Verfallender Zirkusbau in Hamburg: Ein Denkmal des Stillstands
Seit Jahren lässt die Eigentümerin die Schilleroper verrotten. Die Linke fordert, die Stadt Hamburg solle den historischen Zirkusbau übernehmen.
Als sei einem Zirkuszelt sein buntes Kleid entflogen, erinnert die Schilleroper heute eher an eine riesige rostfarbene Spinne. Doch einst feierte man hier im Stadtteil St. Pauli rauschende Matineen, Schillers „Wilhelm Tell“ wurde aufgeführt und Hans Albers ging ein und aus. Zuletzt wurde die Oper bis 2006 als Club genutzt, ein letztes Aufbäumen, bevor der Vorhang endgültig fiel. 2012 stellte die Stadt den verfallenden Bau wegen seiner Einzigartigkeit in ganz Deutschland schließlich unter Denkmalschutz.
Dies war der jetzigen Eigentümerin bekannt, als sie das Gebäude und Grundstück 2014 für stolze 6,3 Millionen Euro kaufte. Laut ihrer Website sollten schon bald Seniorenwohnungen, Läden und Gemeinschaftsflächen entstehen. Ganz im Einklang mit dem Denkmalschutz.
Viel Geld für ein so bodenständiges Vorhaben, findet Marco Hosemann, denkmalpolitischer Sprecher der Hamburger Linksfraktion: „Aus meiner Sicht bestand von Anfang an kein Interesse am Erhalt des Gebäudes. Der Plan war es, abzureißen und das Grundstück möglichst profitabel zu bebauen.“
Auch den Cityhof oder das Allianzhochhaus ließ die Stadt trotz Denkmalschutz abreißen. Hosemann glaubt: „Da hat sich die Eigentümerin schlicht verspekuliert und die Stadt trägt durch ihren schlechten Umgang mit ihren Denkmälern eine Mitschuld.“
Marco Hosemann, denkmalpolitischer Sprecher der Hamburger Linksfraktion
Und so ringen Stadt und Eigentümerin in der Manege der Schilleroper seit zwölf Jahren um jeden Millimeter: Seitdem die Eigentümerin das Gebäude 2020 bis auf das Stahlgerüst abtragen durfte, fordert die Stadt von ihr, das Gerüst vor den Elementen zu schützen. Rostschutz und neue Stahlträger würden sie um die zwei Millionen Euro kosten – für die Sicherung eines Baus, den die Eigentümerin laut Hosemann wahrscheinlich lieber abreißen würde.
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Also bewegt sich seit sechs Jahren nichts. Deshalb bereitet die Stadt Hamburg, wie schon 2021, jetzt eine sogenannte Ersatzvornahme vor. Die Sicherungsmaßnahmen würden dann einfach durchgeführt und der Eigentümerin in Rechnung gestellt. Was zunächst wie die Rettung der Schilleroper wirke, löse aber nicht das eigentliche Problem, sagt Hosemann: „Die Schilleroper ist damit noch lange nicht denkmalgerecht entwickelt.“
Deshalb hat die Linksfraktion nun ein Konzept erarbeitet, das auch den Entwurf eines Architekten beinhaltet. Hosemann erklärt: „Wir wollen, dass die Menschen endlich etwas anderes vor Augen haben, als dieses traurige Gerüst. Sie sollen eine Vorstellung davon bekommen, dass es ein schöner Ort für alle werden kann.“ Ziel sei eine Schilleroper in öffentlicher Hand. Dorthin führten mehrere Wege, der allerletzte wäre eine Enteignung.
Doch das Denkmalschutzamt Hamburg warnt vor einer Enteignung, denn es müssten erst alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft werden. Das mache das Denkmalschutzamt aktuell mit der Vorbereitung der Ersatzvornahme. „Eine Enteignung wäre zum gegenwärtigen Zeitpunkt rechtswidrig und würde nur eine lange rechtliche Auseinandersetzung zur Folge haben, ohne dass für das Denkmal etwas gewonnen wäre.“
Tatsächlich scheint der Druck gewirkt zu haben. Auf taz-Anfrage teilt das zuständige Bezirksamt Mitte mit, die Eigentümerin habe am 29. Mai dieses Jahres einen Bauantrag für die Sicherungsmaßnahmen gestellt. Für wann diese geplant seien, wisse man nicht.
Jetzt hat die Stadt Hamburg vielleicht einen Millimeter dazugewonnen, wirklich erreicht ist aber nichts. Denn ist das Denkmal erst gesichert, fehlt erneut der Handlungsdruck und das Drama um die Schilleroper geht in den nächsten Akt.
Der Antrag der Linksfraktion, ob die Schilleroper in öffentliche Hand überführt werden kann, soll die Bürgerschaft bis zum 31. August prüfen.
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