Widerstand in Pandemie-Zeiten: Radikale Rücksicht

Wer momentan durch öffentlichkeitswirksame Aktionen politisch etwas bewegen will, muss sich gut überlegen, wie er dabei andere nicht gefährdet.

Ein solidarischer Gruß an die Black Lives Matter-Bewegung steht auf einem Banner, das zwischen zwei Häuser gespannt ist

Auch ein Weg: Politisches Spruchband „Black Lives Matter“ über einer Häuserschlucht gespannt Foto: Levin Holtkamp (Wikimedia Commons), 2020

Wer etwas bewirken will, muss sich unterscheiden. Im Englischen „to make a difference“ sind diese beiden Aspekte vereint. Linke, die etwas bewirken möchten, müssen sich entscheiden und unterscheiden, gerade jetzt nach dem Jahreswechsel, gerade jetzt in der Krise. Das griechische krínein bedeutet ja genau dies: unterscheiden, entscheiden. Krise und Kritik haben in diesem Wort ihren gemeinsamen Ursprung.

Einen Unterschied zu machen gilt es momentan schlicht dadurch, dass mensch auf alle Kontakte und Reisen verzichtet, die nicht sein müssen. Nicht weil der Staat solches diktiert, sondern aus Einsicht und radikaler Rücksicht. Während die Bürgerlichen das „Erlaubte“ ausreizen und auf Kosten der Verletzlichen überreizen, wissen Progressive zu unterscheiden zwischen ihrem Ego und dem Richtigen.

Ja, es kann sogar ein widerständiger Akt gegen konservativ-liberale Coronakompromisse sein, das Shopping Shopping sein zu lassen und die eigenen Beziehungen und politischen Netzwerke übers Telefon zu pflegen. Von zu Hause aus lassen sich zum Beispiel Briefe und Emails an die jeweiligen Abgeordneten auf Landes- und Bundesebene schreiben, in denen mensch die Evakuierung der Geflüchtetenlager in Bosnien und Griechenland fordert. Ja, Emails und Briefe.

Umgestaltung des Gesundheitswesens

Als Rücksichts-Fundis den Maß-und-Mitte-Realos entgegenzutreten, den bürgerlichen Konsens moralisch zu überholen, damit die strukturelle Kritik umso glaubwürdiger und kräftiger wirkt. Das wäre doch etwas. Strukturelle Kritik übt etwa das Berliner Bündnis Gesundheit statt Profite regelmäßig vor dem Bundesgesundheitsministerium.

„Personaluntergrenzen im Krankenhaus wurden aufgehoben und die Maximalarbeitszeit ausgeweitet. Das führt uns vor Augen, dass das Gesundheitswesen auf Kante genäht ist. Der Krisenfall einer Pandemie zeigt einmal mehr die Anfälligkeit dieses Systems. Jetzt ist der richtige Moment, um eine grundlegende Umgestaltung des Gesundheitswesens einzuleiten!“, heißt es im Aufruf des Bündnisses, dass sich jede Woche zur Kundgebung im Freien mit Abstand und Maske trifft (mittwochs, 16 Uhr, Friedrichstr. 108).

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Einen Unterschied zum bürgerlichen Spendenverhalten müssen Linke auch in der Obdachlosenhilfe machen. Während in den Notübernachtungen vor Weihnachten die Kleiderkammern überquellen, weil in den privaten Schränken Platz für die neuen Weihnachtsklamotten geschaffen wurde, lässt die Nächstenliebe nach dem Jahreswechsel schnell nach. Am Besten fragt ihr bei einer Einrichtung in eurer Nähe nach, was gerade gebraucht wir. Eine Liste der Berliner Kältehilfe-Einrichtungen findet ihr auf kaeltehilfe-berlin.de/angebote.

Wenn ihr vermutet, dass eine Person auf der Straße unter Kälte und Witterung leidet, sprecht sie höflich an und fragt, ob sie etwas braucht oder ob sie Hilfe annehmen will. Besonders im Winter kann es lebensgefährlich werden, auf der Straße zu schlafen. Seht nicht weg, wenn ihr denkt, dass die Person Gefahr läuft, zu erfrieren.

Ab 18 Uhr könnt ihr den Wärmebus des Roten Kreuzes anrufen, ab 21 Uhr den Kältebus der Berliner Stadtmission (Wärmebus: 030 600 300 1010; Kältebus: 0178 523 5838; Hilfe Hotline für Obdachlose: 0157 80 59 78 70; Kältehilfetelefon: 030 81 05 60 425; KARUNA Sub – Buslinie für obdachlose Menschen: 01578 66 05 080).

Antirassistische Kampagne

Und schließlich darf auch die Debatte um Rassismus und Polizeigewalt, die im vergangenen Jahr sogar im bürgerlichen Lager Flammen geschlagen hat, kein emotionales Strohfeuer gewesen sein. Die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh und das Bündnis für die Aufklärung des Mordes an Burak Bektaş rufen gemeinsam auf zu einer Gedenkkundgebung für den im rechtswidrigen Polizeigewahrsam mutmaßlich ermordeten Oury Jalloh (7. 1., Landesvertretung Sachsen-Anhalt, Luisenstr. 18, 14 Uhr).

Diese Kundgebung ist Teil einer bundesweiten antirassistischen Kampagne, die zum dezentralen und sicheren Protest mit Abstand und Mund-Nasenschutz aufruft. Leute, die durch das Virus besonders gefährdet sind, können sich online mit Beiträgen unter den Hashtags #WeNeverForgetOuryJalloh, #BreakTheSilence, #NoJusticeNoPeace, #AmandlaEwethu, #SayTheirNames, #BlackLivesMatter, #OuryJalloh und #KeinEinzelfall beteiligen.

Denn, wo wir uns bewusst dafür entscheiden, auf die Straße zu gehen, weil es nicht anders geht, gilt es sich deutlich von den Schwurbler-Demos zu unterscheiden: durch radikale Rücksicht.

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Redakteur der taz Bewegung und im Social Media Team. Autor für Themen queer durch die Kirchenbank. Studierter Religions- und Kulturwissenschaftler.

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