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Wenn ein beliebter Ort verschwindetDie Perle am Plötzensee

Seit der Besitzer tot ist, ist die Fischerpinte geschlossen. Wie geht es weiter mit dem Imbiss und dem Bootsverleih? Darüber ist ein Streit entbrannt.

Manche Perlen wachsen in Muscheln. Andere liegen an Seeufern mitten in der Stadt: Die Fischerpinte am Plötzensee ist ein Holzhäuschen direkt am Wasser. „Lassen Sie die Seele baumeln und gönnen Sie sich diesen ganz, ganz kleinen Urlaub! Monika und Wolfgang Düring“, steht auf einem Schild, das an dem grünen Drahtzaun am Eingang der Fischerpinte angebracht ist. Es ist schon ziemlich vergilbt.

Diesen Sommer bleibt die Fischerpinte geschlossen, es gibt kein Eis, Limo oder Bier zu kaufen. Seitdem der Pächter Wolfgang Düring im Februar gestorben ist, ist unklar, wie es mit dem beliebten Ort weitergeht. Gemeinsam mit seiner Frau Monika, die bereits im Jahr 2022 gestorben war, hatte er 37 Jahre lang die Fischerpinte betrieben und dafür das Gelände vom Bezirk gepachtet. Die Holzhütte und der Steg wiederum gehörten ihm und seiner Frau.

Im Grunde sprechen wir hier von einer Privatisierung öffentlichen Raums. Das schließt das Grünanlagengesetz explizit aus

Christopher Schriner (Grüne), Bezirksstadtrat von Berlin-Mitte

Die komplizierten Besitzverhältnisse sind eine von vielen Schwierigkeiten, wenn es um die Frage geht, wann und wie die Fischerpinte wieder aufmacht. Es gibt momentan keinen Besitzer. Der Sohn der Dürings hatte das Erbe direkt ausgeschlagen, Schlüssel wurden abgegeben. Seitdem sucht das Amtsgericht Nachlassverwalter*innen. Denn ohne Ei­gen­tü­me­r*in habe niemand Zutritt zur Fischerpinte, erklärt der Bezirksstadtrat von Mitte, Christopher Schriner (Grüne), zuständig für Ordnung, Umwelt, Natur, Straßen und Grünflächen – weder der Bezirk, noch Privatpersonen.

Schräg gegenüber liegt das Strandbad Plötzensee

Den Zugang bräuchte es aber, um ernsthaft planen zu können, wie es mit der Fischerpinte weitergeht. Denn auch da wird es kompliziert: Die Gebäude der Fischerpinte stehen in einer Grünanlage. „Bei einer Grünanlage ist es so, dass alle Sondernutzungen im Regelfall nicht erlaubt sind“, so Schriner. Sondernutzungen sind zum Beispiel Veranstaltungen und Gewerbe. Außerdem müsse eine Grünanlage immer für alle zugänglich sein. Die Fischerpinte hingegen ist bisher ein gewerblicher Imbiss und Bootsverleih mit begrenzten Öffnungszeiten. Für Schriner ist einerseits ziemlich klar, was das bedeutet: „Im Grunde sprechen wir hier von einer Privatisierung öffentlichen Raums. Das schließt das Grünanlagengesetz explizit aus.“

Andererseits gebe es natürlich schon manchmal Sondernutzungen, gibt Schriner zu. Das sieht man auch in der Umgebung: Schräg gegenüber der Fischerpinte ist das Strandbad Plötzensee und auch das Parkcafé Rehberge hat nach vielen Jahren eine Genehmigung erhalten, das Café nicht kommerziell zu betreiben.

Die Fischerpinte, wie es sie bis zum Februar gab, lag schon immer in einer Grünanlage. Damals war man mit den Genehmigungen nur weniger streng: „Das waren die wilden Zeiten“, lacht Schriner und meint die 1990er Jahre.

