie viele Windkraftanlagen, bei denen Investoren auf eine Rotorblattheizung verzichtet hatten.

Mehr als 30 Gigawatt, ein gutes Drittel der Erzeugung, fielen dadurch weg. Kaskadenartig brachen die Kraftwerke weg, etwa, weil Gaspumpen ausfielen und so unweigerlich weitere Gaskraftwerke in den Stillstand trieben. Hinzu kam eine extrem hohe private Stromnachfrage, weil Stromheizungen in Texas weit verbreitet und die Häuser oft schlecht gedämmt sind.

Unterdessen hatten weiter im Norden der USA Unternehmen bei ähnlichen Temperaturen von zum Teil unter minus 20 Grad die Versorgung im Griff – es war in Texas also ein hausgemachtes Problem.

So berichteten lokale Nachrichtenagenturen, die texanische Stadt El Paso, die sich an der Grenze zu New Mexico befindet und bereits an einem anderen Übertragungsnetz als dem texanischen hängt, sei weitgehend von den Ausfällen verschont geblieben.

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