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Waldbrände in Spanien„Du schlägst auf Flammen und plötzlich sind sie über dir“

Die Brände in Spanien haben 80.000 Hektar Land verkohlt – darunter den botanischen Garten von Axel Mahlau. Mehr Löschkapazitäten werden das Problem nicht lösen.

Reiner Wandler

Aus Madrid

Reiner Wandler

Alles sei abgebrannt, sagt Axel Mahlau traurig. Wo bis vor wenigen Tagen sein Lebensprojekt grünte, ist jetzt alles schwarz. Hier und da steigen aus dem verkohlten Boden Rauchsäulen auf.

Der Deutsch-Spanier Mahlau, 70, wurde in Spanien geboren und pflegt im Tal des Flusses Tiétar in der Provinz Ávila einen botanischen Garten. Beziehungsweise pflegte. „Neun Hektar, 1.700 verschiedene Pflanzen“, erzählt der pensionierte Lehrer, der nach einer Woche der Evakuierung wieder zurück auf seinem Grundstück ist. Statt wie viele seiner Nachbarn in einer Massenunterkunft, kam er in dieser Zeit bei Familienangehörigen in einem Vorort der Hauptstadt Madrid unter.

Der jetzt verbrannte botanische Garten begann mit Pflanzen, die Mahlaus Vater in den 1950er Jahren von seinen Reisen mitgebracht hatte, Mahlau und sein Bruder pflegten ihn weiter. „Seit meiner Pensionierung vor drei Jahren kümmerte ich mich intensiv darum“, sagt Mahlau. Dann kam das Feuer und verschlang alles.

La Adrada, rund anderthalb Autostunden westlich von Madrid, ist mit seinen 2.800 Einwohnern einer der Orte, die am härtesten heimgesucht wurden vom mittlerweile größten Waldbrand in Spaniens Geschichte.

Mitte Juli hatte ein Arbeiter im Auftrag der örtlichen Viehzüchter ganz in der Nähe mit einer schweren Landmaschine einen Weg gebahnt, obwohl solche Arbeiten derzeit eigentlich strikt verboten sind. Eben wegen der Brandgefahr. Die Maschine schlug Funken. Das Feuer war schon kurz darauf nicht mehr einzudämmen und breitete sich nach Osten aus, später dann auch nach Süden über die 2.000 Meter hohen Berge ins Tiétar-Tal.

90.000 Menschen evakuiert

Ein zweites Feuer entstand durch ein in Brand geratenes Auto in San Martin de Valdeiglesias in der Provinz Madrid, 25 Kilometer östlich von La Adrada. Auch hier brannten bereits Wald und Wiesen, als die Feuerwehr kurz darauf ankam. Zusammen mit einem dritten Brand in Almorox in Toledo sind die Feuer mittlerweile fast zu einem verschmolzen und haben schon über 80.000 Hektar verwüstet. Das ist beinahe die Fläche des Landes Berlin.

Die Zentralregierung in Madrid rief den nationalen Notstand aus und übernahm die Koordinierung der Löscharbeiten. 90.000 Menschen haben die Behörden evakuiert. Jene, die schon zurück dürfen, finden Dörfer mitten in einer schwarzen Wüste vor.

Das ist auch bei Axel Mahlau so. Immerhin stehen die beiden Gebäude am Garten noch. „Meine Bücher, Musik, Bilder und all die Familienfotos haben überlebt“, tröstet er sich. „Bevor wir gingen, haben wir die Tiere – Esel, Schweine, Ziegen und Pfauen – freigelassen“, sagt Mahlau. Er hat sie lebendig wiedergefunden. Zum Glück.

Doch der botanische Garten ist zerstört. Ob er ihn wieder aufbaut, weiß er noch nicht. Zuerst müsse er untersuchen, ob die Bewässerungsanlagen zu reparieren sind und abwarten, welche Pflanzen wieder austreiben.

wochentaz

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Nicht alle hier folgten den Anweisungen zu gehen. Javier Cuerva ist einer der rund 150 Einwohner von La Adrada, die blieben, um dem Feuer die Stirn zu bieten. „Als die Nachricht kam, dass im Nachbartal ein Brand ausgebrochen ist, kam es mir nicht in den Sinn, dass uns das direkt betreffen könnte“, sagt der 55-Jährige. Er arbeitet bei einer Telekommunikationsfirma. Doch dann waren die Flammen plötzlich auf dem über 2.000 Meter hohen Bergkamm zu sehen.

„Der Wind trieb die Flammen runter, in unsere Richtung“, sagt Cuerva. Erst brannten die Wiesen oben um die Gipfel, dann die Gestrüpplandschaft darunter und schließlich erfassten die Flammen den Wald, dann die Felder und Dörfer. „Ein Polizeihubschrauber wies uns per Lautsprecher an, zu packen und zu gehen“, sagt Cuerva. Er weigerte sich und blieb, um zu löschen. Es war schließlich nicht das erste Feuer, das er miterlebte.

