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Vorwahlkampf in NigeriaEin Land im Griff der „Generation Gestern“

Nigerias Wahlen 2027 rücken näher. Alle Favoriten für das Präsidentenamt sind im Rentenalter, aber die Bevölkerung ist mehrheitlich jung.

Mohammed Hayatu-Deen, nigerianischer Präsidentschaftskandidat, im Wahlkampf Foto: Okoro Chinedu

Aus Lagos

Okoro Chinedu

In diesen Wochen entscheidet sich Nigerias politische Zukunft. Mehrere Oppositionsparteien sind dabei, zu klären, wer bei den nächsten Präsidentschaftswahlen im Januar 2027 gegen Amtsinhaber Bola Tinubu antreten darf.

Der 74-jährige Tinubu, der 2023 für den regierenden APC (All Progressives Congress) gewählt wurde, plant eine Kandidatur zu einer zweiten und letzten vierjährigen Amtszeit. Aber die mangelnden Fortschritte im Kampf gegen islamistische Rebellen, die seit zwanzig Jahren die muslimisch dominierte Nordhälfte Nigerias verwüsten und mittlerweile Tausende Menschen gegen Lösegeld entführt haben, trüben seine Bilanz.

Zu den Entführungsopfern gehören Schulkinder, christliche Pastoren sowie Soldaten. Für diese sowie Personen mit Verbindungen zu Ministerien und dem Staat zahlt die Regierung Lösegeld – was der Kritik Vorschub leistet, dass die Regierung Tinubu die islamistischen Terrorgruppen gleichzeitig bekämpft und finanziert.

Ende 2025 und erneut in diesem Jahr griff die US-Luftwaffe in Nigeria ein, um mutmaßliche islamistische Stützpunkte zu bombardieren. Für Tinubu ist das eine Erniedrigung, denn eigentlich hat Nigeria den größten Militärhaushalt in ganz Afrika südlich der Sahara, aktuell rund 5 Milliarden US-Dollar.

Tinubus Hauptgegner hat schon sechs Wahlen verloren

Bei den Wahlen 2023 hatte Tinubu die absolute Mehrheit des APC bereits eingebüßt, er regiert in einer Koalition. Die APC errang nur 176 der 360 Sitze im Unterhaus des Parlaments, und bei der Präsidentschaftswahl siegte Tinubu mit nur 36,6 Prozent. Die oppositionelle PDP (People’s Democratic Party), die Nigeria nach Ende der Militärherrschaft 1999 bis 2015 regiert hatte, kam mit ihrem Präsidentschaftskandidaten Atiku Abubakar auf 29,1 Prozent.

Abubakar will 2027 ein siebtes Mal antreten – diesmal als Kandidat der oppositionellen ADC (African Democratic Congress). Die Kleinpartei unter Führung des ersten Präsidenten Nigerias nach der Demokratisierung, Olusegun Obasanjo, bastelte ursprünglich an einem Wahlbündnis zwischen Abubakar und dem Überraschungsdritten der Wahlen von 2023, Peter Obi von der linken LP (Labour Party), um Tinubu an der Wahlurne zu besiegen.

Aber Abubakar wird im November 80, und ihn in einem Land mit einem Durchschnittsalter von 18 nach lauter Wahlniederlagen erneut als Hauptoppositionskandidaten aufzustellen, stieß auf Widerwillen. Peter Obi zog sich Anfang Mai aus dem ADC zurück und will nun doch selbst antreten, für die ADC-Abspaltung NDC (Nigeria Democratic Congress) auf einem gemeinsamen Ticket mit dem Viertplatzierten der Wahlen von 2023, Rabiu Kwankwaso. Sie sind jeweils 64 und 69 und damit jünger als der amtierende Präsident, nicht älter wie Abubakar, und sie vertreten unterschiedliche Regionen.

Die Spaltung der Opposition könnte Tinubu helfen, als Erstplatzierter aus den Wahlen hervorzugehen und damit wiedergewählt zu werden. Es könnte aber auch insgesamt die Opposition stärker werden und Tinubu in eine erneute Koalition zwingen.

Schwieriger Ausgleich zwischen den Bevölkerungsgruppen

Koalitionen in Nigeria sind notorisch instabil, weil sie einerseits einen Machtausgleich zwischen Politikern darstellen, andererseits aber einen Ausgleich zwischen Bevölkerungsgruppen widerspiegeln sollen. Nigeria mit rund 240 Millionen Einwohnern ist gespalten zwischen Muslimen und Christen, Letztere sind wiederum in Katholiken und Protestanten gespalten. Quer zu dieser Spaltung prägt die Aufteilung der Bevölkerung in Sprachen und Ethnien das Land.

