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Verfahren gegen Manchester CityDie besten Trickser und Verteidiger

Die Premier League will ManCity wegen Betrugs bestrafen. Doch ist der aus den Vereinigten Arabischen Emiraten finanzierte Klub zu groß für den Fußball?

Lapidar formuliert läuft von nun an das Team von Manchester City mit dem Premier-League-Etikett „Betrüger“ auf. Erstmals seit dem aufsehenerregenden Schuldspruch der Ligakommission Ende September wird am Sonntag der englische Tabellenführer wieder ein Pflichtspiel bestreiten. Das von den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) am meisten mit Geld und Sportswashing-Absichten überhäufte Fußballteam tritt dann ausgerechnet beim FC Liverpool, dem größten Rivalen der vergangenen Jahre, an. Die Polizei, so heißt es, werde verschärfte Sicherheitsvorkehrungen treffen. Glaubt man der Daily Mail, so ist auf den Rängen eine Art Großdemonstration geplant.

Die Empörung in England über diesen Verein, der zu mehr als 80 Prozent der Unternehmensgruppe von Scheich Monsour bin Zayid bin Sultan Al Nahyan, dem Vizepräsidenten und stellvertretender Premierminister der Vereinigten Arabischen Emirate, gehört, ist in diesen Tagen riesig.

Gewiss war zuvor schon der Glaube an einen fairen Wettbewerb in der Premier League nicht allzu weit verbreitet, was mit dem offensichtlich ausufernden Transferausgaben (3,6 Milliarden Euro) und den vielen Meistertiteln von ManCity (8) in den letzten 15 Jahren zu tun haben dürfte. So war dem kanadischen Nationaltrainer Jesse March, der zuvor Leeds United betreute, im aktuellen Trubel folgender Hinweis wichtig: „Übrigens: Alle wussten davon. Alle wussten Bescheid.“

Aber die höchst akkurate Aufarbeitung der ManCity-Geschäfte durch von der Liga beauftragte unabhängige Rechtsexperten von der Saison 2009/10 bis 2017/18 scheint nun erst fundierte Hoffnungen zu nähren, der Fußball könne mithilfe strengerer Regelwerke zumindest die hemmungslosesten und prestigesüchtigsten Investoren in die Schranken weisen. Die im Spiegel veröffentlichen Recherchen der Enthüllungsplattform „Football Leaks“ waren Anlass für die Untersuchungen.

Nach fast vierjähriger Ermittlungszeit und Sichtung von zehntausenden Seiten verkündete die unabhängige Kommission der Premier League am 29. September, Manchester City sei in mehr als 100 Anklagepunkten schuldig. Mit Scheinverträgen seien die Einnahmen künstlich aufgeblasen und die Ausgaben entsprechend kleingerechnet worden. Die Verstöße gegen die Finanzregeln hätten sich in diesem Zeitraum auf einen Betrag von über 1 Milliarde Euro summiert. Es liegt also ein exorbitanter Betrug vor, der in den letzten Jahren Einfluss auf den sportlichen Wettbewerb nahm. Bereits in Aussicht gestellte Schadenersatzforderungen von anderen Vereinen oder Einzelpersonen, die sich um Titel und Einnahmen geprellt fühlen, könnten zu den Strafforderungen der Premier League noch hinzukommen.

Weil Vereinen wie dem FC Everton oder Nottingham Forest in den letzten Jahren für deutlich geringfügigere Regelbrüche, welche beide Klubs zudem eingestanden, 8 beziehungsweise 4 Punkte in der Abschlusstabelle abgezogen bekamen, müsste Manchester City hochgerechnet Sanktionen befürchten, die mit dem Abstieg aus der Premier League oder gar der Aberkennung von Titeln verbunden wären. Zumal die festgestellte mangelnde Kooperation von Manchester City bei der Aufklärung eine zentrale Rolle beim Urteil spielt. Entsprechend konsequent uneinsichtig hat der Verein Einspruch gegen das Urteil der Premier League eingelegt.

Ich würde mir große Sorgen machen, sie zu verlieren

Andy Burnham, britischer Premier, über Golf-Investoren

Wer jedoch mit harten Sanktionen für ManCity kalkuliert, könnte die Kraft der Premier League überschätzen und dessen hinzugewonnenen Partner gewaltig unterschätzen. Zwar ist die Regierung der Vereinigten Arabischen Emirate stets bemüht, das Projekt Manchester City als das private Vergnügen eines Mannes kleinzureden, der zufälligerweise eben auch Regierungsmitglied und Bruder des Präsidenten Muhammad bin Zayid ist, überzeugen aber konnte diese Darstellung bislang kaum jemanden.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass sich Großbritanniens Premierminister Andy Burnham beunruhigt über das Gedankenspiel äußerte, die Geldgeber von ManCity könnten sich wegen des aktuellen Schuldspruchs zurückziehen: „Ich würde mir große Sorgen machen, sie zu verlieren“, sagte er der BBC. Bis im Sommer 2026 war der Labour-Politiker fast ein Jahrzehnt Bürgermeister von Greater Manchester und lernte dabei die Investitionen der VAE in die Stadt zu schätzen. Das Vereinigte Königreich insgesamt profitiert von der Investitionsfreude des Golfstaats. Mehr als 35 Milliarden Euro sind so seit 2021 ins Land geflossen, unter anderem in die Bereiche Verteidigung, Biowissenschaften und Technologie. Und laut der Nachrichtenagentur Bloomberg sollen Bedienstete der VAE in Gesprächen angedeutet haben, eine drakonische Strafe für Manchester City könnte diese Investitionsbereitschaft mindern.

