Völkermord an Armeniern: Nur die halbe Miete

Dass Joe Biden das Massaker an den Armeniern als Völkermord anerkennt, ist ein diplomatischer Erfolg. Konkret verändern wird sich deshalb nichts.

Der türkische Präsident Erdogan inmitten zweier Türkeiflaggen

Der türkische Präsident Erdogan will von dem Völkermord vor gut 100 Jahren nichts wissen Foto: Mustafa Kamaci/Turkish Presidency via ap

Mit den USA, den meisten europäischen Staaten und Russland haben sich jetzt fast alle relevanten Länder dazu durchgerungen, den Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich während des Ersten Weltkrieges anzuerkennen. Jahrzehntelang hat vor allem die armenische Diaspora in Europa und den USA dafür gekämpft. Jetzt hat sie erreicht, was lange überfällig war. Doch in der Praxis ist damit noch nicht viel gewonnen.

Die Türkei als Rechtsnachfolger des Osmanischen Reiches bestreitet, dass es 1915/16 einen systematischen Völkermord gegeben hat, und verweigert Entschädigungen und erst recht Rückgabe von Land oder gar ein Abtreten „Westarmeniens“ an den heutigen Staat Armenien. Mit internationalem Druck kann zwar einiges erreicht werden. Eine fundamentale Veränderung der türkischen Politik wird es jedoch kaum geben.

Dazu kommt, dass mit Maximalforderungen, wie die Abgabe großer Gebiete der Osttürkei, die von einigen armenischen Gruppen und Parteien erhoben werden, allenfalls erreicht wird, dass sich die türkische Regierung weiter komplett stur stellt. Es kann nur über den Weg des Gesprächs auch auf nichtstaatlicher Ebene gehen, über den Abbau der gegenseitigen Feindbilder und letztlich über einen politischen Dialog mit dem Ziel der Normalisierung zwischen der Türkei und Armenien.

Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, wie unklug es war, von der Türkei als Vorbedingung für den Dialog zunächst die Anerkennung des Völkermordes zu fordern, auch wenn das moralisch verständlich ist. Der erste Schritt muss eine Öffnung der Grenze sein, um mehr Kontakt zwischen den beiden Gesellschaften zu ermöglichen. Das wäre für Armenien auch ökonomisch wichtig, denn das Land hat sonst kaum Zugang zu westlichen Märkten.

Der Krieg um Berg-Karabach, den Aserbaidschan mit türkischer Unterstützung gewonnen hat, ließ die Feindbilder und Traumata in Armenien aufleben. Doch so paradox es erscheint: Dieser Krieg könnte den Weg zum Frieden geebnet haben. Aserbaidschan wird sich jetzt nicht mehr wie noch im Jahr 2009 gegen eine Grenzöffnung und gegen Gespräche zwischen der Türkei und Armenien stellen.

Wenn in Armenien im Sommer eine neue Regierung gewählt ist und sicher im Sattel sitzt, könnte mit internationaler Hilfe ein neuer Anlauf gemacht werden. Wie 2009 müssten die USA und die EU gemeinsam ein Gesprächsforum schaffen, in dessen Rahmen sich Vertreter der Türkei und Armeniens austauschen können. Am Ende steht dann vielleicht auch die Anerkennung des Völkermordes durch die Türkei.

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