Die 2020er Jahre in Berlin sind auch wild, aber anders: Es gibt weniger Platz und das meiste ist teurer geworden. Wedding gehört zum Bezirk Mitte, der auf Platz zwei der am dichtesten besiedelten Stadtteile Berlins liegt. Die Gegend um den Plötzensee zählt zu den Wohnorten, an denen die Medianeinkommen der Menschen berlinweit am niedrigsten sind. Und im Sommer gibt es im Wedding und Moabit nur zwei Freibäder: Das Kombibad Seestraße, für das der Eintritt ermäßigt 3,80 Euro kostet. Und das Strandbad Plötzensee, bei dem der Eintritt ermäßigt bei 6 Euro liegt.

Ein perfekter Ort für viele Menschen

An der Fischerpinte darf man zwar nicht baden. Aber man kann dort im Schatten am See sitzen, ein günstiges Getränk trinken und seinen Nachbar grüßen. „Irgendwann kennt man die Leute, oder merkt sogar: Die wohnen ja bei mir um die Ecke“, erzählt Andaras Hahn. Er war hier Stammgast, erzählt er, und mehrmals die Woche in der Fischerpinte, sobald Sommer und das Café geöffnet war.

Andaras Hahn ist Mitbegründer des Vereins Fischerpinte Plötzensee, einer nicht kommerziellen Bürgerinitiative zum Erhalt der Fischerpinte am Plötzensee in Berlin, wie es auf der Website steht. Der Verein wurde Ende April gegründet zur Vernetzung und Information für alle, die die Fischerpinte erhalten wollen. Hahn erzählt, er mache die Erfahrung, dass sehr viele Menschen geschockt und betroffen darüber seien, dass es den Ort vielleicht nicht nur diesen Sommer nicht mehr geben könnte. Er sei für viele Menschen perfekt gewesen, so wie er ist: „Und sei es einfach nur, um fünf Stunden lang hier rumsitzen und aufs Wasser gucken, sich entspannen.“

Ein langer Holzsteg mit Tischen und Stühlen führt dort am Buchtufer entlang, vor dem bunte Tret- und Ruderboote im Wasser wippen. Hinter dem Steg stehen große Bäume, die den Lärm der nahen Seestraße schlucken. Dass die viel befahrene Straße gerade mal 50 Meter entfernt liegt, vergisst man, sobald man durch das Gartentor mit dem Schultheiß-Schild geht.

An diesem Törchen hängt jetzt noch ein Schild, der Verein Fischerpinte Plötzensee hat es angebracht: „Warum ist (der vermutlich schönste Ort im Wedding) geschlossen?“, steht darauf, und dass der Abriss drohe. Darüber wundern sich auch die Spaziergänger*innen, die vorbeikommen. Audrey zum Beispiel wohnt schon ihr ganzes Leben im Wedding: „Die Fischerpinte ist halt bekannt. Man holt sich hier öfter ein Tretboot und fährt raus, genießt einfach das Wetter.“ Das letzte Mal war sie im vergangenen Sommer da, um den Geburtstag ihres Patenkindes zu feiern, erzählt sie. „Du hattest einfach Altberliner Preise. Es war alles sehr entspannt, eine richtige kleine Oase.“

Idyll, Oase, Perle, ein „ganz, ganz kleiner Urlaub“ – diese Beschreibungen ärgern Schriner. „So zu tun, als sei das irgendwie romantisches Kiezleben, ist eine totale Beschönigung des Zustands.“ Damit meint er zum Beispiel den Steg, der sei zwar genehmigt, aber in keinem idealen Zustand. Und überhaupt: Zuallererst brauche es einen Erben, das heißt einen neuen Eigentümer der Fischerpinte, um Zugang zu den Räumen und dem Steg zu bekommen. Danach erst könne man ernsthaft über Konzepte nachdenken, erklärt er, wobei für ihn klar ist: „Ein Gewerbe mit reinem Erwerbszweck ist ausgeschlossen an diesem Ort.“

Es gibt die Idee, die Fischerpinte zur Naturpinte zu verwandeln. Eine Naturpinte? Für den Bezirk wäre das zum Beispiel ein Steg mit Aussichtsplattform, zu dem man seine Getränke selbst mitbringt. Hahn versteht das nicht: „Wer soll denn dann kontrollieren, dass niemand badet?“

Von der Fischerpinte zur Naturpinte?

