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Viraler Hit „Gut genug“Kein Sommermärchen

Carolina Schwarz

Kommentar von

Carolina Schwarz

Der deutsche Song von Kitschkrieg, Blumengarten und Shirin David geht um die Welt. Trotz schöner Message ist der Hintergrund nicht nur märchenhaft.

E s ist da: Das Sommermärchen, auf das alle gewartet haben. Doch das deutsche Wunder, das gerade vor allem in den USA gefeiert wird, hat nichts mit Fußball zu tun, sondern mit einem Lied.

US-Superstar Lizzo steht in Bikini auf einer Yacht und tanzt, hinter ihr die Weiten des blauen Himmels, die am Horizont mit dem dunkelblauen Meer verschwimmen. In dem Video ist nicht ihre Stimme zu hören, sondern eine hohe Männerstimme, die singt: „Du bist gut genuuuug.“ Ihr Lip-Sync-Video zum eingängigen Sound wurde bei Tiktok millionenfach angeklickt und ist nur ein Beweis von vielen dafür, wie der deutsche Hit der Berliner Produzenten Kitschkrieg, gesungen vom Indie-Duo Blumengarten und der Rapperin Shirin David, international viral geht.

In Deutschland steht das Lied mittlerweile auf Platz 1 der Charts, international geht vor allem der Refrain viral. Der Schnipsel, in dem der Sänger von Blumengarten, Rayan, die empowernden Worte in Kopfstimme singt, füllt die Timelines bei Instagram und Tiktok. Musiker_innen wie Elle Goulding oder Steve Lacy singen es nach, der Rapper Wiz Khalifa hinterlegte ein Video bei Instagram mit dem Song und zahlreiche Memes bauen auf der Hook des Songs auf. Während in den USA viele statt der vier Worte „Doobie Scoot Canoe“ singen, gehen in Deutschland Videos mit alternativen Lyrics wie „Arbeitszeitbetruuuug“ herum oder Schüler_innen versuchen, mit dem Originalsound ihren Kamerad_innen vor den Zeugnissen etwas Trost zu spenden.

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Was für eine schöne Geschichte, möchte man meinen. Pünktlich zur Fußball-WM der Herren wird ein deutscher Song zum Sommerhit. Und dann auch noch einer mit so einer schönen Message. Doch so märchenhaft, wie es auf den ersten Blick erscheint, ist die Geschichte hinter dem Song nicht.

Zwischen Gewalt und Optimierungswahn

Eigentlich hätte der Release des Songs schon im Januar passieren sollen, er war als Single-Auskopplung vom Kitschkrieg-Album geplant. Doch auf Wunsch vom Sänger Rayan wurde er in den Sommer verschoben, denn er musste sich erst einmal um etwas anderes kümmern. Seine Ex-Freundin hatte ihm in einem mittlerweile gelöschten Video vorgeworfen, sie in der damaligen Beziehung manipuliert zu haben und ihre Erfahrungen und Traumata für seine Lyrics zu nutzen. Später entschuldige Rayan sich für sein damaliges Verhalten und stritt jedoch jede Form von Missbrauch und Gewalt ab.

Die Produzenten von Kitschkrieg haben in der Vergangenheit immer wieder mit Musikern zusammengearbeitet, gegen die es Gewaltvorwürfe gibt oder die mit frauenfeindlichen Texten aufgefallen waren. Einer davon ist der Rapper Gzuz, der eine Haftstrafe absitzen musste, weil er einer Frau ins Gesicht geschlagen hatte.

Mit diesen Vorwürfen im Hintergrund verliert der Song schon etwas von seiner Leichtigkeit. Dazu kommt, dass die einzig beteiligte Frau an dem Hit einen Shitstorm erlebt. In sozialen Medien fordern einige eine Version ohne die Rap-Parts von Shirin David. Dabei sind es ihre Parts, die dem Song überhaupt erst seine Stärke verleihen. Wie wenn sie rappt: „Für die meisten bin ich Miss Bauch, Beine, Po / Doch mir selbst sag’ ich jeden Tag: Bleib einfach du“. Ausgerechnet die Königin des Optimierungswahn Heidi Klum schrieb bei Instagram, ihr gefalle „nur sein Part“ und bezog sich damit auf die Falsettstimme von Rayan.

Und überhaupt: Nur weil ein Song gerade viral geht, heißt es nicht automatisch, dass er von Millionen Menschen gefeiert wird. Mittlerweile haben sich PR-Praktiken durchgesetzt, in dem mithilfe von Bots Kommentarspalten und Timelines mit Schnipseln von Songs geflutet werden, um so künstlich einen viralen Hit erstellen zu lassen. Nur damit dann auch „echte“ Accounts aufspringen. Einige kometenhafte Aufstiege von Musiker_innen und Songs lassen sich damit erklären.

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Vielleicht ist auch diese Geschichte des deutschen Sommerhits kein wundersames Märchen. Aber an der Message des Liedes ändert das natürlich nichts. Und gerade im Sommer, wenn wieder überall die Arbeit für den perfekten Beach Body propagiert wird, können wir uns das Mantra gar nicht oft genug anhören. Bei all dem Schönheitswahn gilt: Du bist gut genuuuug.

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Carolina Schwarz

Carolina Schwarz Ressortleiterin taz zwei

Ressortleiterin bei taz zwei - dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Schreibt hauptsächlich über intersektionalen Feminismus, (digitale) Gewalt gegen Frauen und Popphänomene. Studium der Literatur- und Kulturwisseschaften in Dresden und Berlin. Seit 2017 bei der taz.
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