Verurteilter Blogger Hardy Prothmann

Noch lange nicht am Boden

Hardy Prothmann wurde mit seinem „Rheinneckarblog“ zum Vorbild für modernen Lokaljournalismus. Dann erfand er einen Terroranschlag.

Hardy Prothmann auf einem Fabrikgelände in Mannheim

„Jetzt mache ich mal einmal einen Fehler, und alle hauen drauf“, sagt Hardy Prothmann Foto: Miriam Stanke

Seine Idee ist gescheitert, aber er hört trotzdem nicht auf, für sie zu kämpfen. „Schluss ist, dann, wenn der Freispruch da ist“, sagt Hardy Prothmann, 52 Jahre alt, stämmige Figur, misstrauischer Blick, tiefe Augenringe. „Juristisch bin ich auf der richtigen Seite.“ Er sieht müde aus.

Prothmann hat sich selbst mal die „Zukunft des Lokaljournalismus“ genannt, er wurde 2009 für seine Pionierarbeit mit sogenannten hyperlokalen Blogs mit einem Medienpreis ausgezeichnet, auf Podien eingeladen und zigfach interviewt. Er galt damals als sperriger, unbequemer Typ. Als einer, der dem oft als bieder und angepasst gescholtenen Lokaljournalismus wieder die kritische Haltung einbläute. Heute ist er in den Texten mancher Kollegen bloß noch der „Fake-News-Blogger aus Mannheim“.

Der Hintergrund: Im Januar dieses Jahres verurteilte ihn das Amtsgericht Mannheim wegen der Störung des öffentlichen Friedens zu 12.000 Euro Strafe. Zuvor, im März 2018, hatte er auf seinem Rheinneckarblog einen fiktiven Text über einen blutigen Terroranschlag in der Stadt veröffentlicht. Von 136 Toten war die Rede. Die Auflösung kam erst hinter einer Paywall: Eine Debatte über mangelnde Me­dien­kompetenz und die Bedrohungslage durch Terrorismus habe man erzeugen wollen, heißt es da.

Die Debatte kommt – nur anders, als Prothmann beabsichtigt hatte. Kommentatoren werfen ihm rechte Meinungsmache vor, andere bezeichnen ihn als Fall für die Psychiatrie. Anonyme Anrufer blöken ihm Beleidigungen und Morddrohungen in den Hörer. Der Presserat spricht eine Rüge aus, der Deutsche Journalisten-Verband urteilt: „Er hat dem Journalismus einen Bärendienst erwiesen.“

Hat es Prothmann dieses Mal zu weit getrieben? „Aus der Ecke kommt er nicht mehr raus“, sagen manche aus der Branche. „Das war’s für ihn.“

Ätzen gegen Kritiker

Aber Prothmann mag zwar in der Ecke stehen – am Boden ist er noch lange nicht. Er hat Berufung eingelegt. Schreibt wie am Fließband Abmahnungen an die Prozessberichterstatter. Geht weiter in den Gemeinderat, ätzt gegen seine Kritiker und kommentiert lokale Aufregerthemen. Er ähnelt dabei einem Boxer, der in Bedrängnis wild um sich schlägt, statt sich in die Doppeldeckung zurückzuziehen, um Luft zu holen.

Dem ehemaligen Türsteher würde dieser Vergleich wahrscheinlich gefallen. „Wer sich mit mir anlegt, bekommt auf die Fresse“, zitiert ihn ein früherer Text. Heute fällt so ein Satz nicht mehr, er hat ja dazugelernt. Mittlerweile sagt er eher Dinge wie: „Ich lehne Gewalt ab. Aber trotzdem war ich in meinem Leben in ziemlich viele Kämpfe verwickelt. Habe aber nie was abbekommen.“

Früher schrieb er gegen die „Lügenpresse“-Rufer an, heute sieht er sich als Opfer der „Systemmedien“

Man muss solche Sätze nachhallen lassen, um etwas über Prothmanns Selbstbild zu erfahren: ein Mann mit hehren Zielen, der stets zum Opfer der Dummheit anderer wird, am Ende aber trotzdem immer Gewinner bleibt. Wo nimmt so einer bloß die Ausdauer und Überzeugung her? Manche würden es Selbstüberschätzung nennen.

Als er 2011 seine diversen lokalen Portale im Rheinneckarblog mit Redaktion in Mannheim bündelt, macht er jedenfalls anfangs ziemlich viel richtig. „Es gab eine Phase, da war der Rheinneckarblog auf den Fluren des Rathauses relevanter als der Mannheimer Morgen“, sagt ein Gemeinderatsmitglied. Ein anderer Kommunalpolitiker sagt: „Während die Lokalzeitung zu jeder Angelegenheit drei Wer-wie-was-Fragen schickte und sich damit zufriedengab, hat Prothmann oft lange Fragenkataloge geschickt und immer wieder nachgehakt.“

Furchtloser Einzelkämpfer

In seinen besten Zeiten steckt Prothmann die Finger in die richtigen Wunden einer kränkelnden Branche. „Journalismus ist manchmal auch Provokation“, sagt er.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Aber die Rolle des furchtlosen Einzelkämpfers gegen den „Bratwurstjournalismus“ verführt ihn offenbar dazu, den Bogen zu überspannen. Prothmann kann dann in seinen Texten sehr persönlich und hämisch werden, für Zwischentöne bleibt oft kein Platz. Einer Redakteurin des Mannheimer Morgen wirft er einmal „journalistische Prostitution“ vor – es folgt eine Anzeige wegen Diffamierung. Immer wieder bleiben Menschen zurück, die sich von ihm öffentlich in den Schmutz gezogen fühlen. In der taz möchte keiner von ihnen zitiert werden. „Das gebe ich mir nicht noch mal“, heißt es dann.

