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Waren auf dem BandBestseller an der Supermarktkasse

Ob Gummibären und Schokolade oder diverse Alkoholika. Vor der Kassiererin lässt sich nicht verheimlichen, was eingekauft wird.

Illustration: Donata Kindesperk

E in paar Leute kommen zu Besuch und ich will mal etwas anderes kochen als sonst immer. Mir fiel mal auf, dass ich eigentlich immer nur etwa sechs Gerichte koche, die ich bis zur Unkenntlichkeit variiere, um zu vertuschen, dass es eigentlich immer die gleichen sind.

Kartoffeln mit Quark plus Beilagen, Suppen, Spaghetti mit Linsen oder Tomaten, Aufläufe, Pfannengerichte und Pizza. Heute soll es eine schnelle Quiche von Insta werden. Im Bioladen lege ich Süßkartoffeln und dann auch noch drei Tafeln Schokolade und eine Tüte Gummibären in den Korb und stelle mich an der Kasse an.

Eine Frau vor mir bemerkt, dass die Kassiererin sehr interessiert auf ihre vielen Flaschen auf dem Band sieht. Schnell sagt sie: „Nicht dass Sie denken, dass ich Alkoholikerin bin, das sind alles Geschenke.“ Die Kassiererin sagt: „Alles gut, ich gucke nur, was Sie eingekauft haben. Machen Sie sich keine Sorgen.“

Als ich dran bin, sage ich: „Und ich habe zu viele Süßigkeiten gekauft, aber das sind keine Geschenke.“ Ich lache über mich selbst, weil ich mich morgen am Schreibtisch abwechselnd Schokolade und Gummitiere essen sehe. Die Kassiererin lacht freundlicherweise mit. „Ich finde das immer interessant, was so eingekauft wird.“

„Ach“, sage ich neugierig, „spielen Sie das Spiel der Kassiererin aus diesem Bestseller, die anhand der Waren auf dem Band überlegt, welcher Mensch vor ihr steht, bevor sie hochsieht?“ Die Kassierin schüttelt den Kopf: „Das Buch kenne ich gar nicht. Ich gucke einfach bloß, was ich selbst mal wieder essen könnte, und schreib es hier auf eine Liste.“ „Wie praktisch“, finde ich.

Als ich gehe, drehe ich mich noch mal um und sehe, dass sie etwas aufschreibt. Ich vermute, dass sie Süßkartoffeln auf die Liste setzt. Schokolade hat man ja sowieso immer im Kopf.

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Isobel Markus
Autorin
Isobel Markus ist freie Autorin und lebt in Berlin. Sie schreibt für die Berliner Szenen und weitere Rubriken der taz. Ihre Kurzgeschichten wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht und ins Arabische übersetzt. Bisher erschienen von ihr: Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2021), Der Satz (2022) und Neues aus der Stadt der ausgefallenen Leuchtbuchstaben (2023), alle im Quintus Verlag. Dating-Roman ist ihr zweiter Roman und erschien im Juni 2024 bei mikrotext. In der Lettrétage veranstaltet sie die senatsgeförderte Veranstaltungsreihe Berliner Salonage. Sie bietet dort Künstler*innen verschiedener Genres eine thematische Bühne und regt zum Austausch mit dem Publikum an. https://isobelmarkus.de/salons https://www.quintus-verlag.de/Stadt-der-ausgefallenen-Leuchtbuchstaben/978-3-96982-010-0 https://mikrotext.de/book/isobel-markus-dating-roman/
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