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Vor dem Finale von GNTMAuch als Feministin kann man „Germany’s Next Topmodel“ lieben

Die Show bietet vor allem Frauen, trans Menschen und Gays eine Chance, der Durchschnittsmann spielt nur eine Nebenrolle. Gut so, sagt unsere Autorin.

Foto: One Entertainment Group GmbH

E inmal im Jahr wird bei „Germany’s Next Topmodel“ blondiert, bis die Kopfhaut brennt, geschnitten, bis die Tränen kullern, die Haarverlängerung verklebt, bis die Augen strahlen. Beim legendären Umstyling nötigt Heidi Klum „ihre Models“ zu – mal mehr, mal weniger grausamen – Frisuren. Jahr für Jahr ist diese Folge ein Highlight der Sendung. Für die Teilnehmer:innen, für das Internet, für mich. Die Kandidat:innen bekommen einen neuen Look. Und ich ein Höchstmaß an Unterhaltung.

„Germany’s Next Topmodel“, kurz: GNTM, ist mein guilty pleasure. Die Sendung, die verhasst ist, weil sie Generationen von jungen Menschen unter Druck gesetzt hat, genauso glatt und schlank zu sein wie ein Victoria’s Secret Angel. Dass Frauen seit jeher in unrealistische Körperbilder gepresst werden, macht mich wütend. Trotzdem will ich mich nicht schämen, dass ich seit fast 21 Staffeln jeden Donnerstag einschalte. Im Gegenteil. Ich finde: Auch als Feministin kann man die Show guten Gewissens lieben.

Ja, GNTM kapitalisiert Menschen und ihr Aussehen. Dass Frauen lange Zeit dünn, weiß und normschön sein sollten, ist aber kein GNTM-Problem, sondern ein gesamtgesellschaftliches. Ich finde es unfair, Heidi Klum ständig einen chronischen Schönheitswahn vorzuwerfen, während der Rest der (Medien-)Welt lange Zeit keinen Schritt weiter war.

Was GNTM der Reality-Konkurrenz aber mittlerweile voraus hat: Die Sendung handelt Ideale zumindest aus, statt sie stillschweigend zu reproduzieren. Heute sehe ich auch Teilnehmer:innen mit Bierbauch, Haarausfall, ohne Gehör, fernab einer vermeintlichen Perfektion. Im Mittelpunkt stehen bei GNTM vor allem Frauen, Gays, trans Menschen, die reisen, Geld verdienen, Karriere machen. Der Durchschnittsmann spielt hier endlich mal nur die Nebenrolle. Klar, Diversity ist auch eine Vermarktungsstrategie. Aber für mich gibt es Schlimmeres als Sichtbarkeit aus kommerziellem Kalkül – nämlich gar keine.

Längst ist GNTM kein Model-Wettbewerb mehr, sondern eine Influencer:innen-Akademie

Die Möglichmacherin

Und dann ist da auch noch Heidi Klum selbst. Eine Frau, die einst „zu dick“ für den Modelmarkt in Deutschland war und sich über Umwege zu einer globalen Marke gemacht hat – in einer Branche, in der Frauen traditionell vermarktet werden, statt selber zu vermarkten. Man muss Klum nicht mögen. Man kann sie albern finden, ihre Moderationsweise übergriffig, ihr Lächeln aufgesetzt. Aber man kann nicht verkennen, dass sie seit zwanzig Jahren die Öffentlichkeit prägt. Und Möglichkeiten eröffnet.

Längst ist GNTM kein Model-Wettbewerb mehr, sondern eine Influencer:innen-Akademie. Die Kunden dieser Staffel: Ebay und McDonald’s statt Vogue und Versace. Das finde ich zwar cringe, aber wenigstens ehrlich. Die Sendung will keine Supermodels hervorbringen, sondern Werbegesichter. Spätestens als die Teilnehmer:innen dieser Staffel sich bei einer Pressekonferenz einer Reihe von Boulevardmedien stellen mussten, war klar: Wer die krasseste Story erzählt, hat gewonnen – zumindest einen Zeitungsartikel.

Es geht offensichtlich um das Kapital medial tauglicher Persönlichkeiten. Und von denen hat GNTM einige hervorgebracht. Stefanie Giesinger führt mehrere Unternehmen und arbeitet als internationales Model. Rebecca Mir ist als Moderatorin der Sendung „taff“ durchgestartet. Und Lena Gercke war als Model und Unternehmerin auf dem Cover des Wirtschaftsmagazins Forbes.

Viele ehemalige Kandidat:innen sind heute erfolgreiche Influencer:innen. Dabei handelt es sich überwiegend um Frauen, trans Menschen, Gays, die die Chancen genutzt haben, die GNTM bietet: Aufmerksamkeit, Reichweite, Erfahrungen mit Öffentlichkeit.

Von Heidi zu Harpers

Dass die Sendung vor allem ein Vermarktungs-Sprungbrett ist, zeigt diese Staffel unverblümt. Am 28. Mai wird das Finale nicht in Köln, Mannheim oder Berlin ausgetragen, sondern in Hollywood itself. Zwei Teilnehmer:innen werden zu Gewinner:innen gekürt und gewinnen jeweils 100.000 Euro sowie ein Coverfoto auf der deutschen Ausgabe von Harper’s Bazaar.

Ich werde zuschauen, wie die Finalist:innen in überdrehten Kostümen über den Laufsteg schweben und Heidi Klum Wangenküsschen an ihre prominenten Gäste verteilt. Und mich dabei guten Gewissens verdammt entertaint fühlen.

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