Vergewaltigung in einem Jugendzentrum: Falsch verstandene Solidarität
Neuköllns Jugendstadträtin hat viel zu erklären, aber sie hat inzwischen auch gehandelt. Ihre Partei, die Linke, täte gut daran, die Aufarbeitung zu unterstützen.
I n Neukölln erhärtet sich gerade ein schlimmer Verdacht. Mitarbeiter*innen des Jugendamts haben offenbar viel zu spät und zögerlich auf eine mutmaßliche Vergewaltigung in einem Jugendzentrum reagiert, weil sie die Täter vor Stigmatisierung und einem Generalverdacht schützen wollten. Die muslimischen Jugendlichen seien schon genug im Visier der Polizei, soll die verantwortliche Sozialraumkoordinatorin demnach gesagt haben.
So jedenfalls ist es zu lesen in einer eidesstattlichen Versicherung, die Mitarbeiter*innen des Mädchenzentrums am Dienstag an die Stadträtin und den Jugendhilfeausschuss gesendet hatten. Das Mädchenzentrum befindet sich neben dem bezirkseigenen Jugendclub in der Wutzkyallee, wo die mutmaßlichen Taten stattfanden. In der eidesstattlichen Versicherung werden Aussagen wieder gegeben, die im Austausch mit Mitarbeiter*innen des Jugendclubs gefallen sein sollen. Der Tagesspiegel hatte zuerst berichtet. In den Akten gibt es zu diesen Treffen wohl keine Protokolle.
Es ist eine komplett falsch verstandene Solidarität, wenn mutmaßliche Täter aus Sorge vor Rassismus gedeckt werden. Es ist auch eine komplett falsche Reaktion auf den realen Rassismus in der Gesellschaft. In diesem Fall ist das insbesondere deshalb fatal, weil damit sexualisierte Gewalt und Übergriffe überdeckt werden, denen ein 16-jähriges Mädchen mutmaßlich ausgesetzt war. Die Sorge vor einer möglichen Diskriminierung wurde über reale patriarchale Gewalt gestellt.
Hier zeigt sich, wie wichtig es ist, grundsätzlich intersektionale Perspektiven einzuüben. Denn die erlauben den Blick darauf, dass auch von Menschen, die selbst von Diskriminierung betroffen sind, Diskriminierung und Gewalt und Rassismus ausgehen kann, was eigentlich eine Binse ist. Das wiederum ist die Grundlage dafür, sexistisch oder misogyn auftretende Jugendliche in die Schranken zu weisen. Und sie nicht in Schutz zu nehmen, nach dem Motto „So sind Jungs halt“.
Helfen würde übrigens auch eine großzügige Finanzierung von Jugendarbeit, mit entsprechender Ausstattung und genug Zeit für tiefergehenden Austausch, Fortbildungen und Reflexion der Mitarbeiter*innen. Aber das nur am Rande.
Die Empörung darüber, wie das Jugendamt – auch als Träger des Jugendclubs Wutzkyallee – wohl Täter schützte, sollte gleichzeitig nicht vergessen machen, dass auf allen Ebenen von Verantwortlichen gravierende Fehler gemacht worden sind. So hat das Mädchenzentrum nach eigener Darstellung in seiner eidesstattlichen Versicherung zwar darauf gedrängt, dass das Jugendamt Anzeige erstattet. Doch als das nicht passierte, hätte es diese Anzeige selbst auf den Weg bringen müssen. Warum ist das nicht erfolgt?
Wieso hatte das Jugendamt keinen Kontakt zum Opfer?
Beim Jugendamt wiederum scheint es so gewesen zu sein, dass dieses keine Anzeige ohne Rücksprache mit dem Opfer erstatten wollte. Sich zu versichern, ob das mutmaßliche Opfer „anzeige- und aussagebereit“ ist, erscheint rücksichtsvoll. Doch wie kann es sein, dass das Jugendamt lange Zeit wohl gar keinen direkten Kontakt zu dem Opfer hatte?
Im Raum steht auch, dass das kommunale Jugendzentrum ohne Schutzkonzept gearbeitet hat oder dieses zumindest nicht angewandt hat. Wenn das stimmt, wie ist das dann in den Jugendzentren anderer Stadtteile? Berlins Jugendsenatorin hat alle Bezirke nun aufgefordert, die Schutzkonzepte ihrer Einrichtungen vorzulegen. Dass das notwendig scheint, auch das wirft Fragen auf.
Auch Jugendstadträtin Sarah Nagel (Linke) selbst wird zu erklären haben, warum sie erst so spät von den Vorfällen erfahren hat und zunächst so zögerlich reagierte. Hat sie so wenig Kontakt zu ihrem eigenen Jugendamt? Gegen Nagel und die Leiterin des Jugendamtes ist inzwischen ein Ermittlungsverfahren wegen Strafvereitelung im Amt anhängig. Gegen zwei Betreuerinnen des Jugendclubs ist Strafanzeige wegen unterlassener Hilfeleistung erstattet worden.
Aktuell kann man Nagel den Willen zur Aufklärung und Aufarbeitung aber nicht absprechen. Dazu gehört, dass externe Akteur*innen zur Untersuchung der Vorkommnisse dazu geholt werden. Auch die Schilderungen der Mitarbeiter*innen des Mädchenzentrums hat Nagel zum Anlass genommen, Konsequenzen zu ziehen. Eine Mitarbeiterin des Jugendamts wurde bereits versetzt.
Nagels Parteigenoss*innen von der Linken haben der CDU zu Recht Instrumentalisierung der Vorfälle vorgeworfen. Was die Ereignisse selbst betrifft, sind die Linkenpolitiker*innen bei der Bezirksverordnetenversammlung am Mittwochabend aber auffallend vage und defensiv geblieben. Dabei sollte gerade die Linke die Aufklärung an erster Stelle vorantreiben. Eine Zurückhaltung aus Wahlkampfüberlegungen käme einem weiteren Vertuschen und Verschleiern gleich. Es wäre die Fortsetzung des Skandals.
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