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Spielfilm „Bitteres Fest“Von sich selbst in der dritten Person sprechen

Der spanische Regisseur Pedro Almodóvar spielt mit seinem neuen Film „Bitteres Fest“ das Regisseur-erzählt-von-Regisseur-Modell auf drei Ebenen durch.

Wie ein Filmemacher ein Drehbuch darüber schreibt, wie eine Filmemacherin ein Drehbuch schreibt: Davon handelt der neue Film von Pedro Almodóvar. Film-im-Film sagt man dazu üblicherweise, aber in „Bitteres Fest“ nehmen die Spiegelungen zwischen Kunst und Leben, Fiktion und Wahrheit eher schon matrjoschkahafte Züge an. Fast zu gut ist der fiktive Filmemacher Raúl (Leonardo Sbaraglia) als Alter Ego von Almodóvar selbst erkennbar, womit wir eine dritte Ebene hätten: Ein Regisseur inszeniert eine Geschichte, in der ein Regisseur sich eine Geschichte darüber ausdenkt, dass eine Regisseurin über Dinge schreibt, die ihren Freundinnen widerfahren sind.

„Bitteres Fest“ ist nicht der erste Film, in dem der mittlerweile 76-jährige spanische Regiemeister von sich selbst erzählt. Vor sieben Jahren gelang ihm mit „Leid und Herrlichkeit“ („Pain and Glory“) ein berührendes Porträt des Alterns, das auf recht persönliche Weise von Freundschaft, Fragilität und Reue handelte. Vertreten ließ sich Almodóvar darin durch keinen Geringeren als Antonio Banderas, der für seinen Auftritt zahlreiche Preise gewann, darunter in Cannes eine Palme als bester Darsteller.

Solche Erfolge blieben im Fall von „Bitteres Fest“, der nun ebenfalls von den Hürden für Kreativität im Alter erzählt, bislang aus. Sowohl beim Filmstart in Spanien als auch bei der internationalen Premiere in Cannes waren die Reaktionen eher verhalten. Der Film kommt weniger extravagant, weniger melodramatisch daher, als man es von Almodóvar gewöhnt ist.

Der Film

„Bitteres Fest“. Regie: Pedro Almodóvar. Mit Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia u.a. Spanien 2026, 111 Min.

Gleichzeitig sind da immer noch die exakt gerahmten Bilder und vor allem der Umgang mit Farben, an dem man den „typischen Almodóvar“ erkennt: die elaborierten Kompositionen von Pullovern und Interieurs mit ihren flächigen Rot-Grün-Blau-Tönen, das Spiel mit Flächen und auffälligen Mustern im Kontrast dazu, das immer wieder für visuelle Überraschungen sorgt. Und nirgendwo kommt dieser Sinn für Farbgebung so gut zur Geltung wie bei Aufnahmen mit dem schwarzen Sand der Insel Lanzarote, den Almodóvar schon in „Zerrissene Umarmungen“ (2009) so wirkungsvoll inszenierte.

Mit dem Schicksal seiner Freunde spielen?

Die gefällige Oberfläche und das gemächliche, redelastige Erzähltempo von „Bitteres Fest“ verführen dazu, den Film zu unterschätzen. Aber wer genauer hinsieht und zuhört, entdeckt eine ungewöhnlich vertrackte Geschichte über die Wechselwirkung zwischen Fiktion und Wahrheit.

Almodóvar als Autor stellt sich recht unbequemen Fragen wie etwa: Spielt man als Autor mit dem Schicksal seiner Freunde? Erlaubt man sich Urteile, die man im wahren Leben aus Rücksicht nie aussprechen würde? Ist man ein Vampir, der die Erfahrung anderer aussaugt? Oder ist das Verwerten auch intimer Details aus dem Bekanntenkreis völlig legitim und sogar Bedingung für künstlerische Freiheit?

„Autofiktion“ fungiert in diesem Kontext oft als neues Zauberwort. Sei es in der Literatur, auf dem Theater oder im Film, steigert es anscheinend die Anziehungskraft einer Erzählung, weil damit signalisiert wird, dass etwas eben nicht einfach nur „erfunden“ ist. Dabei wird geschickt in der Schwebe gehalten, wo nun genau die Grenze zwischen wahr und fiktiv verläuft.

Wenn der Filmemacher Raúl, in „Bitteres Fest“ besagtes Alter Ego des spanischen Kultregisseurs, „Autofiktion“ ruft, klingt es bezeichnenderweise eher wie eine Ausrede, sogar wie eine Entschuldigung. Denn Raúls Assistentin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) hat ihm gerade vorgeworfen, auf unlautere Weise Dinge aus ihrem Privatleben in seinem neuesten Drehbuch benutzt zu haben. Mit Mónica verbindet Raúl mehr als nur eine Arbeitsbeziehung, sie ist Freundin und Vertraute seit mehr als 20 Jahren. Ein Verhältnis, wie man es sich in Almodóvars eigenem Umfeld gut vorstellen kann.

Vom Leben inspirierte Fiktion

Das könnte alles auch schnell sehr plump wirken, diese „Film-im-Film“-Reflexion über Realität und Fiktion. Aber Almodóvar führt die Umwandlung von Leben in Kunst nicht chronologisch vor, sondern präsentiert den Prozess auf raffinierte Weise andersherum. Man sieht zuerst die Ebene der Fiktion – und danach erst Ausschnitte aus dem Leben, das diese inspiriert hat.

Die Filmemacherin Elsa (Bárbara Lennie) also erleidet einen schweren Migräneanfall, wird aber von ihrem Freund Bonifacio (Patrick Criado), genannt Beau, auf hingebungsvolle Weise betreut. Und während Elsa um Linderung kämpft, blendet der Film in die Zeit zurück, in der sie Beau kennenlernte. Die Begegnung mit ihm fiel zusammen mit dem traumatischen Erlebnis, dass ihre Mutter verstarb, ohne dass sie dabei sein konnte. Nun, ein Jahr später beschließt sie, statt Werbeclips doch wieder einen Spielfilm zu drehen und zieht sich zum Schreiben des Drehbuchs mit einer Freundin nach Lanzarote zurück.

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Trailer „Bitteres Fest“

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Eigentlich sind die Hinweise darauf, dass wir es hier mit „Fiktion“ zu tun haben, recht offensichtlich. Die Handlung ist ins Jahr 2004 gesetzt, was man vor allem an aufklappbaren Handys, Computerschrift-SMS und noch sehr verpixelter Fotoübertragung erkennt. Beau gibt als treusorgender Feuerwehrmann und Freizeit-Stripper einen eher unwahrscheinlichen „Traummann“ ab, wie er ganz offenbar der Fantasie, zumal eines schwulen Mannes, entsprungen sein muss. Dennoch überrascht es auch, wenn der Film zwischendurch in die Gegenwart springt, wo der bereits erwähnte Raúl hinter dem Laptop sitzt und Elsas Geschichte als Drehbuch gerade „erfindet“.

Intimität und Integrität verraten

Auf Lanzarote zerstreitet sich Elsa mit der sie begleitenden Freundin Patricia (Victoria Luengo), als diese sich selbst und ihre Eheprobleme im neuen Drehbuch entdeckt. Im Madrid der Gegenwart überwirft Raúl sich mit Mónica über die Frage, ob er den Selbstmordversuch einer nahen Freundin Mónicas so einfach in seinen Stoff hätte einbauen dürfen. Aber die Auseinandersetzungen sind keinesfalls deckungsgleich, sondern bringen verschiedene Aspekte hervor.

Patricia fühlt sich ausgenutzt, weil Elsa ihr ein Schicksal „vorschreibt“. Mónica dagegen sieht ihre Intimität und Integrität verraten: Es gibt Dinge, die man einfach nicht weitererzählt. Und Raúl verteidigt gegen beide Stimmen, sozusagen als Sprachrohr Almodóvars, den schöpferischen Freiraum, der solche Beschränkungen ablehnt, weil sie seine Inspiration und Kreativität bremsen. Worüber soll man den sonst schreiben als über das wahre Leben, das einen umgibt? Die ungewöhnliche Verkettung von Film-im-Film-im-Film führt dabei zu manchem Aha-Erlebnis, das über den oft diskutierten Konflikt des Verrats an der Privatsphäre hinausgeht.

So wirft Mónica dem alten Vertrauten an einer Stelle auch an den Kopf: „In deinen Drehbüchern bist du ehrlicher als im Leben.“ Sie hat bei der Lektüre des Drehbuchs nämlich entdeckt, dass Raúl die Figur von Traummann Beau, dem Mann an Elsas Seite, ganz aus den Augen verliert. Nun sagt sie dem Regisseur auf die Nase zu, dass sich darin sein wahres Desinteresse am eigenen, ihn selbstlos umsorgenden Lebensgefährten Santi (Quim Gutiérrez) auf bezeichnende Weise offenbare.

Die Kunst ist keine Einbahnstraße. Sie bedient sich eben nicht nur ausbeuterisch an der Realität, nein, sie schlägt zurück und kann im wahrsten Sinn des Wortes auch etwas über ihren Autor, ihre Autorin verraten, was diese(r) gar nicht wahrhaben will.

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