piwik no script img

Wahlkampfauftakt in BerlinManfred, Melek und die Putzfrau

Die Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp, gibt sich bei ihrem Wahlkampfauftakt kämpferisch. Überrascht aber auch nicht.

Elif Eralp vor Hochhauskulisse am Anton-Saefkow-Platz. Daneben das noch verhüllte Plakat Foto: dpa

Der Anton-Saefkow-Platz ist eine in Stein gemeißelte Anlage umgeben von Plattenhochhäusern. Mehrere Tausend Menschen leben in der Anfang der 1970er Jahre gebauten ersten Großwohnsiedlung der DDR in Lichtenberg. Es gibt viele Geschäfte und Restaurants und einen sprudelnden Brunnen, aber kaum schattenspendendes Grün.

Viel los ist an diesem sonnigen Freitagvormittag nicht, als die Linke auf dem Platz zum Wahlkampfauftakt bläst. Die Spitzenkandidatin Elif Eralp steht auf einer Bühne, hinter ihr rund 30 Genossinnen und Genossen, die für das Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen kandidieren. In den Händen halten sie Schilder mit den zentralen Botschaften der Linken in diesem Wahlkampf: Mietabzocke stoppen. Bus- und Bahnpreise runter. Müllchaos beenden.

Winzig klein wirken Eralp, weißes T-Shirt schwarze Hose, und ihre Truppe vor der Hochhauskulisse. Aber die Lautsprecheranlage macht das wett. „Gerade für Leute, die nicht mit dem goldenen Löffel geboren sind, trete ich an als Regierende Bürgermeisterin“, schallt ihre Stimme über den Platz.

Bei den kleinen Leuten will Eralp punkten, mit reichlich Pathos macht sie das klar: Sie redet von Manfred, der sich seine Wohnung nicht mehr leisten kann. Von Melek oder Mehmet, der keine Wohnung für sich und seine vier Kinder findet. Von der Reinigungsfrau, die 1.400 Quadratmeter alleine putzt, deren Verdienst aber vorne und hinten nicht reicht. „Das alles ist kein Naturgesetz, sondern organisierte Ungerechtigkeit“, ruft Eralp, unterstrichen vom Applaus der hinter ihr auf der Bühne Stehenden.

Wegner wird aufs Korn genommen

Die Rede dauert nicht lange. Eralp kommt schnell zum Punkt. Der CDU-SPD-Senat habe Berlin „die Seele ausgetrieben“ durch Kürzungen und Sparen. Diese Seele wolle sie wieder stärken durch bezahlbares Wohnen, bezahlbaren Nahverkehr und eine saubere Stadt. Applaus von hinten.

Dann nimmt die Kandidatin der Linken für das Bürgermeisteramt den Regierenden persönlich aufs Korn. „Statt Tennis zu spielen und Unwahrheiten zu erzählen, hätte Wegner bei den frierenden Menschen sein müssen.“ Auch für die Einführung der Vermögensteuer setze sich Wegner nicht ein, obwohl das dem Land Berlin 5 Millionen Euro für die Daseinsvorsorge bringen würde.

„Es wird Zeit, dass sich der Wind dreht“, hallt es über den Platz, der noch so leer ist wie zu Beginn der Show. Ein älterer Mann sitzt mit vor dem Bauch verschränkten Armen am Springbrunnen. Eine 96-Jährige im Rollstuhl – die sich später auf Nachfrage als Genossin seit 1945 und frühere Redakteurin des Berliner Rundfunks outet –verfolgt den Auftritt sichtlich angetan. „Meine Stimme hat sie!“

„Sie“ bemüht auf der Bühne derweil Rosa Luxemburg, besser gesagt ein Zitat dieser, von dem aber nur der letzte Satz hängen bleibt: „Heiter sein, trotz allem.“ Das lässt sich unterschreiben. Zum Schluss wird die Spitzenkandidatin richtig kämpferisch. „Berlin kann eine rote Metropole werden. Berlin ist widerständig“, ruft sie und kündigt an, dass nun der große Moment gekommen ist.

Untermalt von einem Song des Rappers Apsilon geht Eralp zu einer Wand neben der Bühne und zieht gaaaanz langsam den roten Vorhang zur Seite. Zum Vorschein kommt ein großes Plakat: „Berlin bezahlbar machen. Die Linke.“ Brav und bieder, von wegen heiter und widerständig. Was für eine Ernüchterung.

Nur noch 430 – dann sind wir 50.000

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 430 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!