Weihnachten 2020: Ein großes Durcheinander

Da lohnt es sich, zu sortieren wie Aufräumpäpstin Marie Kondō. Was vom Fest sollte in Zukunft bleiben? Was kann weg? Nichtchrist*innen geben Auskunft.

Eine Brücke in Marzahn mit Hochhäusern im Hintergrund - Menschen gehen über die Brücke, darunter ein Weihnachtsmann

„24. 12. 1994“ – aufgenommen in Marzahn; es stammt aus der Fotoserie „Der 24.12.“ Foto: Gabriele Kahnert

„Vieles ist hausgemacht“

Katrin Raczynski, Vorstandsvorsitzende des Humanistischen Verbandes Berlin-Brandenburg mit Sitz in Mitte:

Sollte bleiben: Für viele nicht religiöse Menschen ist Weihnachten eine Zeit der Besinnung, der Freude und des Beisammenseins. In der dunkelsten Zeit des Jahres feierten die Menschen bereits lange bevor es die ersten Christen gab, dass die Tage wieder länger, heller und wärmer werden. In diesem besonderen Jahr kommt eine weitere Vorfreude hinzu: dass wir in naher Zukunft wieder ohne Angst liebgewonnene Menschen umarmen können.

Kann weg: Vieles von dem, worunter wir an Weihnachten leiden, ist hausgemacht: Stress, der durch zu hohe Erwartungen an perfekte Tage entsteht. Es ist für viele von uns immer wieder eine Herausforderung, sich aus all dem Konsum und all den Verpflichtungen zu lösen, die uns jedes Jahr halb erschöpft auf Weihnachten zusteuern lassen. Aber die Sehnsucht nach bewusstem Verzicht, Entschleunigung und entspanntem Zusammensein ist groß. Und auch dieses Jahr haben wir wieder eine Chance, ein bisschen mehr davon gelingen zu lassen.

Die Fotos in diesem Onlinebeitrag stammen aus der Serie „Der 24. 12.“, die 1994 ihren Anfang nahm. Gabriele Kahnert erzählt am Telefon, dass sie kein großer Weihnachtsfan ist. „Aber wie kann man dem Fest schon entfliehen?“ Als sie damals, Heiligabend 1994, „nichts weiter mit sich anfangen konnte“, zog es sie ins Freie hinaus. Natürlich mit Kamera. Es entstanden Bilder, die die Stimmung des Tages wie beiläufig einfangen – was passiert denn schon da draußen an so einem Tag? Das ist auf den Fotos von Kahnert zu sehen, die sie 24 Jahre lang jeden Heiligabend machte. „Es ist kaum möglich, die Besonderheit dieses Tages zu ignorieren“, sagt die Berlinerin. Sie war viel in ihrem Kreuzberger Kiez unterwegs, aber auch mal im Grünen, an touristischen Hotspots oder andernorts. Hier zeigen wir nur eine kleine Auswahl, auf der Homepage www.24-12.de sind rund 150 Fotos der Serie zu sehen. Und seit drei Jahren verfolgt Kahnert eine neue Fotoserien­idee: Balkons. Die haben ja in Corornazeiten eine neue Wichtigkeit bekommen. (heg)

„Keine Weih­nachtsbäume“

Vilwanathan Krishnamurthy, Gründer und Vorstandsmitglied des Sri Ganesha Hindu Tempels in der Neuköllner Hasenheide, Rentner:

Sollte bleiben: Das Weihnachtsfest soll immer bleiben, es ist sehr wichtig. Das gilt auch für Neujahr. Denn in der Winterzeit braucht man Wärme und Licht. Deshalb die vielen Kerzen und Lampen an diesen Festen. Dahinter steht auch der Wunsch, dass das neue Jahr ein besseres werden soll. Das gilt in diesem Jahr natürlich ganz besonders. Im Hinduismus ist die Natur sehr wichtig. Wir dürfen die fünf Elemente nicht beschädigen, sonst wird sich die Natur gegen uns wenden. Licht ist eines der fünf Elemente. Wenigstens einmal im Jahr wird an Weihnachten die Wärme, die Liebe, die Nächstenliebe gefeiert und die Familien – jung und alt – kommen zusammen. Das sollte bleiben.

Kann weg: Weihnachtsbäume sind in Zukunft nicht mehr tragbar, denn durch das Fällen beschädigen wir die Natur sehr. Dafür muss man einen Ersatz finden, der sich wiederverwenden lässt. Nach den Festen bleibt auch viel Müll. Das müssen wir vermeiden.

