Großbrände in Spanien: Spaniens ländliche Idylle wird zur schwarzen Wüste
Nur eine Autostunde westlich von Madrid verwüsten Großbrände Erholungsgebiete mit Wäldern und Seen. Sobald der Wind dreht, sind neue Dörfer gefährdet.
Foto: Manu Fernandez/ap
Pico Casillas, der Berg mit seinen 1.768 Metern, auf dem ich immer wieder saß und die Blicke in die Ferne schweifen ließ – abgebrannt. Der jahrhundertealte Kastanienhain am Fuß des Berges, im Tal Richtung El Tiemblo – abgebrannt. Das Tal von Iruelas, ein Naturschutzpark mit Laubwäldern und einem kleinen Bach, Heimat einer der wichtigsten Geierkolonien Spaniens – abgebrannt. Häuser entlang des Stausees Burguillo – abgebrannt. Die beiden Campingplätze, einer im Tal von Iruelas, der andere gegenüber direkt am Wasser – abgebrannt. Nur ein paar Stangen von Vorzelten und ein paar Blechdächer der Mobilehomes zeugen dort vom einstigen Ferien- und Wochenendparadies.
Hier, eine Autostunde westlich der spanischen Hauptstadt, wo sich am Rio Alberche die beiden Gebirgszüge Sierra de Guadarrama – volkstümlich Sierra de Madrid genannt – und Gredos die Hand reichen, liegt das Epizentrum der größten Brandkatastrophe, die die bewaldete bergige Gegend zwischen den Provinzen Madrid, Avila und Toledo bisher gesehen hat.
Über 40.000 Hektar sind verbrannt, die Hälfte davon Wald. Natur und Viehzucht sind einer schwarzen staubigen Wüste gewichen. 90.000 Menschen wurden evakuiert.
Die Videos, die der Pächter der beiden Campingplätze im Netz veröffentlicht hat, gingen durchs Fernsehen. Auf einer Aufnahme ist zu sehen, was für elf Jahre unser zweites Zuhause war: ein Blechdach, das Gehäuse der Klimaanlage, ein verkohlter Holzpfosten, ein Grill und drei Gasflaschen. „Wir sind am Boden zerstört“, schreibt uns die junge Familie, die unser Häuschen voller Begeisterung für das Leben am See übernommen hatte.
Starke Winde fachen die Flammen an
Am Sonntag kämpften die Einsatzkräfte noch immer, um das Feuer an allen Flanken einzudämmen. Starke Winde machen dies immer wieder unmöglich. Sobald der Wind dreht, nehmen die Flammen Dörfer ins Visier, die bisher als sicher galten. Selbst 30 Kilometer entfernt, dort, wo wir jetzt wohnen, fühlen sich die Menschen nicht wirklich sicher, denn das Feuer hat in den vergangenen Tagen Dutzende Kilometer zurückgelegt. An einer Stelle drei Kilometer in nur 40 Minuten.
Es hat viel geregnet im Winter und im Frühjahr. Die Vegetation wuchs schnell und üppig. Seither ist es trocken, viel zu trocken. Ein Funke reicht, damit ein Brand entsteht, der schon kurz darauf völlig unkontrollierbar ist. So etwa am Oberlauf der Río Alberche, am beliebten Urlaubsörtchen Burgohondo mit seinen alten Gebäuden und einer Steinbrücke über den Fluss.
Hier entstand einer der drei Hauptbrände, die sich mittlerweile fast zu einem zusammengetan haben. Trotz striktem Verbot arbeitete ein mittlerweile inhaftierter junger Mann mit einer schweren Landmaschine und schlug Funken. Das Tal stand blitzschnell in Flammen.
Im Ort heißt es, der Arbeiter sei als Leugner des Klimawandels bekannt und Sympathisant der rechtsextremen VOX. Das würde nicht wundern. Denn bei einem anderen Großbrand in Zentralspanien war es ein VOX-Bürgermeister, der sich über das Ernteverbot mit Mähdreschern hinwegsetzte. Ein Funke – und zurück blieben 32.000 Hektar verbrannte Berge und Wiesen. Das Feuer ist auch zwei Wochen danach noch nicht erloschen.
35 Kilometer weiter östlich, den Fluss hinab, in San Martín de Valdeiglesias in der Provinz Madrid, geriet kurz vor dem Ortseingang ein Auto in Brand. Polizisten am Kreisverkehr und die Feuerwehr kamen schnell, aber nicht schnell genug. Die Flammen in der Vegetation schlugen bereits meterhoch. Das Feuer breitete sich mit großer Geschwindigkeit aus.
20 Kilometer weiter südlich in Almorox, in der Provinz Toledo, brannte es da bereits und erste Wohngebiete, idyllisch im Wald gelegen, meist in Besitz von naturbegeisterten Hauptstädtern, mussten schon evakuiert werden. Die Polizei sucht noch nach der Brandursache.
Während der Pandemie zogen viele Hauptstädter hinaus
Das Grenzgebiet zwischen den Provinzen Madrid, Avila und Toledo ist seit jeher eng mit Madrid verbunden. So mancher zog von hier aus der Suche nach Arbeit in die Hauptstadt, ohne die Bande mit „meinem Dorf“ ganz abreßsen zu lassen. In den letzten Jahrzehnten wurde die Gegend umgekehrt auch bei den Hauptstädtern immer beliebter.
Berge, Wälder unterbrochen von Weiden mit alten Bäumen laden zum Wandern und Biken; mehrere Stauseen entlang des Rio Alberche zum Baden und Wassersport, oder einfach nur zum Ausruhen. Es ist ein Stück ländliche Idylle in unmittelbarer Nähe zum Moloch Madrid mit seinen dicht bevölkerten Vororten.
So mancher, der als „Dominguero“ – Wochenendausflügler – kam, kaufte sich etwas und blieb. Viele zogen nach der Covid-Pandemie endgültig um. Und wer nach Madrid muss, hat guten Anschluss an die Hauptstadt.
Es ist flächenmäßig nicht die größte Brandkatastrophe, die Spanien bisher gesehen hat. Aber es betrifft eine Gegend mit viel mehr Menschen. Es sind vor allem Häuser bedroht, die in den letzten Jahrzehnten außerhalb der Ortschaften inmitten von Pinienhainen entstanden. Sie sind bei solchen Großbränden nur schwer zu schützen.
Die Rettungskräfte arbeiten koordiniert durch die Zentralregierung, die den nationalen Notstand ausgerufen hat – zum ersten Mal bei einem Waldbrand. Ihr Ziel: Das Feuer eindämmen und vor allem verhindern, dass es sich ausbreitet – etwa in Richtung Weltkulturerbe El Escorial oder gar gen Süd-Osten, in die ersten Vororte Madrids.
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