Wichtige Zahl der Klimapolitik: Im Zweifel für die magische Zwei

Unter zwei Grad Erwärmung bleiben, zwei Prozent Fläche für Windanlagen: Die 2 ist die Zahl in der Klimapolitik. Einige treiben damit aber Schindluder.

Schornsteine mit Dampf vor rotem Himmel.

Zwei von zwei Prozent: Stahlwerk von Thyssen-Krupp in Duisburg Foto: Jonas Güttler/dpa

BERLIN taz | Klingt ein bisschen seltsam, aber für mich gibt es sympathische und unsympathische Ziffern. Die Eins zum Beispiel war mir immer zu mager, die Neun zu fett. Gerade Zahlen sind mir lieber als ungerade. Die Sieben finde ich irgendwie heimtückisch. Am schönsten: die Fünf. Sie ist zwar ungerade, aber gleichzeitig eckig und rund, das hat was.

In der Klimapolitik dagegen ist die magische Zahl eindeutig die Zwei. Wir müssen global unter zwei Grad Erwärmung bleiben, haben wir in Paris beschlossen. Wir brauchen zwei Prozent der Landesfläche für Windanlagen. Die weltweiten Emissionen müssen bis 2030 um den Faktor zwei fallen. Und allgemein befällt mich schon lange in der nationalen und internationalen Klimapolitik vor allem der Zwei-fel.

Und jetzt kommt die große Zwei mit einem uralten Trick wieder ins Spiel: Deutschlands Anteil an den globalen Emissionen ist – genau – etwa zwei Prozent. Das sagen CDU-Kanzlerhoffnung Armin Laschet oder der Wirtschaftsflügel der Union; viele, die lange nicht durch Klimaaktionismus aufgefallen sind. Was sie sagen, stimmt. Was sie meinen, ist etwas anderes: Was wir tun, ist ohnehin egal. Sollen sich mal die anderen anstrengen.

Folgen wir diesem faszinierenden Argument. Dann könnten sich folgende Länder auch noch ausruhen: Iran, Südkorea, Saudi-Arabien, Kanada, Indonesien, Brasilien, Mexiko, Südafrika, die Türkei, Australien, Großbritannien, Italien, Polen, Frankreich, Kasachstan, Taiwan. Thailand, Spanien, Vietnam, Malaysia, Ägypten, die Vereinigten Arabischen Emirate, Argentinien, die Ukraine.

Viele unter zwei Prozent

Und das sind nur die Plätze 7 bis 30 auf der Liste der Klimasünder. Danach kommen weitere etwa 170 Staaten. Alle können sagen: Wir? Unser Anteil liegt weit unter zwei Prozent!

Noch schöner: Sämtliche Auto-, Chemie- und Stahlkonzerne sind so aus dem Schneider. Thyssenkrupp macht nur zwei Prozent von Deutschlands zwei Prozent aus! Praktisch nichts! Öl­giganten wie SaudiAramco oder ExxonMobil stoßen nicht mal ein Achtel von Deutschland aus. Fast unter der Nachweisgrenze.

Ganz zu schweigen von einzelnen Regionen: Hebei, Chinas Kohle- und Industrieprovinz? Mit etwa 900 Millionen Tonnen kaum mehr als die Zwei-Prozent-Deutschen. Texas? 700 Millionen Tonnen, much less than those green german weirdos! Kohleland NRW? Ach nö, da wohnen ja eh nur KlimaschützerInnen.

Wer muss nach dieser Logik etwas tun? China, die USA, Indien, Russland, Japan. Ihnen kann man ordentliche Anteile an den Emissionen zurechnen. Wir anderen sind eben: Nicht zurechnungsfähig.

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Jahrgang 1965. Seine Schwerpunkte sind die Themen Klima, Energie und Umweltpolitik. Wenn die Zeit es erlaubt, beschäftigt er sich noch mit Kirche, Kindern und Konsum. Für die taz arbeitet er seit 1993, zwischendurch und frei u.a. auch für DIE ZEIT, WOZ, GEO, New Scientist. Autor einiger Bücher, Zum Beispiel „Tatort Klimawandel“ (oekom Verlag) und „Stromwende“(Westend-Verlag, mit Peter Unfried und Hannes Koch).

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