Von den oppositionellen konservativen Tories wurde Premierminister Burnham hart für seine Parteinahme zugunsten der Manchester-City-Eigner kritisiert. Allerdings übte einst Tories-Politiker und Premierminister Boris Johnson im Jahr 2020 großen Druck auf die Premier League aus, als es darum ging, den Weg für die umstrittene Übernahme von Newcastle United durch ein saudi-arabisches Konsortium zu ebnen. Wie der Guardian im Nachhinein 2022 berichtete, erzählte Gary Hoffmann, der Vorsitzende der Premier League, den Vertretern der 20 Premier-League-Klubs freimütig davon und versicherte diesen, man habe sich davon nicht beeinflussen lassen. Zur Übernahme kam es jedenfalls im Jahr 2021.

Dass die Premier League im Vergleich zu früher strenger versucht, ihre Finanzregeln durchzusetzen, hat mit etlichen zwielichtigen Investoren der letzten Jahre zu tun. Sie hinterließen hochverschuldete und funktionsuntüchtige Vereine wie etwa Leicester City, den Meister von 2016, der heute nur noch drittklassig spielt.

Glaubwürdig ist das allerdings nur, wenn Konstrukte wie Manchester City oder Newcastle United keine Sonderbehandlung erfahren. Zu der City Football Group, die von ManCity als Topklub angeführt wird, zählen übrigens fast ein Dutzend weitere Klubs wie etwa der spanische Zweitligist FC Girona oder der französische Erstligist ES Troyes AC. Die Lage ist kompliziert. Der europäische Fußballverband Uefa hat sich bislang mit Äußerungen zum konkreten Fall zurückgehalten. Laut Rui Pinto, dem Gründer von Football Leaks, stand der heutige Fifa-Chef Gianni Infantino bis 2016 in seiner Rolle als Uefa-Generalsekretär Investorenklubs wie Manchester City oder Paris Saint-Germain in Bedrängnis hilfreich zur Seite.

Als 2019 die Uefa ManCity wegen Verstößen gegen Financial Fair Play für zwei Jahre aus der Champions League ausschloss, milderte der Internationale Sportgerichtshof die Sanktion in eine Geldstrafe ab. In der Uefa selbst gibt es einen Konflikt zwischen Kräften, die sich für mehr oder weniger Kontrolle einsetzen.

Prominenteste Figur der letzteren Gruppierung ist der Katari Nasser Al-Khelaifi, der sich mit allerlei Ämtern eine gute Ausgangsposition verschafft hat. Er ist Vorsitzender der Sportsparte von Katars Staatsfonds, der beispielsweise Paris Saint-Germain kontrolliert, Präsident von Paris St.-Germain, Vorsitzender der Interessenvertretung der europäischen Fußballvereine (ECA) und Exekutivmitglied der Uefa. Und er ist gewiss kein Freund von strengen Strafen für Manchester City, weil diese seinen Klub ebenfalls angreifbar machen würden.

Seine komfortable Ausgangslage hat er auch prominenten politischen Kräften zu verdanken. Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy hatte 2010 in den Élysée-Palast eingeladen, um die Rettung von Paris St.-Germain durch katarisches Geld mit der Stimmabgabe für die WM in Katar zu verbinden. Dies war der Startschuss für Al-Khelaifis wundersame Karriere zum wohl mächtigsten Fußballfunktionär Europas.

Derlei Verbindungen und die heißen Drähte ins Königshaus der Vereinigten Arabischen Emirate ermöglichen es den Führungskräften von Manchester City, allergrößte Gelassenheit auszustrahlen. Der Schweizer Nationalspieler und ehemalige City-Profi Manuel Akanji berichtete jüngst, er habe mit ehemaligen Teamkameraden in Manchester gesprochen: „Es hieß, wir sollen ruhig bleiben, sie haben alles unter Kontrolle, es sei nichts Großes passiert. Ich vertraue den Verantwortlichen bei ManCity, dass es auch stimmt.“

Es ist davon auszugehen, dass das Strafmaß, das aus dem Schuldspruch der Premier League zu folgen hat, erst einmal mit allen Mitteln der juristischen und politischen Kunst verformt wird.

Und die Sportwashing-Experten aus den Golfstaaten können darauf setzen, dass die Empörungsbereitschaft des durchschnittlichen europäischen Fußballkonsumenten nicht allzu groß ausfallen wird. Schließlich haben sie in den letzten Jahren großen Gefallen daran gefunden, wenn die allergrößten Fußballstars sich in der Champions League auf wenige Teams konzentrierten. Wenn kommenden Mittwochabend Manchester City dann Paris St.-Germain empfängt, wird dieses Spektakel vom TV-Publikum kaum aufgrund der aktuellen Vorkommnisse boykottiert werden.

Wer will schon das Gipfeltreffen mit Erling Haaland und Rayan Cherki auf der einen Seite sowie Chwitscha Kwarazchelia und Ousmane Dembélé auf der anderen Seite verpassen?

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