Die vier großen Sprachgruppen Yoruba, Hausa, Fulani und Igbo beanspruchen alle eine Stimme in der Staatsführung – wenn nicht, regen sich separatistische Tendenzen wie im blutigen Bürgerkrieg von 1967 bis 1970, als Igbo-Generäle den eigenen Staat Biafra gründeten, der mit Krieg und Aushungern niedergekämpft wurde – bis heute ein Trauma. Im Südosten des Landes nimmt aktuell die Unterstützung für ein „Biafra zwei“ wieder zu, je mehr unter der jungen Generation die Erinnerung an den Krieg verblasst.

Nigeria wird eine kluge Führung brauchen, um den Zusammenhalt zu wahren. Unter Präsident Tinubu hat das Land aber nicht nur eine Zunahme von Gewalt erlebt, sondern es verschlechtern sich auch die Lebensbedingungen der Bevölkerung insgesamt.

Die Treibstoffpreise haben sich nach der Beendigung eines Subventionssystems zweimal verdoppelt, was zu Unruhen geführt hat. Mangels verarbeitender Industrie werden fast alle Konsumgüter importiert, und die gestiegenen Transportpreise zusammen mit einem Verfall der Landeswährung haben eine Inflationsspirale in Gang gesetzt, die weite Bevölkerungsteile in Verschuldung und Armut gestürzt hat. Sogar Grundnahrungsmittel sind für viele Menschen kaum noch erschwinglich.

Ein junger Geschäftsmann mit Ronald Reagan als Vorbild

Der sich abzeichnende Wahlkampf zwischen Tinubu, Abubakar, Obi und Kwankwaso wird vor diesem Hintergrund oft als „Kampf der Gestrigen“ (Battle of the Has-Beens) bezeichnet. Sie alle sind im Rentenalter und machen seit Jahrzehnten Politik. Derweil wird das Leben auf der Straße immer schwieriger und die Kriege nehmen kein Ende.

Bei den Wahlen 2023 galt Peter Obi als frische Kraft, die die verkrustete Politik aufbrechen könnte, und erhielt immerhin 25,4 Prozent der Stimmen. Vor den Wahlen 2027 macht nun als neue Stimme Mohammed Hayatu-Deen von sich reden – ein Geschäftsmann, dem die zwei größten Shoppingmalls in Nigeria gehören und der jetzt Abubakar um die Spitzenkandidatur beim ADC herausfordert.

Der an der US-Universität Harvard ausgebildete 72-Jährige zitiert gern den ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan mit seinem Satz, die Regierung sei das Problem und nicht die Lösung. Terror, Geiselnahmen, Banditentum und Kriminalität will er mit Schnellgerichten ausmerzen und sieht Nigerias Sicherheitsprobleme ansonsten in erster Linie als ökonomisches Problem, dem man nicht nur militärisch beikommen kann. Damit zielt er auf die Jugend.

„Es gibt keinen Plan für die junge Bevölkerung“, sagt er. „Und wenn wir jetzt zu wenige Arbeitsplätze haben, wie wird es in zehn oder zwanzig Jahren aussehen?“ Er verweist darauf, dass viele Nigerianer erfolgreiche Unternehmer in Großbritannien oder den USA geworden sind, aber in der Heimat gelingt ihnen das nicht. „Warum? Weil unsere Bürokratie Unternehmertum knebelt.“

Im Kontrast zu den „Gestrigen“ könnten sich viele Nigerianer für ein frisches Gesicht erwärmen. Aber auch Hayatu-Deen ist nicht jung, er ist höchstens relativ neu in der Politik und bringt Erfahrungen aus dem wirklichen Leben ein.

Doch der Respekt vor dem Alter ist in Nigeria nach wie wichtig, und dass Atiku Abubakar nun zum siebten Mal Präsident werden will und nicht lockerlässt, bringt ihm auch Anerkennung ein. Obi und Kwankwaso wiederum haben eine starke Basis in ihren jeweiligen Heimatregionen, aber noch keine Botschaft für das ganze Land. Und Präsident Tinubu hat einen Heimvorteil, denn ihm stehen die Ressourcen des Staates zur Verfügung.

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