Sein Ohne-Rücksicht-auf-Verluste-Journalismus verwickelte ihn seit 2010 nach eigenen Angaben in 47 juristische Verfahren – das laufende nicht eingerechnet. „In den zuvor fast zwanzig Jahren als freier Journalist für große deutsche Medienhäuser hatte ich kein einziges Verfahren am Hals“, sagt er.

Hardy Prothmann, Blogger

„Mir fehlt ein Korrektiv“

Tatsächlich verliert er aber auch mit seinen Blogs nur einmal, oft wiegen Presse- oder Meinungsfreiheit schwerer. Prothmann scheint das als Beweis dafür zu sehen, dass er mit seiner Arbeit auf der richtigen Fährte ist und inszeniert sich als eine Art Schimanski des Journalismus: kernig, unbestechlich, knallhart. Er sagt: „Ich habe nichts gegen Lokalzeitungen, das treibt mich nicht an. Ich mache mir einfach Sorgen um den Journalismus.“

Viele seiner ehemaligen Wegbegleiter machen sich aber zunehmend auch Sorgen um ihn. Seine Motivation sei schon authentisch, sagen sie, aber er habe sich irgendwann einfach komplett verrannt. Der rastlose Zwang immer liefern zu müssen, die täglichen Nachtschichten, der finanzielle Druck, die ständigen Prozesse. „Das macht ja keiner jahrelang mit, ohne zu verschleißen“, sagt ein Freund.

„Mir fehlt ein Korrektiv“, sagt Prothmann dazu selbst überraschend selbstkritisch. „Vielleicht wäre dann auch der Terrortext so gar nicht erschienen.“ Den Hintergrundgedanken hält er aber nach wie vor für richtig, da legt er Wert drauf. „Aber jetzt mache ich mal einmal einen Fehler, und alle hauen drauf.“

Ein Text ist ein Text ist ein Text

Dieser Fehler wird nun die Gerichte weiter beschäftigen. Prothmann will bis zur höchsten Instanz gehen, wenn nötig. Er kann sich wortreich über die Hinweise auf einen Fake auslassen, die er in seinem Terrortext verteilt hatte: „Einsatz der Bundeswehr im Innern“, solche Dinge.

Er weist darauf hin, dass er nur wenige Minuten nach der nächtlichen Veröffentlichung selbst die Polizei informiert hat, dass die Paywall ja nur aus einem kostenlosen Probeabo bestand und er noch am selben Morgen ein Erklärstück online gestellt habe. Zudem sei die öffentliche Aufregung ja erst viel später am Mittag entstanden. Ein als Zeuge geladener Verfassungsschützer spricht vor dem Amtsgericht von etwa „fünf bis zehn nächtlichen Anrufern bei der Polizei“.

Prothmanns eigentliche These ist aber: Ein Text ist ein Text ist ein Text. Man könne ihn doch bei seiner Bewertung nicht einfach in zwei Teile schneiden – nur wegen einer Paywall. „Es gibt dazu Urteile des Bundesverfassungsgerichts“, diktiert er den Journalisten nach dem Prozess in die Blöcke. „Stichwort: Kontext. Recherchieren Sie.“

Ihn fuchst es, dass kaum einer der Berichterstatter seine Intention zumindest zu verstehen versucht. Er fühlt sich missverstanden – wieder einmal.

Prothmann sieht sich als Opfer der „Systemmedien“

Dahinter steckt wohl die alte Geschichte von dem Glashaus und den Steinen. Prothmann, kritisieren viele, reibe sich zu oft bloß noch in sinnlosen Scharmützeln mit anderen Medien auf und vernachlässige dabei sein eigenes Kerngeschäft. Seine Fehlersuche bei Kollegen ist von einer Pedanterie, der seine eigenen Texte auch nicht immer standhalten können.

Wenn man ihm die konkreten Stellen vorlegt, an denen seine Texte Schwächen aufweisen, reagiert er erstaunlich zurückhaltend. „Ich habe ja auch nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen.“ Und wenn man ihn fragt, ob er es mit all den Abmahnungen gerade nicht etwas übertreibt, antwortet er: „Ich vermisse jetzt gerade etwas die Empathie bei Ihnen.“

Wenn man ihn fragt, ob er es mit all den Abmahnungen gerade nicht etwas übertreibt, antwortet er: „Ich vermisse jetzt gerade etwas die Empathie bei Ihnen.“

Denn Prothmann, der früher immer wieder gegen die „Lügenpresse“-Rufer anschrieb und Gründungsmitglied im Netzwerk Recherche ist, sieht sich mittlerweile als Opfer der „Systemmedien“, die einen kritischen Journalisten „wegmachen“ und „hängen“ möchten.

Mit solchen Positionen hat er einige prominente Mitstreiter. Der ehemalige Spiegel-Ressortleiter Matthias Matussek, Ex-Handelsblatt-Chef Roland Tichy oder der bereits verstorbene Udo Ulfkotte, der früher bei der FAZ arbeitete – sie alle eint der Glaube an eine Mainstreampresse, die Abweichler angeblich mundtot machen möchte.

Und was hält er von denen? Hardy Prothmann bläst verächtlich den Rauch seiner Zigarette in die Luft und fährt sich durchs Haar. „Das sind für mich einfach böse, alte Männer. Mit Journalismus hat das nichts mehr zu tun.“ Und dann lächelt er und sagt: „Ich hoffe wirklich, dass ich nie so werde. Und wenn, dann hoffe ich, dass es jemanden gibt, der es mir rechtzeitig sagt.“

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben