Wie über Migration gesprochen wird: Revue der Fremd-Wörter
Das aktuelle Vokabular für den Umgang mit Migration zeigt vor allem eines: Sie richtet sich allgemein gegen ein „zu viel an Anderen“.
M anchmal kann kommentieren auch bedeuten, die Ereignisse der letzten Zeit Revue passieren zu lassen. Dabei sieht man, wie die verschiedenen Szenen ein Gesamttableau ergeben. Wie die unterschiedlichen Worte eine Sprache bilden. Im vorliegenden Fall geht es um den Umgang mit Anderen, mit Fremden. Um die Sprache, die diesen Umgang bestimmt. Fremd-Wörter sozusagen.
Den Auftakt machte der US-amerikanische Kriegsminister. Er gab das Leitmotiv vor. Dazu nutzte er ausgerechnet seine Rede beim Jahrestag des D-Days, dem Gedenken an die Landung der Alliierten 1944. Größer könnte die Verkehrung nicht sein. Damals bildete die Landung der US-Soldaten den Auftakt zur Befreiung vom Nationalsozialismus. In einer absurden Analogie verglich Pete Hegseth diese mit der heutigen Ankunft von Asylsuchenden und warnte: Dies sei eine „Invasion“: Europäische Strände würden heute von Männern mit einer gefährlichen Ideologie gestürmt: „Wann werden die europäischen Hauptstädte etwas gegen diese Invasion unternehmen?“
Wie ein Echo darauf nimmt sich das Treffen rechtsextremer Aktivisten in Portugal aus – organisiert von Martin Sellner, dem ehemaligen Chef der österreichischen Identitären. Das Leitmotiv der völkischen Aktivisten ist gewissermaßen die exakte Antwort auf das, was als „Invasion“ bezeichnet wird: nämlich „Remigration“ und „Reconquista“ – also Rückeroberung. Das bedeutet nicht weniger als den Stopp beziehungsweise die Rückabwicklung aller nicht-westlichen Immigration. Unterstützt wird dieses Vorhaben von AfD- ebenso wie von FPÖ-Politikern. Mit dem Überraschungsgast Gregory Bovino, ehemaliger Chef des US-Grenzschutzes.
ist Publizistin in Wien.
In Belfast konnte man dann sehen, wie so ein Projekt ausschaut, wenn es sich auf die Straße übersetzt. Nach dem tödlichen Messerattentat eines sudanesischen Migranten wuchsen sich die Proteste innerhalb kürzester Zeit zu massiven Unruhen aus. Unter der Ägide von rechtsradikalen Aktivisten. Und unterstützt durch Postings von Elon Musk. Erst gingen Müllcontainer, dann Autos, dann Häuser in Flammen auf. Brandbeschleunigung sozusagen. Angezündet von „maskierten Männern, die Familien aus ihren Häusern vertreiben, indem sie sie niederbrennen“, so beschrieb die nordirische Regierungschefin Michelle O'Neill das Szenario.
Sprache von Invasion und Remigration
Aber die Sprache von Invasion und Remigration übersetzt sich nicht nur in rechtsradikale Ausschreitungen. Sie bestimmt nicht nur die Ränder. Längst ist sie in die Mitte eingedrungen. In die Mitte Europas. Hier trifft sie auf ein völlig überfordertes, ineffizientes europäisches Asylsystem. Dieses soll nun durch das „Gemeinsame Europäische Asylsystem“ erneuert werden.
Das rechte Aggressionsvokabular wird hier durch eine gemäßigtere Wortwahl ersetzt. So wird Invasion und Remigration in das scheinbar neutrale, einzig der Effizienz verpflichtete „Border-Management“ übersetzt. Eine harmlose Bezeichnung für das, was an den Grenzen Europas Abschottung, Abschreckung, Abschiebezentren, Kooperation mit Drittstaaten bedeutet.
Aber damit ist das Problem noch nicht erschöpft. Ausgerechnet die Schweiz führte vor, dass dieses weit über diese bekannten Szenarien hinausgeht. Eine Volksinitiative wollte die Einwohnerzahl des Landes strikt auf 10 Millionen begrenzen. Angesichts der eminenten ökonomischen Auswirkungen, die das gehabt hätte, war die Ablehnung erstaunlich knapp.
„Begrenzungsinitiative“ und „Dichtestress“
Was sich hier aber zeigte, ist nicht zu unterschätzen: Mittlerweile wird jede Migration zum Problem. Nicht nur nicht-westliche. Denn die Initiative zielte auch auf Deutsche, Italiener, Franzosen, die sich hier angesiedelt haben.
Die „Begrenzungsinitiative“ richtete sich allgemein gegen ein zu viel an Anderen: zu viele, mit denen man Raum, Jobs, Wohlstand teilen muss. Sie richtete sich gegen eine Überfüllung, die das Land – angeblich – überfordert. Und auch für diese Ausweitung der Problematik gibt es einen passenden Terminus. Die psychische und physische Belastung durch zu viele Andere hat es zu einem eigenen Begriff gebracht: „Dichtestress“.
Erst damit ist das Vokabular der Fremd-Wörter komplett.
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 90 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert