Vom Ozonloch fürs Klima lernen: Keine Politik, nur Glück

Die Rettung der Ozonschicht zum Vorbild für echten Klimaschutz nehmen – das wäre russisches Roulette. Denn damals regierte der absolute Zufall.

die Darstellung des Planeten Erde im All

Gerade noch mal gut gegangen mit der Ozonschicht Foto: Sergey Nivens/imago-images

Mein Weg zur Arbeit ging gut los und endete fast auf dem Friedhof: Den kleinen Hügel runter hatte ich auf dem Rad richtig Schwung geholt. Doch der Audi kam von rechts, auch er mit sportlicher Fahrweise. Meine Vollbremsung in letzter Sekunde verhinderte knapp den Crash. Puuuh! Schwein gehabt. Riesenschwein.

In diesem Bewusstsein hätten wir mal wieder den 16. September feiern sollen: den Internationalen Tag für den Schutz der Ozonschicht. 1987 einigten sich die UN-Staaten auf das „Montreal Protokoll“, das Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) verbot, die die Ozonschicht der Erde zerstören.

„Es war einfach unglaubliches Glück“

Das Abkommen gilt heute als Exempel für erfolgreiche globale Umweltpolitik, weil es die Stoffe verbietet und die Schutzschicht bis 2050 wieder intakt sein soll. Erst letztens rief wieder jemand bei mir an und jammerte, so etwas würde die UNO beim Klima ja nie hinkriegen.

Das wollen wir auch nicht hoffen.

Denn einerseits war das Montreal Protokoll ein riesiger Erfolg: Es hat tatsächlich die Welt gerettet vor ultravioletter Strahlung, die Mensch und Natur schwer schädigte. Das klappte, weil die die Politik sich einig war, die Industrie Ersatzstoffe hatte und eine republikanische US-Regierung (Ronald Reagan!) noch daran glaubte, dass zwei plus zwei vier ergibt.

Aber wer den Vertrag zum Vorbild für eine Klimalösung macht, kann gleich russisches Roulette spielen. Denn nach den Gesetzen der Logik hätte es ihn niemals geben dürfen. „Es war einfach unglaubliches Glück“, sagte der Chemiker Paul Crutzen, der für seine Arbeiten zum Ozonabbau 1995 den Nobelpreis bekam – selten war diese Ehrung verdienter.

Es grenzt an ein Wunder, dass das Problem damals überhaupt erkannt wurde, FCKW galt als unproblematisch und für die Chemieindustrie als Wunderwaffe. Erster Glücksfall war, die dass die FCKW-Ingenieure Chlor statt Brom nahmen – mit Brom wäre die Ozonschicht noch viel schneller verschwunden.

Dann häuften sich die glücklichen Zufälle: 1971 machte sich der britische Chemiker James Lovelock mit eigenem Geld (!) und eigenen Apparaten zum Südpol auf, um das Problem zu erforschen – die offizielle britische Delegation wollte ihn nicht mitnehmen, weil er als Angeber galt.

Dann wäre noch fast alles daneben gegangen. Die erschreckenden Daten über den Ozonabbau waren so dramatisch, dass sie von allen Forschern und der Nasa lange als Messfehler betrachtet wurden. Die Industrie saß auf den Daten, sah aber kein Problem. Erst spät schlugen Crutzen und seine US-Kollegen Mario Molina und Sherwood Rowland Alarm.

Den dreien gebühren neben ihrem gemeinsamen Nobelpreis ein paar Denkmäler. Die Geschichte hat bewiesen: Nicht immer geht alles schief, was schief gehen kann. Murphys Gesetz wurde widerlegt. Zumindest einmal.

Verlassen sollten wir uns darauf natürlich nicht – das tun wir aber bei Klima, Artenschutz und Plastikwahn heute jeden Tag: Wird schon irgendwie klappen, ist das Motto. Deshalb können heute viele ForscherInnen nachvollziehen, was Rowland zu seiner Frau nach einem langen Tag im Labor sagte: „Wir kommen gut voran. Es sieht nach dem Ende der Welt aus.“

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Jahrgang 1965. Seine Schwerpunkte sind die Themen Klima, Energie und Umweltpolitik. Wenn die Zeit es erlaubt, beschäftigt er sich noch mit Kirche, Kindern und Konsum. Für die taz arbeitet er seit 1993, zwischendurch und frei u.a. auch für DIE ZEIT, WOZ, GEO, New Scientist. Autor einiger Bücher, Zum Beispiel „Tatort Klimawandel“ (oekom Verlag) und „Stromwende“(Westend-Verlag, mit Peter Unfried und Hannes Koch).

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