Waldbrände in Frankreich: Urlaubsparadies am Atlantik wird zur Feuerhölle
Das Ausmaß der gegenwärtigen Waldbrände in Südfrankreich übersteigt alles bisher Dagewesene. Mehr als 250.000 Menschen mussten bereits evakuiert werden.
Foto: Manon Cruz/reuters
Mehr als 42.000 Hektar einer Fläche mit Wald und Sträuchern und mindestens 250 Häuser sind bereits in den vergangenen drei Tagen im französischen Südwesten zum Raub der Flammen geworden. In dieser Region in der Nähe von Bordeaux (Gironde) und weiter südlich bei Biscarros (Les Landes) mussten bisher 250.000 Menschen, unter ihnen zahlreiche Urlauber aus dem In- und Ausland, evakuiert werden.
Bahnstrecken, Straßen und auch Autobahnabschnitte wurden vorübergehend für den Verkehr gesperrt. Mehrere Feuerwehrleute sind verletzt. Aber zum Glück sind keine Menschenleben zu beklagen. Das ist wohl der einzige Lichtblick. Denn ein rasches Ende ist nicht abzusehen.
Die Zahlen der Zwischenbilanz vermitteln nur einen schwachen Eindruck dieser Katastrophe mit mehreren Brandherden, die bereits jetzt ein für Frankreich bisher unbekanntes Ausmaß angenommen hat. Auf Videos im Fernsehen und spektakulären Fotos von den Flammen und gigantischen Rauchwolken ist zu sehen, wie eine ganze Region unter einem dichten Smog in einem gelben Dämmerlicht versinkt. Der Rauch mit seinen Feinpartikeln und Reizstoffen macht mancherorts das Atmen schwer. Das Urlaubsparadies ist zu einer Feuerhölle geworden.
Am Strand im bekannten Küstenort Arcachon konnten zuerst die Touristen noch das „Spektakel“ auf der anderen Seite der Bucht, auf der Halbinsel des Cap Ferret beobachten. In diesem „Saint-Tropez“ der Atlantikküste haben viele sehr begüterte Familien oft seit Jahrzehnten ihre Villen. Hier bieten in ihren pittoresken Hütten und Restaurants mit Blick auf die Bucht von Arcachon normalerweise auch Austernzüchter Urlaubern ihre Meeresfrüchte an.
Malerische Halbinsel
Jetzt ist die malerische Halbinsel menschenleer. Im nördlichen Teil in Lège-Cap-Ferret kämpfen Feuerwehrleute, unterstützt von Landwirten mit Wassertanks auf Traktoren, gegen den Waldbrand. Sonst sind nur ein paar Fischer und Austernzüchter geblieben. Sie glauben, sich notfalls mit ihren Kuttern aufs Meer retten zu können. Einwohner und Touristen haben per Notruf einen Evakuierungsbefehl erhalten.
Doch so einfach war es nicht wegzufahren. Es gibt nur eine einzige Straße, die von der südlichen Spitze ins Landesinnern führt. Und auch nach der Abzweigung bildeten sich lange Staus. Ähnliche Bilder einer Massenflucht gibt es vom Festland westlich von Bordeaux. Dort wütet ein Brand, der wegen wechselnder Winde am Sonntag noch außer Kontrolle war.
Am meisten gefährdet waren mehrere Vororte westlich von Bordeaux. Die Bevölkerung der Metropole selber fühlt sich ebenfalls bedroht, auch wenn die Brandfront noch 20 Kilometer weit entfernt ist. Die Rauchbelästigung ist jedoch bereits stark. Der Bürgermeister von Bordeaux, Thomas Cazenave, ersuchte am Samstag seine Mitbürger mehrmals im Fernsehen jede Panik zu vermeiden. Der Rauch komme von Waldbränden, die noch weit genug entfernt seien. Bordeaux sei (noch) nicht in Gefahr.
Bereits eingeholt von der unmittelbaren Bedrohung wurden hingegen 55.000 Bewohner von Mios, Biganos, Marcheprime und auch Cestas – eine Ortschaft fast vor den Toren von Bordeaux. Sie wurden aufgefordert, sofort ihre Wohnungen zu verlassen und nur das Allernötigste mitzunehmen. Patrouillen der Gendarmerie kontrollieren, ob das befolgt wird. Auch sollen sie vermeiden, dass die zurückgelassenen Häuser womöglich von Einbrechern geplündert werden.
Behelfsmäßiges Auffanglager
Viele der Evakuierten mussten in ihren Pkws Stunden oder gar die ganze Nacht ausharren. Und wohin sollen sie gehen? Nicht alle haben Bekannte und Verwandte in der Nähe, die sie aufnehmen können. In einer Halle eines Messe- und Ausstellungszentrums wurde ein behelfsmäßiges Auffanglager mit Feldbetten, Trinkwasser und Nahrung eingerichtet. Dort fanden rund 6.000 Menschen Zuflucht.
Unter ihnen befinden sich Familien, die in der Region im Urlaub waren. An eine sofortige Heimkehr ist für die meisten schwerlich zu denken. Die Autobahn A63 und teilweise die A62 sind gesperrt oder unterbrochen. Der Verkehr vom internationalen Flughafen Mérignac im Westen von Bordeaux ist eingeschränkt – genauso wie der Bahnverkehr vor allem im Süden der Großstadt.
Die französischen Behörden bieten alles auf, was ihnen zur Verfügung steht. Alle Löschflugzeuge und erstmals auch ein militärischer Airbus A-400 Atlas sind im Einsatz. Da die Feuerwehr auch in anderen Regionen, namentlich im Departement Var im französischen Südosten, gegen das Feuer ankämpft oder wegen drohender neuer Brände auf Pikett bleiben muss, sind die Mittel beschränkt. 1.500 Militärs und Helfer aus mehreren europäischen Ländern sind zur Verstärkung eingetroffen.
Kurze Hoffnungen
In den Katastrophengebieten Gironde und Var weckte Gewitterregen nur kurz Hoffnung auf eine Entspannung der Lage. Bereits für die kommende Woche sind weitere mehrtägige Hitzeperioden in weiten Landesteilen angekündigt. Sie erschweren nicht nur die Einsätze der Feuerwehr, sondern lassen auch den Ausbruch zusätzlicher Brände befürchten.
Auch wenn Waldbrände wie gegenwärtig in der Gironde nicht mit den Dimensionen der Megafeuer in Kanada oder Kalifornien zu vergleichen sind, wird mit ihnen klar, dass für Frankreich und Europa eine neue Ära von klimabedingten Katastrophen begonnen hat.
Innenminister Laurent Nuñez bestätigt dies mit seiner noch sehr provisorischen Bilanz: Seit Jahresbeginn sind in Frankreich bereits mehr als 100.000 Hektar Wald (1.000 Quadratkilometer) von Bränden zerstört worden – weit mehr als in anderen Jahren. Auch war bisher noch nie bisher eine Stadt mit mehreren hunderttausend Einwohnern von großflächigen Bränden bedroht.
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