Doch was dann kam, übertraf alles: „Eine Nacht in der Hölle“. Die Flammen, die Hitze, der Rauch. Cuerva, der mit anderen versuchte, das Feuer zu stoppen, wird diese Eindrücke wohl nie vergessen. „Du schlägst auf Flammen am Boden ein und plötzlich sind sie über dir in den Baumkronen 30 Meter, 40 Meter hoch“, sagt er. Anders als in den noch stärker betroffenen Nachbarorten blieb La Adrada selbst verschont. Nur die Fincas am Rand sind betroffen.

Javier Cuerva und die selbstorganisierten Brandwachen ziehen noch immer Tag für Tag in die Berge, um immer wieder aufflammende Brandherde zu löschen und vorsorglich heiße Punkte abzukühlen. „Ich habe seit meiner Kindheit wirklich viel gesehen, aber so ein großer Brand – das ist neu“, sagt er.

„Mein schönes Haus, die Natur rundherum“

Auch Miquel Zurita aus Cebreros, anderthalb Autostunden nordöstlich von La Adrada, ist überrascht vom Ausmaß der Katastrophe. „Der letzte Brand vor einigen Jahren war schon ungewöhnlich groß und aggressiv, aber das jetzt stellt alles in den Schatten“, sagt Zurita, der trotz seiner 70 Jahre noch immer in der Schulbehörde in der Hauptstadtregion Madrid arbeitet.

Er war einer der letzten, der noch selbständig aus Cebreros weg kam, bevor die Landstraße geschlossen wurde. „Ich fühlte mich immer privilegiert. Mein schönes Haus, die Natur rundherum. Auf einen Schlag ist das alles nichts mehr wert“, sagt er. Zwar blieb die luxuriöse Siedlung Calas de Guisando am Stausee San Juan verschont, doch das Umland nicht.

„Jetzt ist alles schwarz, unsere Siedlung ist wie eine Insel“, sagt Zurita, der schon zum zweiten Mal in wenigen Jahren einen derartigen Verlust erlebt. Vor vier Jahren brannte es auf der anderen Seite von Cebreros. Die Wälder, in denen Zurita seine Kindheit verbracht hatte, fielen den Flammen zum Opfer. Und jetzt ist das, was damals verschont blieb, verbrannt. Darunter auch Wälder, die nach früheren Bränden wieder aufgeforstet wurden und seit Jahrzehnten herangewachsen sind.

„Machtlosigkeit“, sei es, was Miquel Zurita fühle. Die Behörden hätten den Wald vernachlässigt und es fehle an Löschkapazität, vor allem an Flugzeugen, ist er sich sicher. Außerdem müsste wieder mehr Weidewirtschaft betrieben werden, damit zumindest grasende Tiere die Landschaft frei halten, wenn es die Menschen schon nicht tun.

Es weiden zu wenig Tiere

Was die Bewohner auf dem spanischen Land seit Jahren beobachten, untersucht Serafín González Prieto wissenschaftlich: „Seit mehreren Jahren wird es immer heißer und trockener. Die Vegetation fängt beim geringsten Anlass Feuer, das immer schwerer zu löschen ist“, sagt der Waldbrandexperte des Spanischen Rates für wissenschaftliche Forschung.

González macht dafür mehrere Gründe aus. Die Abwanderung der Bevölkerung führe zum unkontrollierten Bewuchs von Flächen, die einst Äcker und Felder waren. Immer weniger Tiere weideten frei. Mosaiklandschaft heißt die ursprüngliche Mischung aus Äckern, Feldern, Gärten und Waldstücken rund um die Dörfer, die längst verloren ist. „Sie schützte vor Bränden“, sagt González. Denn es sei einfacher, ein Feuer in einem Gemüsegarten oder Weinberg zu löschen als in dichten Hecken und 30 Meter hohen Bäumen.

„Dort wo Forstwirtschaft betrieben wird, sind es meist Monokulturen“, sagt González und verweist auf die Fichten in Zentralspanien, wo es jetzt brennt; aber auch auf Südfrankreich, wo dieser Tage die Brände 42.000 Hektar verkohlt haben.

Das ist das gleiche Phänomen wie bei der Bombardierung in Dresden

Serafín González Prieto, Waldbrandexperte

„Außerdem ändert sich das Klima“, sagt González. Er meint damit nicht nur die Temperaturen. „Es regnet nicht weniger, sondern anders“, sagt er – mehr im Winter und im Frühjahr. Die Sommer hingegen seien viel trockener als einst. Die Folge: Die Vegetation wachse schnell und üppig und trockne dann ebenso schnell. „Es entsteht eine Landschaft aus ununterbrochener trockener Biomasse.“ Und wenn es brenne, dann richtig.

González spricht auch vom Kamineffekt. Das Feuer ziehe allen Sauerstoff rundherum an und erzeuge so eigene Winde, Stürme und sogar Gewitter. „Das ist das gleiche Phänomen wie bei der Bombardierung in Dresden oder in Coventry im Zweiten Weltkrieg.“

„Wir müssen uns an den Klimawandel anpassen, statt ihn zu leugnen“, sagt González. Die Löschkapazitäten auszubauen, das alleine sei keine Lösung des Problems.

In den ersten sieben Monaten diesen Jahres ist in Spanien sechsmal so viel Fläche abgebrannt wie im gleichen Zeitraum 2025. Zehn Waldbrände wüten gerade im Land. Und der Sommer ist noch lange nicht vorbei.

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