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Wie wird man zur deutschen Boxlegende?Argwohn gegen das Rebellische

Warum ist nur Max Schmelings Name bis heute der Goldstandard für deutschen Faustkampf? Es ist nicht einfach hierzulande, Anerkennung zu erhalten.

W enn in Deutschland vom Boxen die Rede ist, dann braucht es keine zwei Wortmeldungen, bis einer „Max Schmeling“ sagt. Ehrfurcht umweht diesen Namen. Aber interessanterweise wurde der frühere Weltmeister nie bedingungslos gefeiert und geliebt. An großen Namen mangelte es im deutschen Profiboxen der 1920er und frühen 1930er Jahre nicht: Hans Breitensträter, Gustav Eder, Paul Samson-Körner oder Johann „Rukeli“ Trollmann. Warum aber ist nur Max Schmelings Name bis heute der Goldstandard für deutschen Faustkampf?

Vor 100 Jahren begann sein Aufstieg. 21 Jahre alt war er und wurde durch Sieg über Max Diekmann Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Das Berliner Tagblatt sah in Schmeling einen „entschlossenen, wuchtigen Angreifer, rücksichtslos in der Taktik“. Entschlossen war Schmeling unzweifelhaft, vermutlich auch rücksichtslos. Aber er war niemand, den man Liebling der Massen nennen könnte. Der „blonde Hans“, wie Breitensträter gerufen wurde, war eines der ersten Sexsymbole der Weimarer Republik; Samson-Körner war so faszinierend, dass Bertolt Brecht einen Roman über ihn schreiben wollte; Trollmann galt als Idol proletarischer Fans, die sich vom NS-System nicht einbinden ließen. Aber Schmeling blieb halt Schmeling.

Sogar als er 1927 erster deutscher Europameister wurde, änderte sich das nicht. Etwas anderes kam Schmeling zupass: ein Kampf gegen Hein Domgörgen aus Köln, der wie er selbst nicht als Publikumsheld galt, aber sehr wohl einer der besten Boxer seiner Zeit war. Als amtierender Deutscher Mittelgewichtsmeister forderte er Schmelings EM-Titel. Als „Hassduell“ wurde der Kampf in Leipzig inszeniert. Um die Dramatik herauszustreichen, wurde vereinbart, dass der Sieger die gesamte Börse einstreicht und der Verlierer leer ausgeht.

Diese Konstruktion funktionierte: Zwei hochklassige Boxer lieferten sich einen exzellenten Kampf, den Schmeling gewann. Weil keiner von beiden auf mitreißende Weise boxte und keiner als Idol galt, schon gar nicht beim Leipziger Publikum, wurden die Sympathiepunkte neu sortiert.

Ein Jahr später, 1928, verteidigte Schmeling seinen EM-Titel gegen den Italiener Michele Bonaglia, der als Günstling Mussolinis galt. Schmeling erlebte etwas, was er nicht kannte: Er galt als Symbol der Demokratie, des Antifaschismus. „Es lebe Paganini, nieder mit Mussolini“ skandierten Fans im Berliner Sportpalast. Doch Schmeling als „Deutschlands Sportheros“, wie es der Journalist Rolf Nürnberg damals formulierte, das hielt dann doch nicht so lange.

Als Schmeling ins Schwergewicht wechselte und nach Amerika ging, war er nicht mehr so populär. Weltmeister gegen Jack Sharkey wurde er 1930, weil der Titel damals vakant war und Sharkey wegen Tiefschlags disqualifiziert wurde. „Ick hau dir unter die Jürtellinie, dette Weltmeister wirst“, lautete ein Berliner Witz, in dem nicht einmal Respekt durchschimmerte. 1932 verlor Schmeling den Rückkampf gegen Sharkey, 1933 unterlag er Max Baer, und erst 1936, als er gegen das junge Boxgenie Joe Louis überraschend gewann, konnte er Respekt erheischen.

Es bleibt ein interessantes Muster: Kämpfern, die von den Massen leidenschaftlich geliebt werden, wird in Deutschland nie der große Bahnhof gemacht. Es sind vielmehr Boxer wie Henry Maske, die Klitschko-Brüder und allen voran Max Schmeling, die als die Helden gelten – unnahbar, respektiert, aber auch irgendwie entrückt. Kämpfern wie Hans Breitensträter, Johann „Rukeli“ Trollmann, Peter „de Aap“ Müller oder Graciano Rocchigiani, die etwas Rebellisches und Subversives umgibt, wird solch quasi offizielle Anerkennung nicht zuteil.

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Martin Krauss

Martin Krauss

Jahrgang 1964, freier Mitarbeiter des taz-Sports seit 1989
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1 Kommentar

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  • Janix

    Dass der mehrheitliche Deutsche geregelte Berechenbarkeit schätzt, ist vielleicht keine komplette Neuigkeit?

    Brechts Boxbegeisterung (die eines hühnerbrüstigen Industriellensohns und Möchtegernmachos) findet sich gleich in mehreren Stücken, am meisten wohl in Mahagonny. Das Boxen nicht vergessen.



    Aber betreutes Prügeln als Leitsport scheint doch inzwischen passé, oder?