Popkultur im Wahlkampf: Pop oder Flop
Ikkimel mobilisiert für die Linke, Zahide für die SPD. Der Wahlkampf findet längst nicht mehr nur auf der Straße statt, sondern auch auf Tiktok.
Der Westberliner Rapper Fler findet Ikkimel „hässlich, frech und untalentiert“, ein Instagram-User erklärt sie zum Symbol für „so ziemlich alles, was in diesem Land schiefläuft“. Die Berliner Linke dagegen feiert die Tempelhofer Rapperin als popkulturellen Stimmungsmotor. Mit ihrem Auftritt beim Parteifest auf dem Mariannenplatz zog sie am 1. Mai Tausende Jugendliche an.
Ikkimel, bürgerlich Melina Gaby Strauß, steht für Feminismus, für antikonservative Rollenbilder, für Provokation als politisches Mittel. Sie singt: „Ich steh auf blaue Flecken, außer auf der Wahlkarte“ oder „Schnauze halten, Leine an, Schatz, jetzt sind die Weiber dran“. Ihre Konzertkonzepte sind inklusiv, es gibt gesonderte Ruhebereiche für Schwangere und neurodivergente Besucher*innen. Einen geplanten Auftritt in den USA sagte die 29-Jährige im März aufgrund des Irankriegs ab. „Ich bin generell gegen Krieg“, erklärte sie.
Die Vorzeigelinke erreicht auf Instagram und Tiktok knapp eine halbe Million Follower. Sich diese Reichweite zu Wahlkampfzwecken zunutze zu machen, liegt auf der Hand. Für einen Instagram-Post mit Ikkimel und Elif Eralp, der Linken-Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September, erntete der Landesverband der Partei 28.000 Likes. Ein Video, das Ikkimel wenige Tage später mit Bundestagsfraktionschefin Heidi Reichinnek postete, bekam eine halbe Million Likes.
Popkulturelle Akteure spielen im Wahlkampf seit jeher eine Rolle. In den USA positionieren sich regelmäßig Stars wie Billie Eilish, Beyoncé und Taylor Swift, zuletzt zugunsten von Kamala Harris. Auch hierzulande hat die Pop-Politik-Achse Tradition: Die Grünen knüpften auf ihrem Parteitag im Dezember 2024 in Anlehnung an ein Fanritual von Taylor Swift „Swiftie-Armbändchen“. Gerhard Schröder pflegte seine Freundschaft zu Scorpions-Sänger Klaus Meine, die Band BAP trat bei Veranstaltungen von Schröder oder Joschka Fischer auf. Die neue Riege, die es von der Straße in das Abgeordnetenhaus geschafft hat, heißt: Ikkimel, Zahide, Apsilon.
Entertainment statt politischer Inhalte
Vergangene Woche veröffentlichte etwa Raed Saleh, der Berliner SPD-Fraktionschef, ein Instagram-Video mit der Kreuzberger Rapperin und Tänzerin Zahide Kayaci. Bei der „Entweder-oder“-Challenge im Abgeordnetenhaus beantworteten er und die 15-Jährige Fragen wie: „Frühaufsteher oder Langschläfer?“, „Wahlalter ab 16: Ja oder Nein?“ oder „Lieber ein Jahr ohne Musik oder ohne Internet?“
Die sozialen Medien haben die Grenzen zwischen Popkultur und Politik weiter verschoben und den Wahlkampf revolutioniert. Der Fokus hat sich verlagert von politischen Inhalten hin zu bürgernahem Content und Entertainmentwert. Die Parteien haben verstanden: Wer die Gen Z erreichen will, muss ihre Sprache sprechen. Grünen-Spitzenkandidatin Bettina Jarasch schreibt etwa auf Instagram im Jugendslang „Rede Schwester“ oder greift Tiktok-Trends auf: „on a quest to find the Klimapolitik der CDU“. Linken-Politikerin Reichinnek postet „Reality Check für Jens Spahn“ und kooperiert mit Lifestyle-Influencerinnen, wie Ronja Jelena Filiz.
Zahide und Ikkimel sind Stimmen ihrer Generation: Erstere zählt zu den reichweitenstärksten Influencerinnen Deutschlands, letztere führt mit ihrem neuen Album die offiziellen Deutschen Charts an. Doch Kooperation ist nicht gleich Überzeugung. Während Ikkimel erkennbar hinter der Linksfraktion steht, drängt sich bei Zahide Kayaci der Verdacht auf, dass eine weitgehend unpolitische Teenagerin instrumentalisiert wird, um eine Generation Tiktok anzusprechen.
Kayacis öffentliches Image ist konsequent unpolitisch. Die Bambi-Preisträgerin rappt über Gucci-Gürtel, Ferragamo-Tracksuits, Ferraris und das Leben zwischen Kreuzberg und Dubai. Bei der Abgeordnetenhauswahl wird sie zwar immer noch minderjährig, aber 16 Jahre alt sein und somit wahlberechtigt – das Landesparlament hat Ende 2023 das Wahlalter von 18 auf 16 Jahre gesenkt.
Wahlberechtigt sind dadurch noch mehr ihrer 8 Millionen Tiktok-Follower – und auf die kommt es an. Von den Berliner*innen zwischen 16 und 29 Jahren konsumieren 69 Prozent täglich TikTok. Studien belegen, dass Online-Partizipation die Wahlbeteiligung der Gen-Z um mehr als das Vierfache steigern kann.
Gezielte Desinformationskampagnen
Die Kehrseite: Politische Inhalte werden in den sozialen Medien gezielt manipuliert, Desinformationskampagnen nehmen zu. Auf Tiktok kursieren zum Beispiel Fake Videos von Zahide mit vermeintlichen AfD-Fans. Die Originalaufnahme stammt von einem Schulbesuch in Mitte Anfang April 2025 anlässlich des Zuckerfests. Hunderte Kinder empfingen die Rapperin kreischend.
Im gefälschten Video wurde der Jubel durch einen KI-generierten Stimmchor ersetzt: „AfD!“, skandieren die Schüler*innen, „Abschieben!“, und „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“. Die muslimische Rapperin lacht und formt ein Herz in Richtung ihrer Fans. Unter dem Video steht: „Kinder feiern mit Zahide zusammen die AfD.“
Auch andere popkulturelle Akteure werden wider Willen gefeiert. So etwa der türkischstämmige Moabiter Rapper Apsilon, der in seinen Texten Rassismus, Rechtsruck und soziale Ungleichheit thematisiert. In einem Track rappt er: „Bitte sag mal Vizekanzler, warum folgst du mir auf Insta? Halt mal lieber bisschen Abstand, ich will nichts mit denen zu tun haben, die das Land hier an die Wand fahren.“
Linken-Parteivorsitzende Ines Schwerdtner griff diese Zeilen vergangene Woche in einer Bundestagsrede auf und konfrontierte den SPD-Chef damit. Das Video ging viral. Glimpflich für die SPD, dass es sich nicht um einen Berliner Landespolitiker handelte. Wer weiß, wie sich das auf die Wahl im September ausgewirkt hätte.
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