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Vorwahlstimmung in IsraelJonathan Pollard ist der rechte Mann zur rechten Stunde

Der Ex-Spion aus Texas will für die Knesset in Jerusalem kandidieren. Und im Falle seiner Wahl erstmal im Gazastreifen Ordnung schaffen.

Unvergessen: Der ehemaligen Spion Jonathan Pollard wurde schon 2016 auf einem Wandbild in Jerusalem verewigt Foto: Abir Sultan/picture alliance

W as denn, Sie erinnern sich nicht? Jonathan Pollard – das ist doch dieser Geheimdienstanalyst der US-Marine, der eines Tages irgendwann in den 1980ern mit einer Aktenmappe am Tor der israelischen Botschaft in Washington klingelte und um Einlass bat. Zugegeben – das ist schon eine ganze Weile her. Jede Menge geheimer Akten hatte er dabei, und die bot er den Israelis zur freien Verfügung an. Aus reinem Patriotismus und aus Vaterlandsliebe, versteht sich. Wobei – Vaterland? War das nicht Amerika?

Pollard wollte ein Held sein, ein echter Spion. Und das war er. Die israelischen Diplomaten waren einigermaßen überrascht, als der unerwartete Gast seine Mappe auspackte. Meinten dann aber vermutlich so was wie: Lass kommen. Und Pollard ließ kommen. Für Israels Sicherheit. Und für sein Bankkonto.

Nur dumm, dass die Sache nicht lange gut lief und der selbst ernannte James Bond kurzerhand in den USA hinter Gittern landete. Für 30 lange Jahre. Rückendeckung von seinem Wunschvaterland Israel kam auch erstmal nicht. Die Sache war Jerusalem eher peinlich. Spionage beim engsten Verbündeten? Da hält man besser den Ball flach.

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Doch inzwischen ist Pollard Israeli in Israel und unternimmt einen zweiten Versuch, sein Vaterland zu retten. Diesmal vor der eigenen aktuellen Regierung, allen voran Ministerpräsident Netanjahu, der offensichtlich überfordert ist. Deshalb wird er, Pollard, bei den Parlamentswahlen im Herbst kandidieren, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Halleluja. Das Land braucht Helden dringender denn je. Pollard ist zweifellos der richtige. Sind ja sonst weit und breit keine Patrioten in Sicht. Dass er kaum Hebräisch spricht, macht nichts, dafür gibt es KI, und die übersetzt seine Reden vor der Knesset per Knopfdruck in real time.

Wenn Pollard die Zügel in die Hand bekommt, wird als Erstes im Gazastreifen aufgeräumt. Und zwar per Transfer der palästinensischen Bevölkerung. Äh – Moment mal. Die Idee hatte doch schon dieser Typ mit dem sonnenverbrannten Gesicht und der Windfrisur aus Übersee. Die Beziehungen zu den USA sind noch ein Grund, warum Pollard ins Kabinett gehört, wäre da nicht diese Spionageaffäre. Donald Trump wird sie ihm schon nachsehen. Schließlich sprechen beide die gleiche Sprache.

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Susanne Knaul
Redakteurin Meinung
1961 in Berlin geboren und seit 2020 Redakteurin der Meinungsredaktion. Von 1999 bis 2019 taz-Nahostkorrespondentin in Israel und Palästina.
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1 Kommentar

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  • Das Lachen über die Ironie des Artikels bleibt mir beim Thema Gaza und ethnische " Säuberung" oder Vertreibung im Hals stecken.