Dazu muss man wissen: Das Baden im Plötzensee ist streng begrenzt. Die Südspitze, an der die Fischerpinte liegt, ist nicht Teil des erlaubten Gebiets. Nicht nur deswegen lehnt „Fischerpinte retten“ den Vorschlag einer reinen Aussichtsplattform ab. Ein Steg allein habe mit der Fischerpinte nichts zu tun: „Wir wollen einfach den Ort so erhalten, wie er ist, plus Umweltbildung“, erklärt Hahn.

Dafür hat der Verein Fischerpinte Plötzensee ein Forderungspapier samt Konzept veröffentlicht: „Natur.Pinte – Lernen. Schützen. Erholen am Plötzensee.“ Die Idee: Kostenlose Boote für Schulklassen, Umweltlehrprojekte über externe Träger im überdachten Bereich, Clean-ups im See. „Bootsverleih und Imbiss widersprechen einem Umweltkonzept überhaupt nicht“, sagt Hahn. Sogar die alten Mit­ar­bei­te­r*in­nen stünden laut Initiative zur Verfügung. Und mit GPS in den Booten könne man im Verleih auch kontrollieren, dass sie nicht ans Ufer gesteuert würden.

Eine Petition für das Konzept hat bislang knapp 1.900 Unterschriften. „Wir finden, dass genau hier die Interessen aus Naturschutz, Erholung & Freizeit nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen – wäre doch gerade hier der Ort, um Mensch und Natur wieder zu verbinden“, ist im Konzept zu lesen.

Detlef ist Rentner und mit einem alten Klapprad am Plötzensee unterwegs: „So wichtig ist es mir persönlich nicht, aber für Familien ist es sicherlich sehr wichtig, auch Urlaub zu Hause machen zu können an solchen schönen Orten“, sagt er. Früher habe er eine gewisse Zeit im Umweltamt Mitte gearbeitet, erzählt er, Naturschutz liege ihm am Herzen. „Man muss eben beides sehen. Ich weiß nicht, inwieweit jetzt das Amt für Umwelt- und Naturschutz mit den Bürgern in Kontakt getreten ist.“

Zumindest ist dem Bezirk und den verschiedenen Parteien in der Zwischenzeit klarer geworden, dass die Fischerpinte vielen Ber­li­ne­r*in­nen vor allem im Wedding am Herzen liegt, es sich sogar um ein Wahlkampfthema handeln könnte. Linke, FDP, CDU und Grünen haben Anträge zum Erhalt der Fischerpinte formuliert, über die in der nächsten Bezirksverordnetenversammlung abgestimmt werden soll.

Und Schriner sagt: „Die Fischerpinte ist einfach sehr beliebt und auch richtig und gut für diesen Ort.“ Man müsse gucken, was innerhalb des Grünanlagengesetzes möglich sei. „Es wird eine Ausschreibung geben, auf die sich dann Gruppen und Initiativen bewerben können, sobald der Bezirk weiß, wie der Bestand aussieht.“ Am 12. Juni werden sich Ver­tre­te­r*in­nen aus dem Bezirksamt, Initiativen, der Verein Fischerpinte Plötzensee, und alle anderen Interessierten bei einem moderierten Bürgergespräch über die Zukunft der Fischerpinte austauschen.

Bei einer ersten kleinen Kundgebung der Linken im April erzählt ein junger Mann: „Ich kenne die Fischerpinte von Kind an, Tretboot ausleihen, im Winter mal ein Glühwein für meine Mutti“, er lacht. „Ist auf jeden Fall so eine Perle irgendwie, wunderschön gelegen. Wäre schade, wenn da keine Geselligkeit mehr stattfinden könnte.“

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