Ein türkischer Bäcker mit seiner Auslage - darüber baumelt ein Mond in einem Weihnachtskostüm

„24. 12. 2011“ (bei einem türkischen Bäcker fotografiert) Foto: Gabriele Kahnert

„Stärkerer Fokus auf andere“

Nina Peretz, Vorsitzende der Freunde der Synagoge Fraenkelufer und Vorstandsmitglied dieser Kreuzberger Synagoge, stellver­tretende Leiterin der ­Öffentlichkeitsarbeit des Paritätischen Berlin:

Sollte bleiben: Wichtig ist, Licht in die Dunkelheit zu bringen. Das habe ich selbst gerade an Chanukka erlebt. Es ist ja kein Zufall, dass diese Lichtfeste in diese Zeit fallen. Es ist eine Zeit, in der man sich auch um andere, über die eigene Familie hinaus kümmert. Zum Beispiel um Menschen auf der Straße, die im Moment keine Tagesangebote haben und nicht betteln können. Oder um Menschen, die gerade einen freundlichen Anruf brauchen. Oder durch Spenden. Das sollte das ganze Jahr gelten, aber an Weihnachten liegt darauf ein stärkerer Fokus.

Kann weg: Damit, dass man die Tage vor Weihnachten im Kaufrausch verbringt, kann ich mich nicht identifizieren. Was dahinter steht, ist ja, dass man Aufmerksamkeit schenken möchte. Der Gedanke, dass man dafür jedes Jahr etwas Neues kaufen muss, kann weg.

„Der Konsum muss weg“

Ranjit P. Kaur, Mitglied der Gurdwara Sri Guru Singh Sabha (Gebetsstätte der Sikhs) in Reinickendorf und im Berliner Forum der Religionen, Software-­Entwicklerin:

Sollte bleiben: Was ich gut finde, sind Feiern im Kreise der Familie, das sollte ­so bleiben, finde ich. Also Ruhe, gemein­sames Essen, Besinn­lichkeit und ­einander Dank­barkeit zu ­zeigen. Das ­gehört auch zu unseren ­Festen. Die Sikh-­Religion kennt drei ­Pflichten. Zum einen die Gottes­anbetung, dann die ehrliche Arbeit und die weltlichen Pflichten – zum Beispiel der ­Familie gegenüber – und drittens: ­das ehrenamtliche ­Engagement, beziehungsweise das ­Teilen mit bedürftigen Menschen. Die Spendenaktionen an ­Weihnachten finde ich auch sehr gut. Weihnachtsfeiern und Weihnachtsmärkte ­müssten nicht sein, können aber ­bleiben. Sie sind gut für die Psychologie der Menschen in der dunklen Jahreszeit.

Kann weg: Das Drumherum der Weihnachtsgeschenke, der Konsum, der Stress: Das muss weg. Es sollte Zeit sein, die man einander schenkt.

Eine Straßenszene irgend wo in Berlin am Heiligabend 1999 aufgenommen - auf einer Werbetafel steht groß der Spruch "Lass dich von Jesus beschenken"

Heiligabend irgend wo in Berlin: „24. 12. 1999“ Foto: Gabriele Kahnert

„Verbindet Menschen“

Fereshta Ludin, Autorin von „Enthüllung der Fereshta Ludin: Die mit dem Kopftuch“, Mitglied im Berliner Forum der Religionen, Lehrerin an der Islamischen Grundschule in Kreuzberg:

Sollte bleiben: Die besinnliche, hoffnungsvolle und wohlwollende, weihnachtliche Atmosphäre verbindet Menschen mit diversen Glaubensrichtungen und Überzeugungen. Diese positive Haltung kann über das ganze Jahr nach innen und außen fortlaufend in unsere Gesellschaft ausstrahlen.

Kann weg: Negativität und Hass darf an keinem Fest Raum bekommen.

„Lieber Wintersonnwende“

Kevin Schröder, Regionalkoordinator Berlin-Brandenburg der Pagan Federation International Deutschland, Pfleger in einem Hospiz in Oranienburg:

Sollte bleiben: Wir im paganen Bereich feiern in dieser Zeit ja eher die Wintersonnwende oder die Saturnalien. Das sind Feste, die eine Pause und Bewusstsein ermöglichen – und ein Versprechen enthalten. Feste sind in unserem Verständnis Teil eines Kreislaufs, sie verändern sich. Generell werden sie individueller. Dieses Jahr zeigt, dass man auch alleine feiern und sich rituell etwas bewusst machen kann.

Kann weg: Auf jeden Fall könnte der Konsumrausch und der Einkaufsstress weg. Die Menschen sind in dieser Zeit oft so gereizt und geladen. Es heißt oft, das Einkaufen „das war immer so, das muss so sein“. Das stimmt aber beides nicht. Weg kann auch der einseitige Bezug aufs Christliche in dieser Jahreszeit. Auch andere Religionen feiern Ende Dezember ihre Feste.

Alle Protokolle: Stefan Hunglinger

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